Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 124 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 7 Prag. Am Mittwoch, den 5. Februar, dem Tage vor „Erew Resch-Chodesch-Adar, abends, versammelte sich im jüdischen Nathau.se eine zahlreiche Menge von Herren aus der Prager Gemeinde, um die erste Wiederkehr des Jahrzeilstages des verewigten Oberrabbiners Dr. Ehrenfeld s. A. in feierlichem Gedenken zu begehen. Unter den Anwesenden bemerkte man: Oberrabbiner Dr. H. Brody, den Schwiegersohn und Amtsnachfolger des Verewigten, sowie die beiden Söhne des Letzteren, die Herren Gabriel und David Lieben, Herrn Rabbiner Dr. Kisch, die Advokaten Dr. Jeitteles und Dr. Kohner, Herrn Gymnasialprofessor Dr. Eigen Lieben, Herrn MUDr. Salomon Lieben und viele andere; insbesondere waren auch vollzählig alle Teilnehmer der ständigen, im jüdischen Rathause abgehaltenen Schiurim, welche noch unter der Aegide des verewigten Oberrabbiners eingerichtet wurden, erschienen. Die Feier begann mit dem „Lernen" eines Perek Mischnajos, und nachdem dies unter der bewährten, tiefes talmudisches Wissen offenbarenden Leitung des Herrn Dr. B. Jeitteles geschehen, knüpfte der Vortragende daran herzliche Worte des Gedenkens für denverewigten Oberrabbiner, der allen Mitgliedern der Gemeinde :ats leuchtendes Vorbild dastehe in seiner tiefen Begeisterung für gründliches Erfassen und genauestes Befolgen der Lehren des Talmuds. . Hierauf erhob sich der jetzige Oberrabbiner Herr Dr. Vrody und führte in meisterhafter Weise, unter scharfsinniger Erklärung einer schwierigen Talmudstclle aus, daß es zu allen Zeiten im Judentume als heilige Pflicht galt, den Weisen des Talmuds Ehre zu - erweisen, und daß es insbesondere an diesem Tage eine heilige Pflicht war, der die zahlreichen Teilnehmer an der Feier gefolgt waren, da sie die erste Wiederkehr des Jahrzeitstages des verewigten Oberhauptes der Prager Gemeinde durch eine Feier im wahren jüdischen Sinne ehrten. August van Bim« Der in London verstorbene berühmte Ce.list und Schauspieler August van Biene gehört einer alten holländischenJudenfamilie an. Er wurde im Jahre 1850 in Amsterdam geboren, woselbst er das Cheder und später die Talmudschule besuchte. In ganz jungen Jahren kam er mit seinen Eltern nach London, wo er als armer Junge sein Leben durch Violoncellospiel in den Straßen und Höfen fristete. Hier wurde er von Sir Michael Costa entdeckt, der ihn in seinen Schutz nahm und ausbilden ließ. Interessant ist, daß van Biene infolge eines Gelübdes jährlich am 16. November nachts an derselben Stelle, wo er seinerzeit von Michael Costa aufgegriffen wurde, auf offener Straße, wie einst in seiner Jugend, auf seinem Cello spielte und die Einnahmen hiefür wohltätigen Zwecken zuführte. Später wandte sich van Biene auch der Schauspielkunst zu, aus welchem Gebiete er gleichfalls Hervorragendes geleistet hat. In seinen eigenen Kompositionen findet man fast immer Anlehnungen an altjüdische Musik. Er wurde unter überaus großer Betei.igung nach sephardischem Ritus auf dem spanisch-portugiesischen jüdischen Frieohof in London beerdigt. Feuilleton. Aus guter alter Zeit. (Eine historische Erzählung.) Mit dem glühendsten Hasse gegen die Ketzerei erst'llt, begann Ferdinand II., gleich nach, seinem Regierungsantritte, in seinen Erbländern, Steiermark, Kärnten und Krain den Protestantismus gewaltsam auszurotten und versuchte, als er noch bei Lebzeiten des kinderlosen Kaisers Mathias zum Könige von Böhmen und von Ungarn ernannt worden war, ein Gleiches in diesen Ländern durchzusetzen. Die Böhmen jedoch, auf einen Majestätsbries Rudolfs II. sich stützend, widersetzten sich ihm mit Gewalt und stürzten seine Abgejsandten vom Fenster des Hradschiner Schlosses zu Prag herab. Doch als Ferdinand, 1619, seine deutsche Kaiserwahl durchsetzte, brach er mit Hilfe der katholischen Ligue den Widerstand Böhmens, das nun alle seine Privilegien verlor, durch Hinrichtungen, Güterkonfiskationen und Vertreibung unzähliger Familien zum Gehorsam und durch Einführung der Jesuiten zum Katholizismus zurückgeführt wurde. Mit der Unterwerfung dieses unglücklichen Landes verpflanzte Ferdinand den Krieg in das übrige Deutschland, der als Religio nskrieg tzum dreißigjährigen Kriege erwuchs. Wie dieser in Prag begonnen, so hatte er auch seinen Kulminationspunkt in Prag mit dem Einfall der Schweden über Hradschin und Kleinseite und der dreimonatlichen Belagerung der Alt- und Neustadt. So gleichgültig die Inden gcgeniüber dem Religionskriege innerhalb der Christenheit standen. nachdem keine der beiden Parteien ihnen besser als die andere gesinnt war, so siegte in ihnen doch das patriotische Gefühl, als ein äußerer Feind sich, in diesen Krieg mischte, und die Juden Prags hälfen tapfer mit, die Schweden zurückzudrängen, so daß bei allem Hasse gegen sie ihnen die Anerkennung nicht versagt werden konnte. Nicht daß die härten Ausnahmsgesetze, unter denen sie standen, gemildert worden wären, aber man schenkte ihnen eine — Fahne, und sie waren so stolz auf diese Gnade, daß sie das Geschenk in ihrem Heiligtume, der Altneuschul, bis zum heutigen Tage aufbeiwahrten. Auch der Wellenschlag des dreißigjährigen Krieges wurde in Prag mehr als in anderen Städten verspürt. Ueber die ausgesogene und ausgeplünderte Stadt kam eine Seuche, die 32.000 Menschen dahinraffte. Selbstverständlich, daß der Würgeengel das enge und düstere Ghetto noch mehr mitnahm, als die anderen Stadtteile. Und als sich an der Neige des traurigen Jahrhunderts noch infolge der im dreißigjährigen Kriege begonnenen Einmischung Frankreichs iu deutsche Angelegenheiten der neunjährige Krieg, Ludwigs XIV., Argen Deutschland entwickelte, kam eine Bande französischer Mordbrenner nach Prag und verwüstete die Stadt, in der Judenstadt aber die ärgsten Schandtaten verübend. Zu derselben Zeit lebte im Prager Ghrtto ein junges, reiches Ehepaar, Lazar Abeles und Frau. Die französische Mordbrennerbande raubte ihär nicht nur sein Vermögen, sondern zerstörte auch sein eheliches Glück. Bella gebar einen' Knaben,' der den Namen Simon, diminutiv Simele. erhielt. Der Makel, der an der Genesis dieses Kindes hastete, tat der Mutterliebe keinen Eintrag, aber der Kummer zehrte an ihr, sie kränkelte und starb nach wenigen Jahren. Lazar beweinte sie. als das schmerzensreiche Opfer entmenschten Judenhasses, sein Herz wurde nur noch verbitterter gegen die Außenwelt, aber er ließ das Kind nicht fühlen, welchem Verbrechen es sein Dasein verdankte. Es war ja doch ihr Kind. Die Buben im Ghetto aber belegten ihn mit dem Schimpf, der Knabe mied ihre Spiele und Unterhaltung, er wurde rot, sobald die Kameraden an sein bemakeltes Dasein erinnerten, der Vater aber wollte ihn zum frommen Juden erziehen und so die Schuld sühnen, mit der es zur Welt kam. Lazar Abeles heiratete zum zweiten? male. Auch die Stiefmutter war dem Knaben nicht abhold. Die Mißhandlung und der Spott der Spielgenossen weckte in dem Knaben einen Widerwillen gegen alles jüdische Wissen und jüdische Leben, und je strenger Lazar Abeles das Lernen und Beten und die religiösen Zeremonien von ihm forderte, desto verhaßter wurde ihm dies alles. Oft mußte Lea ihä vor Züchtigung schützen, aber das Gesühl der Anhänglichkeit und Dankbarkeit, das sonst bei Kindern dieses Alters vorw altend ist, mangelte Simele ganz.. Er hatte weder zu Lazar noch zu Lea die geringste Neigung. Der Knabe war verbittert, er mied die Judenbuben, suchte christliche Spielgenossen auf, in deren Auge er ohne besondere Bezmakelung war. In Simele regte sich der Wunsch, Christ zu sein, und es quälte ihä hie Frage, wie es Wierhen? Er war jetzt zwölf Jahre alt, aber physisch entwickelter, als jüdische Knaben dieses Alters, und trotz alles Abscheues davor hatte er einen reichen Schatz jüdischen Wissens inne und stand geistig über seinen christlichen Altersgenossen. Sein Charakter war jedoch noch, der seines gewöhnlichen Alters: die Energie zur Erfüllung seines Wunsches fehlte ihär. Dafür bedurfte er noch, der