Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sette IIS Nr. 7 Dr. Bkochs Wochenschrift. linge nach allen Richtungen aus, so daß sich sein Anhang in gefahrdrohender Weise vergröberte. Sultan Mohammed erkannte die große Gefahr, die seinem Reiche drohte, und sandte seine Heerführer aus. um den Aufstand niederzuschlagen. Jedoch zweimal wurden dieselben besiegt; Mohammed mutzte schließlich alle seine Heeresmassen aus Europa und Asien um sich sammeln, bis es ihm gelungen war, die Rebellen zu vernichten, die Führer — unter ihnen auch Samuel — gefangen zu nehmen und sie hinrichten zu lassen. Der Aufstand der Derwische und der Kampf gegen dieselbehatte ein volles Jahr in Anspruch genommen. Im Jahre 1421 starb Mohammed in Adrionopel und sein Sohn Murad II. bestieg im jugendlichen Alter von 18 Jahren den Dhron der Osmanen. Er war nicht nur ein mutiger Krieger, sondern auch ein großer Politiker und den Juden sehr freundlich gesinnt. In seine Regierungszeit fällt die Eroberung der zweitWichtigsten Stadt des Balkans, der für den Verkehr von Europa nach dem Orient so wichtigen Hafenstadt Saloniki, der, in Ansehung ihrer. wichtigen Bedeutung als berühmte Judengemeinde, ein besonderes Kapitel gewidmet werden soll. Während der Regierungszeit Murad II. (1421 bis 1451) hatten sich auf dem Balkan verschiedene jüdische Gemeinden von den Vertriebenen aller Länder gebildet, und auch dem religiösen Studium waren neue Stätten erstanden. So war in Widdkn, im hohen Norden des türkischen Reiches, ein ,Lehrhaus von dem Gelehrten R. Schalom A s ch k e n a s i aus Wr. - Neustadt gegründet worden. In Adrianopel selbst waren gleichfalls nach und nach aus solchen Emigranten neue, selbständige Gemeinden entstanden. An der Spitze der aschkenasischen stand der Gelehrte Ri I s a a k Z Ur f a t i, der durch feine außerordentliche werktätige Rührigkeit bald das Haupt aller Gemeinden in Adrianopel und des ganzen Landes wurde. Sein Name hat sich in einem Sendschreiben verewigt, welches er an die gesamte europäische Judenh it gerichtet hatte, um allen jenen, die sich in den europäischen Ländern gedrückt und verfolgt fühlen, den dringenden Rat zur Auswanderung nach der glücklichen Türkei zu erteilen. Es war ein Aufruf, der ihnen den Gegensatz des blühenden Zustandes der Juden unter osmanischer Herrschaft, zu denen aller andern unter den christlichen Regierungen des Abendlandes lebenden Glaubensgenossen in sinnfälliger und eindringlicher Weise darstellt,e. Er fühlte sich zu diesem Appell durch die Ankunft zweier junger Flüchtlinge aus Deutschland veranlaßt, die nach Adrianopel gekommen waren und mit Staunen das schöne Land bewunderten: mit noch größerem Er-? staunen jedoch die Freiheit und Ungezwungenheit der Bewegungsmöglichkeiten bei den jüdischen Glaubensgenossen, eine Erscheinung, die ihnen vollends fremd war. Sie konnten sich nicht enthalten, vor R. Isaak Zarfati ihrem inneren Mitgefühl und tiefem Schmerze mit ihren Brüdern in deutschen Ländern Ausdruck zu geben: unter welchen Qualen und beständigen Gefahren diese leben, während sie ein neues, gelobtes Land sehen. So entstand der Aufruf — wie es in demselben wörtlich heißt, gerichtet — „an die jüdischen Gemeinden, die in Deutschland sind, in den Städten S chwabens, des Rheinland es, Steiermarks, Mährens und Ungarns". Es ist ein Dokument der mittelalterlichen Zeitenschande und ein Monument der dankbaren Anerkennung des osmanifchen Afyles, das die wie ein Wild gehetzten Juden jener Zeit in demselben gefunden hatten. Es wird in demselben Aufruf auch auf das unmenschliche Gesetz des venetianischen Dogen v. I. 1427 hingewiesen. daß jeder Schiffsrheder verpflichtet sei, so sich auf dem Schiffe Juden befinden, die nach dem Orient auswandern wollten, sie in unbarmherziger Weise ins Meer zu werfen,- so sollte den Juden auch der Weg zur Flucht in ein menschenfreundlicheres Land unmöglich gemacht werden. Die Beziehung des Sendschreibens auf dieses grausame Edikt legt es auch nahe, daß der offene Brief an die deutschen Glaubensbrüder bald nachher verfaßt worden ist. Die Folge dieser unbarmherzigen venetianischen Maßregel war es auch, daß die flüchtenden Juden nicht den leichteren Weg zu Wasser, sondern den viel schwie-i rigeren und mit mehrfachen Gefahren verbundenen Weg zu Lande, nach den Balkanländern nehmen mußten: denn in der Macht Venedigs lag die ganze Schiffahrt nach der Levante. Gleichzeitig mit R. I. Zarfati lebte in Adria-? nopel der Rabbi Chan och Saporta aus Kata--. konien, der bestrebt war — gleich den spanischen Gelehrten seiner früheren Heimat — nebst dem taU mudischen auch das profane Wissen unter seinen Glaubensgenossen zu verbreiten. Es war noch ein anderer wohltätiger Einfluß, den er in seinem Wirkungskreise ausübte, wenn er auch später sehr angefochten worden ist, und nicht mit Unrecht, da er mit Gefahren für die religiöse Immunität des traditionellen Judentums verbunden war. Es war nämlich eine große Karaitengemeinde zu derselben Zeit von der Halbinsel Krim her in Adrijnopel entstanden: es entwickelte sich unter dem Einflüsse des R. Chanoch mit den Häuptern der Karaiten ein inniger wissenschaftlicher Verkehr, wodurch die Feindschaft Mischen Karaiten und Rabbaniten außerordent-j lich gemildert wurde. Murad hatte auch einen jüdischen Leibarzt. Jakob mit Namen, den er so lieb gewann, daß er ihn seinem Sohne Mohammed besonders anempfahk. der ihm dann, als er selbst Sultan wurde, ein besonderes Schutzschreiben mit außerordentlichen Begünstigungen für ihn und alle seine Nachkommen ausstellte. Murad II. hatte fein Reich vielfach vergrößert, indem er den Byzantinern den größten Teil der Halbinsel Morea abnahm, so auch Patras und Korinth: an diesen Orten waren schon seit unvordenklichen Zeiten Juden angesiedelt: als sie der Türkei zufielen, zog ein großer Teil von ihnen nach Adrianopel, wodurch diese Gemeinde immer mehr sich vergrößerte. Nach ihm kam Mohammed II. auf den Thron (1451—1481). Er hielt einen großartigen, von Jubel begleiteten Einzug in Adrianopel, und es wurde ihm für die Zukunft von den Weisen des Reiches ein glückliches Horoskop gestellt, das sich auch erfüllen sollte. Auch die Juden zeichneten seinen Namen in ihrer Art aus: sie nannten ihn „Arjeh", den Löwen, die vier hebräisch geschriebenen Buchstaben „Mif". „R", „I" und „H" — das „e" als Vokal wird im Hebräischen nicht ausgeschrieben, sondern nur punktiert, zählt also nicht mit — bezeichnete nämlich die Jahreszahl, in welcher er nach jüdischer Zeitrechnung den Thron bestiegen hatte, und Mar das „Alif" — 1, „R" — 200, „I" ----- 10 und das „H" — 5000, zusammen 5215. Ihm war es beschießen, dem Reiche eine neue Hauptstadt zu geben, die bisherige Hauptstadt des byzantinischen Kaiserreiches — Konstanti nopel. % Hiermit war die Herrlichkeit Adrianopels äfe Residenz der Osmanen zu Ende. Aber auch die Glanzzeit ihrer Judengemeinde war hiedurch verblaßt. Einmal noch sollte ihr eine Sonne aufleuchten und ihren Namen mit dem Regenerator des rabbinischen Judentums «UM««««« “‘ifiririiirlM