Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 114 Dk. Blochs Wochenschrift. Nr.. 7 Wahl Dr. Heltais für eine neue antisemitische Partei. Die ungarische Volkspartei soll ihn angeblich; von ferne unterstützen, diese Vereinigung von Ehrenmännern, welche in Zeiten der Wahl unter den tönend sten nationalen Phrasen die Juden zur Gefolgschaft auffordern, um sie dann nachträglich im AbgeordneLenhause zu bekämpfen. Ihr neuer Gesinnungsgenosse ist ihrer übrigens vollkommen würdig. Polonyi hat es schon wiederholt versucht, eine antisemitische Partei zu gründen, aber er hat seine PNne bald wieder fallen lassen, weil seine Vergangenheit gar zu derb ist und man ihn energisch auf die Finger geklopft hat. Das ist immer so gewesen und typisch für die politische Geschichte des AntiemitiAmus. Wenn einem Politiker die geistigen und moralischen Kräfte gefehlt haben, um auf einem anständigen Weg zu Erfolg zu kommen, so Macht er in demagogischem Antisemitismus und erreicht Meistens, daß man an seine eigene Verkommenheit vergißt, wenn er über die Verkommenheit der Juden schimpft. Diese lockende Aussicht hat Polonyi bewogen, seine alten Versuchje wieder aufzunehmen und zum Kampf gegen die Juden aufzufordern. Ein Mann mit seinen Qualitäten findet die Zustimmung des Monarchen zur Kandidatur Dr. Hellais nicht für richtig. Man wird jedoch hoffentlich in Ungarn, dem unser rückständiges Kleinbürgertum fehlt, M unterscheiden wissen Mischen dem gleißnerischrn Polonyi und dem glanzenden Dr. Heltai. Diesen wird nichts mehr aufhalten, den Stuhl des Oberbürgermeisters von Budapest zu besteigen und an dieser weithin sichtbaren Stelle wird er beweisen, daß alle Anschuldigungen gegen die Tüchtigkeit, Ehrlichkeit und den Charakter der Juden in das Gebiet der Lüge gehören. Di«ese Lügen sind gut genug für die städtische Politik von Wien, in Budapest glaubt man nicht an den Glauben, sondern an den Mann und seine Ehre. Keriihmte I«dengememde« de» osmanischrn Reiche». Von Rabbiner W. Reich in Baden bei Wien- (IV. Fortsetzung.) Bajazet I. regierte von 1389—1403, und in diese Zeit fällt auch die Vertreibung der Juden aus Frankreich. Es war im Jahre 1394, als König Karl VI. das strenge Edikt ausführen ließ. Noch sahen viele Juden Spanien als ihren nächsten und lichtsten Zufluchtsort an. Jedoch ein großer Teil derselben zog auch nach! der wohl entfernteren, aber sich bereits eines guten Rufes erfreuenden Türkei. Adrian nopel, als Hauptstadt des Reiches, wurde von ihnen aufgesucht und bildeten sie dort anfänglich! eine beson-> dere Gemeinde. Bajazet hatte viel Glück in seinen Unternehmungen: er Mang die Wallachei und sogar den griechischen Kaiser Johannes V. zur Tributzahlung und durchzog Griechenland bis zur Südspitze des Peleponnes, Ein Bündnis der. christlichen Mächte führte ihn wieder nach Norden, wo er ihnen bei Nikopylis eine große Mederlage befbrachte. Plötzlich erfolgte aber ein Mckschlag in seinen Eroberungszügen. Die Tartaren brachen in seine asiatischen Besitzungen ein; ihr wilder Anführer Timur, weil er hinkte Tamerlan genannt, besiegte Bajazet vor Angora, , nahm ihn gefangen und in der Gefangenschaft grausam behandelt, starb er nach einem Jahre eines qualvollen Todes. Bajazet erhielt von den Türken, wegen seines blitzartigen Aufstieges im Kriegsruhme und seines raschen Verschwindens, den Beinamen „el Derim", d. h. „der Blitz". Nach seinem Tode stritten die vier zurückgebliebenen Söhne durch mehrere Jahre um die Herrschaft, und es gelang schließlich dem jüngeren Mohammed, die Regierung an sich zu reißen: er herrschte bis zum Jahre 1421. Es gelang ihm, die bedeutende Stadt Smyrna in Kleinasien, die noch immer den Griechen gehörte, zu erobern. Bis dahin waren in dieser Stadt noch keine Juden ansässig: kaum jedoch war diese Stadt in den Besitz der Osmanen gekommen, als sie sich von den umliegenden Ortschaften dort ansiedelten, eine Synagoge mit dem Namen „Ezhachajim" erbauten, die noch heute besteht, und . im Laufe der Jahrhunderte zu einer solch großen Gemeinde wurden, daß sie heute zu den größten der Türkei zählt. Von dieser Stadt aus hatte der berüchtigte Sabbatai Zwi als falscher Messias seinen Siegeszug angetreten, der im 17. Jahrhundert so viele Unruhen in der Judenheit fast ganz Europas stiftete, und der dann ein solch unrühmliches, schmähliches Ende nahm. Die Juden nennen Smyrna, gleich den Türken, Ismir, und unter di<em Namen ist die.e Stadt auch in der hebräischen Literatur bekannt. Fast ein Jahrhundert war also seit der Zeit vorüber, daß die Juden in der Türkei unter dem gütigen Szepter der Osmanen lebten und diese in der Entwicklung eines Volkes wohl nur kurz zu nennende Zeit genügte, sie mit den Mohammedanern in Sprache und Landessitte so innig zu verbinden, daß sie selbst auf das politische Leben derselben einen großen Einfluß nehmen konnten. Dies zeigte sich bei dem berühmten A u f st a n d e der Derwische, der im Jahre 1416 ausbrach und die Umwandlung der ganzen islamitischen Welt cherbeizusühren drohte:, an welchem, ein Jude, der zum Islam übergetreten war, sich als Anführer der Bewegung besonders hervorgetan hatte. Der Name Derwisch. eigentlich zu deutsch „Bettler", wird, wie das synonime arabische Wort „Fakir", in der Bedeutung eines der irdischen Welt entsagenden frommen Mannes angewendet. Die Derwische bilden einen Mönchsorden des Islam. Es gibt zahlreiche in der mohammedanischen Welt, die sogar auf die politische Entwicklung im Staate tief einwirken. Einen solchen Orden hätte sich! der jüdische Apostat Samuel angeschlossen: es war jedoch ein Derwischkorden, der den Bestand des Islam dadurch bedrohte, daß er, außer den Kommunismus des Vermögens unter den Mitgliedern, auch bezeichnenderweise einen sogenannten ^Kommunismus der verschiedenen Religionsbekenntnisse predigte. Es wurde eine Gleichberechtigung der verschiedenen Glaubensbekenntnisse proklamiert: eine Anschauung, die zu dieser Zeit des finsteren Mittelalters ein auffälliges Novum war. Den Christen war eine solche Erscheinung dazumal fremd, nicht minder auch den Bekennern des Islam. An der Spitze dieser eigentümlichen Bewegung standen der Derwisch Bidr-eddin: sein Jünger, der durch besondere Schönheit ausgezeichnete und von Schwärmerei begeisterte Mustapha, und als Dritter im Bunde — Samuel. Dieser Letztere war besonders durch seine rhetorische Begabung hervorragend, und diese tolerante Gleichberechtigungsklausel, die alle bestehenden Religionen brüderlich zusammenschließen sollte, dürfte seinem jüdischen Kopfe entsprungen sein. Er war aus Manissa, einem nahen Orte von Smyrna. Mit dreitausend Derwischen brach er in die europäischen Besitzungen der Türkei ein, hielt Versammlungen ab, in Moscheen und auf offenen Plätzen, rief den Christen zu, sie seien seine Brüder, und schickte Send-