Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 Seite 119 Dr. Vkochs Wochenschrift. Noch krasser liegt der Fall mit der sittlichen Verrohung in der Politik. Wer hat das „Schußzeld auf Juden" gefordert, das Schlagwort vom „Hängen und Köpfen" ausgegeben. wer die Pogromhelden gefeiert, wer die Knüppelhelden in Versammlungen geführt, den Geschworenen ged oht, wer hat Horden durch die Leopoldüadt geführt, alle Feinde der Juden zur Brutalität ermuntert und aufgchktzt? Es war wahrhaftig eine Schule der Verkommenheit, in welche die Bevölkerung Wiens und des Reiches von den Ciristlich-Sozialen genommen wurde und die Resultate dieser „Volksschule der R'aktion" gehen aus der erschreckend vermehrten Verbrecherchronik z'ff rnmäßig hervor. Ein Erfolg der christlichsozialen Hetze ist nun auch das schreckliche Verbrechen an Schuhmeier. Di ser Kunschak ist ein Opfer der antisemitischen Volkserzieher, er hat nur ins Christliche übersetzt, was man in seinen Parteikreisen gegen die Juden sich erlaubt hat. Ein christlichsozialer Zögling mit interkonfessionellen Ansichten — das ist alles. Das werden auch die offiziellen Christlich-Soz'alen mit ihrer Ablehnung des Verbrechers und des Verbrechens, mit der ganzen Komödie ihres Beileids und Mitleids nicht beschönigen können. Das Präsidium dss Vereines zur Abwehr des Antiftmitismus sendet uns folgende Zuschrift: An den Herausgeber der „Oesterr. Wochenschrift", Herrn Dr. I. S. Bloch, Wien. Ein sehr zeitgemäßer Gedanke war es, jene charakteristische Episode der Vergessenhüt zu entreißen, die sich im Abgeordnetenhause anläßlich der Debatte über die Schulgebete im Jahre 1893, somit etwa 20 Jahre vor dem eucharistischen Kongresse zu Wien abspielte, sowie die goldenen Worte wiederzubringen, die der unvergeßliche Volksmann Kronaweiter vor einem Vierteljahrhundert in einer Wählerversammlung als Abfuhr einigen antisemili chen Interpellanten entgegenfchleuderte. Die Tatsache, daß das „Vaterunser" aus jüdischen Gebeten sich zusammensetzt, verdiente namentlich die größte Verbreitung. Es wäre im Interesse der Toleranz und Aufklärung gelegen, dieselbe in die weitesten Kreise - hoch und niedrig — zu tragen, damit dem konfessionellen Eigendünkel, diesem Fußschemel des Rassendünkels und Rassenhasses die Unterlage entzogen werde. Die hierüber in der vorigen Nummer S. 94 und 95 gebrachten Ausführungen stellen sich daher als eine äußerst verdienstliche Leistung dar, welche di? Unterzeichnete Vereinsle'tung aufs tiefste zu Dank verpflichtet. Möge es sich jeder Leser angelegen sein lassen, die auf Grund des Quellenstudiums festgestellte Abstammung des christlichen Fundamental-Gebetes aus dem Semitischen in jeder ihm geeignet scheinenden Weise zu propagieren. Allein auch für die übrigen warmen Worte der Anerkennung, welche ihrem nun dahing eßhredenen Vorstandsmitgliede Dr. Kronawetter gezollt wurden, spricht die Vereinsleitung den aufrichtigsten Dank aus. Wien, im Februar 1913. Verzweifelte Lage der Mffchen Arbeiter in Galiriru. Die Nachrichten aus Galizien lauten immer trostloser. Dadurch, daß viele Fabriken und Werkstätten ihren Betrieb reduzieren oder ganz einstellen, wird die Zahl der jüdischen Arbeitslosen täglich größer. Unter den jüdischen Arbeitern herrscht buchstäblich Hungersnot. Viele, die sich bisher als Arbeiter anständig fortbrachten, sind nun gezwungen, ihre letzte Habe zu veräußern, um sich und ihre Familie vor Hunger zu schützen. Wer den Mut aufbringt, wandert aus. Da jedoch jetzt auch die Auswanderung erschwert, fast unmöglich gemacht wird, befinden sich die beschäftigungslosen jüdischen Arbeiter gewissermaßen in einer Mausefalle. in welcher sie elend zugrunde gehen müssen, wenn nicht rasch Abhilfe geschaffen wird. Die gali.i'chen jüdischen Arbeiter, die gerne arbeiten möchten, aber mangels einer Arbeitsgelegenheit mit ihren Familien darben, sehen es nicht ohne Neid, daß für ihre unglücklichen Glaubensbrüder auf dem Balkan große Hilfsak ionen gemacht werden, an denen sich auch die österreichischen Juden ziemlich stark beteiligen, während sich ihrer, der notleidenden galizischen Juden, die gleichfalls einer momentanen großen Hilfe bedürfen, fast niemand annimmt. Ableben eines Mischen Tafelrichters. Aus Budapest wird uns geschrieben: Der Senatspräsident der königlichen Tafel in Budapest, Dr. Karl Baumgarten, ist vor einigen Tagen infolge Herzschlag's plötzlich gestorben. Der Verstorbene gehörte zu den hervorragendsten und angesehensten Juristen Ungarns. Er begann seine Karriere als ausübender Advokat, lenk e durch sein immenses Wissen und seinen Scharfsinn bald di» Aufmerksamkeit der ungarischen Justizverwaltung auf sich, und von da ab stieg er rasch die justizielle Stufen-- leiter hinan. Vor ungefähr drei Jahren wurde er zum Senatspr-äsidenten der königlichen Richtertafel in Budapest ernannt. Ein Bruder des Verstorbenen, Dr. Isidor Baumgarten, gleichfalls ein hervorragender Jurist, bekleidet heute noch die glänzende Stelle eines SenatSpräsidenten an der königlichen Kurie, dem Obersten Gerichtshöfe in Ungarn. Em wichtiger Erlaß des ungarischen Honvedministers. Aus Budapest kommt uns die Nachricht, daß der ungarische Landesverteidigungsminister an die Kinder der Stefanskrone die Verordnung erließ, wonach das Eheverbot für Assentpflichtige vom 1. Februar d. I. angefangen, bis auf weiteres aufgehoben wird. Dieser Erlaß hat insoferne auch für die Juden in Ungarn besondere Bedeutung, als es bekannt ist. daß die Juden, besonders in Oberungarn an der galizisch^-ungarischen Grenze, sich bisher um dieses Verbot nicht kümmerten, im assentpflichtigen Alter rituelle Ehen eingingen, die vom Staate nicht anerkannt waren. Eine Folge davon war, daß die solchen Ehen entstammenden Kinder in der öffentlichen Evidenz als unehelich geführt wurden. Abgesehen von den vielfachen sozialen und materiellen Schäden, die dadurch den Kindern solcher Ehen entstanden sind, hat die Statistik eine auffallend große Zahl jüdischer unehrlicher Kinder ausqewieseri, was von den Antisemiten gewöhnlich als Waffe gegen die Juden gebraucht wurde. Durch diesen Erlaß wird hoffentlich diesem Zustande ein Ende bereites werden. Die Gründung eines jüdMen Museums in Preßburg. Es dürfte nur Wenigen bekannt sein, daß sich in Preßburg eine große Anzahl von Objekten befindet, die für den Freund jüdischer Altertümer von großem Interesse sind. Es sind dies vornehmlich kunstvolle Metallarbeiten und Stickereien, illustrierte Handschriften rmd Bücher, seltene Gelegenhütsdrucke ufw. Abgesehen von dem Lokalinteresse haben manche dieser Gegenstände auch großen kunsthistorischen Wert und stehen in keiner Beziehung den Objek en nach, die S andor Wolf in seinem trefflichen Buche „Kunst im Eisenstädler Ghetto" beschrieben hat. Es ist nun mit Freude zu begrüßen, daß sich auf Anregung des Herrn Paul Diamant aus Wien ein Komitee gebildet hat, das sich die Aufgabe gestellt hat, diese bisher zerstreuten Objekte in einem „Preßburger Jüdischen Museum" zu vereinigen und auf diese Art ein anschauliches Bild von dem Kunstsinne zu geben, der im alten Pretzbudger Ghetto geherrscht hat.