Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 118 Nr. 7 Dr. Bkochs Wochenschrift. zu dürfen glauüen. Im Ghetto bleibt nur der zurück, der nicht einmal die Mittel zur Flucht austreiben kann. Lin junger, tüchtig geschulter Handwerker krnn in Wilna wöchentlich fünf bis sechs Rubel (12 bis 15 Kronen), in Äusnahmefällen bis zu zehn Rubel verdienen. Selbst bei diesem spärlichen Einkommen opfern einige Handwerker noch eine, zwei Kronen rm Monat, um einen Turnlehrer zu besolden und ein Lokal zu unterhalten. Dieser erste Anfang bewußter Körperkultur wurde anfangs von den älteren Juden, die in den lleberlieferungen des Ghetto ausgewachsen sind, verspottet und selbst mit Argwohn beobachtet, seitdem aber die jüdischen Turner einige tüchtige Leistungen aufweisen können, werden sie widerspruchslos geduldet. Die Turnerei hat bereits einen heilsamen Einfluh auf die Pflege der körperlichen und häuslichen Reinlichkeit erzielt, wenn auch bei den entsetzlichen WohNungsverhÄltnissen an eine wirklich hygienische Lebensführung gar nicht zu denken ist. Die Kinder, die in den Kellerwohnungen im Ghetto aufwachsen, fand der Berichterstatter des Petersburger Blattes, fast ausnahlmslos mit bösartigen Hautausschlägen behaftet. Eine wohltätige Gesellchaft ermöglicht zwar die kostenfreie Behandlung mit Röntgenstrahlen, aber die Ansteckung erfolgt immer wieder aufs neue. Rabbiner Dr. Josef Kobak gest. am 30. Schebat 5673. Er ragte hinüber zu uns aus einem anderen Zeitalter. Er war einer der letzten der galizischen Haskala, einer der letzten aus dem Osten, die einen deutschen Rabbinersitz zierten. Es gab eine Zeit, in der wir auf Kodak in Bamberg als auf einen Mittelpunkt der jüdischen Wissenschaften blickten, und unter den hellklingendsten Namen auf dem Gebiete der jüdischen Literatur wurde auch der seine genannt. Er war gelehrt, eine fliehende Quelle, aus der Meister und Jünger schöpften, er war reinen und gütigen Herzens, einfachen und bescheidenen Sinnes, nur glücklich war er nicht. Mit dem Tode feiner ersten Frau begann das Unheil. Zank und Zwiespalt im Hause, traurige Vorfälle in der Familie nötigten ihn, Bamberg zu verblassen, und seitdem war er der Menschheit und der Wissenschaft verloren. Die Gemeinde, an deren Spitze er so lange ruhmreich gestanden, sorgte, ebenso wie seine Heimatgemeinde, für seine materielle Existenz, aber ein glückliches Heim, eine stille, ruhige Zuflucht konnten sie ihm nicht schaffen, das Unglück, das ihn vertrieben, horte nicht auf, in seiner Familie 'zu wüten. Er trank den Becher der Kränkungen und Leiden bis zur Neige. Der Redakteur der „Jeschurun", der Sammler der „Ginze nistorat", der gelehrte Forscher und geistreiche Ereget, hätte nicht verdient, auf fremdem Lager, im Hospital seine Tage zu enden. Es war ihm leider nicht anders zu helfen. Nach 85 Lebensjahren hat Rabbiner Kobak die Leiden seines Erdenlebens überwunden. Seine Freunde, seine Schüler und seine Verehrer werden sein Andenken in Liebe und Dankbarkeit wahren. Lemberg, 2. Adar I 5673. Dr. Iecheskel Caro. Ein chrMichrr Gelehrter Wer den Siddur. Die angesehene englische Zeitung „Spectator" brachte dieser Tage aus der Feder eines christlichen Gelehrten einen längeren Aufsatz über das jüdische Gebetbuch. Der Verfasser, der von der Redaktion der Zeitschrift ein ang^ehener christlicher' Theologe genannt wird, ist ganz entzückt von der Gottesliede und ebenso von der Liebe zu Fremden, die das jüdische Gebetbuch in allen seinen Stellen durchweht. Der jüdische Gott ist ein Gott der Gnade und der Liebe, der seine Hand sogar dem Sünder entgegenstreckt. Die große Lebensfreude, die aus dem jüdischen Siddur Zu uns spricht, mutz — so meint der Autor — jeden Nichtjuden überraschen, wenn man bedenkt, welch tragische Geschichte das Judentum durchgemach't hat. Abgesehen von einigen wenigen Stellen, aus denen tiefe Wehmut über den Druck und die Verfolgung klingt, versetzt einen der fröhliche und lebendige Ton der jüdischen Gesetze in wahres Erstaunen. Besonderes Entzücken erwecken die Sabbathgebete, wie das Lechodaudi und andere. Schlietzlich verweist der Verfasser darauf, datz der Siddur weit entfernt von Aberglauben ist, was man von anderen Gebetbüchern nicht immer sagen könne, und auch beim Siddur um so erstaunlicher ist, als er schon über 1000 Jahre alt ist. Ikorrespondenzen. Der Mord an Schuhmeier. Ein Schuß ist in Wien gefallen, dessen Gellen bis weit hinaus gehört wird über die Grenzen der Monarchie. Ein Agitator der christlichsozialen Arbeiterbewegung, der Bruder des christlichsozialen Gemeinderats und Landtagsabgeordneten Kunschak hat in der Ausganghalle des Nordwestbahnhofes den geistig hervorragenden Sozialdemokraten Abgeordneten Schuhmeier meuchlings erschossen. Allgemein ist das Bedauern für das Opfer der blutigen Tat. Glänzende Fähigkeiten und eine unermüdliche Arbeitskraft haben Schuhmeier aus den kümmerlichsten Anfängen zu einem großen Anwalt der österreichischen Arbeiterpartei emporgehobcn. Ein Patriot der Residenzstadt, gehörte er zu den Lieblingen nicht nur seiner politischen Anhänger, sondern der Bevölkerung überhaupt, welche er durch seine Begeisterung für die Wahrheit, wie durch die witzige und .schlugferfM Hrt Auftpelens. gety.ayy,. die .schwer, einen Ersatz finden wird. Diesen hervorragenden Mann hat ein Nichts von einem Menschen getötet, einer aus dem Trosse Geßmanns, einer, der den schwarzen Feinden der Arbeiterschaft eine Gefolgschaft in den Fabriken anwerben wollte. Angeblich wurde dieser vazierende Metalldreher zu seinem Verbrechen durch den Umstand gezwungen, daß er von den Sozialdemokraten, deren Organisation er sich nicht auschließen wollte, aus jeder Stellung gedrängt wurde. Diese Darstellung kann man füglich kaum ernst nehmen. Zumal da der Täter einen Bruder mit nicht geringem Einkommen und großem Einfluß hat und die Christlich-Sozialen ihre verdienten Getreuen an ihrer großen Rathauskcippe reich zu versorgen pflegen. Von einer Elendskatastrophe kann also nicht gesprochen werden. Ueberdies, wer hat eigentlich den wirtschaftlichen Boykott erfunden, wer hat ihn gegen die bestehenden Gesetze durchgedrückt, ihn jahrelang ausgeübt, für ihn agitiert? Niemand anderer als die Christlich-Sozialen haben Haß und wirtschaftliche Bedrückung ermöglicht durch ihr Schlagwort: „Kauft nicht bei Juden!" das in j'der Versammlung unter tosendem Beifall widerhallte, in jedem christlichsozialen Blatte endlos wiederholt wurde. Wie viele jüdische Arbeiter, Handwerker, Kondukteure hat man brotlos gemacht, blos weil sie Juden sind? Man täuscht sich gewaltig, wenn man glaubt, daß ein gesetzloses Vorgehen gegen die Juden erlaubt und anderswo verboten werden kann. Wenn einmal das Prinzip der Gesetzlosigkeit durchbrochen ist, so lassen sich nirgends mehr Dämme aufrichten. Diese Wahrheit kann man den staatlichen Machthabern wahrhaftig nicht oft genug ins Bewußtsein rufen. Die Christlich- Sozialen haben die furchtbare.Waffe des wirtschaftlichen Kampfes, die gesetzlich verboten war, in Oesterreich wieder eingeschmuggelt und eingeführt. Diese Waffe wurde dann auch von anderen ergriffen und gebraucht und sollten die Christlich-Sozialen von ihr verwundet werden, so büßen sie uur ihre ureigensten Sünden.