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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-02-14 · 7 (14.2.1913) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 117 die schmutzigeren Gewerbe hineinstieß. . Nietzsche räumt den Juden eine hohe Eeistesstellung ein: „Ihrer geistigen Geschmeidigkeit und Gewitztheit sind sie so sicher, daß sie nie. selbst in der bittersten Lage nicht, nötig haben, mit der physischen Kraft, als grobe Arbeiter, Lastträger, Ackerbausklaven ihr Brot zu erwerben." In richtiger Erkenntnis sieht Nietzsche, daß die Bedrückungen, „die Schule von achtzehn Jahrhunderten", sowohl dem ganzen Volke, als auch dem Einzelnen zugute gekommen sind: denn dadurch haben sie leiden gelernt und große seelische Hilfsquellen erworben. „Sie greisen in der Not am seltensten von allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder zum Selbstmord, um einer tiefen Verlegenheit zu entgehen." Einen großen Hort erblickt er in der ruhmreichen Geschichte der Juden, wo sie die reichsten Funde an Besonnenheit und Tapferkeit, an Tollkühnheit und bedachtsamen Zaudern finden. „Wohin soll diese Fülle angesammelter großer Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jede jüdische Familie ausmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werke!" Jüdische Emigranten im Hasen non Newyark im Jahve 1812 Die Jahresversammlung des Vereines „Hachnusaß Orchin" hat unter dem Vorsitze des Richters Leo Sanders stattgefunden, bei welcher über tausend Organisationen der Juden in den Vereinigten Staaten vertreten waren. Als Sprecher fungierten: Josef B arondes, Oskar Strauß, Jakob Schiff und Kongreßmann Goldfogle. Dem Jahresbericht entnehmen wir die statistische Zahl, daß im Laufe des Jahres 1912 im Hafen von Newyork 64.738 jüdische Emigranten gelandet sind, u. zw. 35.127 Männer, 29.611 Frauen. Die Einwanderungsbehörde hat insgesamt 3133 Personen an der Landung verhindert, für welche der Verein bei der Einwanderungsoberbehörde in Washington den Rekurs überreicht hat. Die Appellation war in den meisten Fällen von bestem Erfolge, nur 640 Personen sind zurückgeschickt worden. Alle übrigen erhielten die Freiheit und gingen ans Land. Jüdische Auswanderung im Monate Dezember. Im Monate Dezember 1912 sind im Newyorker Hafen 6512 jüdische Einwanderer gelandet, und zwar 3693 Männer und 2819 Frauen. Die Einwanderer kamen aus: Rußland 4486 Oesterreich-Ungarn 1137 England 274 Rumänien 146 Türkei 144 der Rest aus verschiedenen anderen Ländern. Im Monate Dezember 1911 sind in Newyork 6985 jüdische Einwanderer gelandet. Zu den obenerwähnten 6512 jüdischen Einwanderern kommen noch jüdische Einwanderer im Hafen von Philadelphia 773, kn Baltimore 370, und in Galveston 208, so daß die gesamte jüdische Einwanderung in Amerika im Dezember 1912 7863 Seelen ausmacht. Tragik drs Renegatentums. Dr. Teytz, Redakteur des tschechischen „Rozvoj" in Prag, schreibt über „Getaufte Juden". „Die Taufe bedeutet hier in der Regel eine Flucht („utek'Z aus der jüdischen Gemeinschaft, welche mit Religion und Grundsätzen nicht das geringste zu tun hat.' Deshalb kann ein getaufter Jude niemanden sympathisch sein und nicht einmal der größte Fanatiker, der auf Proselyten versessen ist, kann an dieser Spezies Gefallen finden. Durch die Taufe erreicht freilich der jüdische Konvertit sein Ziel nicht völlig. Daß er als Jude geboren ist, bleibt an ihm in der Regel sichtbar, daß er ein Angehöriger der christlichen Kirche geworden ist, kann er nur durch den Taufschein beweisen. Und weil er fein ererbtes Gesicht nicht in den erworbenen Taufschein eingehüllt tragen kann, gestaltet sich seine Situation oft sehr unliebsam. Daher sucht oft solch ein getaufter Jude bei jeder Geh legenheit sein frischgebackenes Christentum zu erhärten: die Geschichten von den Kommerzialrätinnen mit den großen Kreuzen auf der Brust sind hinlänglich bekannt." Ebenso demonstrativ suchen sich neuerdings getaufte Juden in katholisch-klerikalen politischen Parteien zu betätigen. (Wörtlich:) „Darin steckt viel jüdische Tragik. Der Jude, welcher, weil er nicht mehr religiös lebt, den Rückhalt im jüdischen Selbstbewußtsein verliert, büßt vollständig sein Gleichgewicht ein. hat kein Vertrauen zu sich und sucht mächtige Stützen." Das unterirdffche Ghetto. (Traurige Zu st ä n d e.) Ein Mitarbeiter der „Rjetsch" schildert die Eindrücke, die er beim Besuch des Ghetto von Wilna, eines der berüchtigsten Iudenviertel des ganzen Ansiedlungsbezirkes, empfing. Hier wohnen die Menschen so enge nebeneinander, daß der Hochbau nicht mehr ausreichte und die Wohnstätten sich in die Tief: des Bodens eingraben. In über 200 solchen Kellern wohnen mindestens 1500 Juden, in feuchten, schlüpfrigen Räumen mit festgestampftem Erdboden, deren Höhe selten über 18 Meter beträgt und die, da sie fast immer unter dem Niveau der Straßen liegen, durch Luken in der Decke kümmerlich erhellt werden. Mit Gräbern möchte man diese Höhlen vergleichen, meint der Berichterstatter, wenn nicht für die Toten eine fast doppelt so große Bodenfläche vorg--schrieben wäre, wie sie hier durchschnittlich auf einen Einwohner entfällt. Im ersten Haus fand der Besucher zwei unterirdische Stockwerke untereinander. Im oberen Raume wohnen lauter alte Leute mit einigen kleinen Kindern. Die Erwachsenen sind nach Amerika ausgewandert und lassen nichts von sich hören. Die Erwerbsquelle der Frau, die dieser Haushaltung vorsteht, ist der Ofen, der von früh bis spät geheizt wird. Die armen Nachbarinnen kommen mit Töpfen und Pfannen, di" sie am Ofen wärmen, und bezahlen dafür je eine Kopeke. In einer Ecke führte eine Leiter ins untere Stockwerk, in dem zwei Greise, beide Bettler, im Dunkel am Boden lagen, weil gerade Sabbath war und kein Licht angezündet werden durfte. Die übrigen fünf Bewohner waren ausgegangen. Für das „Wohnrecht" in dieser Höhle zahlt jeder Kr. 1 30 wöchentlich oder etwa 20 Heller im Tag. Der Hausherr erhält von der Wirtin, die dabei den Raum noch heizen muß. jährlich 100 Rubel (250 Kronen). In einem anderen unterirdischen Wohnraum sind drei verschiedene Werkstätten eingerichtet, eine Klempnerei, eine mechanisch? Strickerei und eine Schneiderbude. Vier Familien wohnen hier zusammen. Die Luft war zum Ersticken, aber die Bewohner vermißten das sonst immer vorhandene Schiebfensterchen nicht, das im Winter, während die Fenster verkittet sind, eine Lüftung ermöglicht, weil die schlecht schließenden Fensterrahmen die eisige Zugluft nur zu leicht durchließen. Hier wohnen die Aermsten der Juden, Lumpensammler, Bettler, aber auch Handwerker, deren Stand längst den goldenen Boden verloren hat. Die Meister arbeiten allein, ohne Gesellen oder Lehrjungen. Die jungen Leute wandern fast alle aus, die wenigen, die Zurückbleiben, besuchen die Handwerkerschule, durch deren Errichtung man die wirtschaftliche Lage des jüdischen Proletariats zu heben hoffte. Aber nach ihrer Ausbildung ziehen fast alle die Auswanderung nach Amerika vor. weil sie dort fast sicher auf bessere Lebensbedingungen hoffen

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