Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Blocks Wochenschrift. Sette 107 ihr alte's Schicksal, das aus Hatz und Verachtung, empfindlichen Vermögensschädigungen, Ungesetzlichkeiten, Ausweisungen, Verfolgungen und Verhetzungen bestand, nimmt seinen Lauf. Unbekümmert um die finsteren Gewalten, regt sich hinter den engen Mauern ein starkes geistiges Leben, berühmte Rabbiner lösen sich auf der Kanzel ab. ein Sabbatai Horowitz, Gerson Ulis, David Oppenheim wirken in der Gemeinde, während in Padua promovierte Aerzte wie Aron und Leo Lucerna, Leo Winkler die reichen Schätze, ihres profunden Wissens in das Ghetto brachten. Mit Staunen aber liest der glückliche Nachgeborene, der sich über die Daumschrauben unseres Steuersystems beschwert, was für Leistungen diese Juden, die ihp Geld unter Entbehrungen, Angst und Gefahr^erwerben mutzten, ihrem gütigen Vater Staat, für die Sicherheit, die er ihnen nicht gewährte, zu bringen genötigt wurden. Fürwahr, nur noch in der Geschichte der wildesten afrikanischen Völkerstämme findet sich eine derart gierige und erbarmungslose Raubsucht, die unerbittlich brandschatzte, bis es nur leere Truhen gab. Dann war gewöhnlich die Zeit gekommen, den Anhängern christlicher Liebe das Schauspiel einer Judenvertreibung zu bieten. Trotz aller Not und Verfolgung aber blühte im Ghetto ein ausgedehnter und mächtiger Handel, der selbstverständlich von Rückwirkung auf die allgemeine ökonomische Lage war. Nach der großen leopoldinischen Iudenvertreibung lagen auch die Finanzen des Landes derart darnieder, datz sich ernste Stimmen erhoben, die die Rückkehr der Juden verlangten. Aber erst das persönliche Bedürfnis des Kaisers entschied, der dringendst eines Hofjuden zur Rangierung seiner desolaten Verhältnisse bedurfte. Der erste Jude, der sich wieder dauernd in Wien niederlietz, war der geniale Finanzmann Samuel Oppenheimer, der in enge Beziehungen zur kaiserlichen Finanzwirtschaft trat und später bei der Türrenbelagerung unter den schwierigsten Umständen Heereslieferungen bewerkstelligte. Die Kräfte Oppenheimers wuchsen schließlich ins Gigantische, um alle die ungeheuren Verwicklungen zu ordnen. Er wurde Hoflieferant und Hofbankier und hatte infolge dieser zweifelhaften Ehrenstellen Lasten zu tragen, die ihn zu den schwersten Kreditanstrengungen zwangen. Dem Ansturm Kollonitsch's und seines übelgesinnten Kreises, die die Juden aus dem Finanzleben des Kaisers ausschallen wollten, unterlag er schließlich und mutzte sogar das Gefängnis kosten, bevor ihn im Jahre 1703 der Tod von allen Schwierigkeiten erlöste. Neben ihm tritt als Neubegründer der Wiener Judengemeinde sein Neffe Simon Wertheimer hervor. Auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren die Eristenzbedingungen der Juden, trotzdem diese in finanzieller Hinsicht eine hervorragende und bedeutungsvolle Rolle im öffentlichen Leben spielten, grausam verschärft. Noch im Jahre 1712 ersuchte eine Deputation des Wiener Handelsstandes den Kaiser um Abschaffung der „verfluchten und lasterhaften Juden", die „schalk- und schadihaftes Geziefer" genannt werden. Ein derartiges An-? suchen war für den Staat ein „gefundenes Fressen"- Sofort wurde jeder Familie — es handelte sich hier um 10—12 Familien — 150.000 fl. erpreßt: wie man sieht, war der Judenhaß eine glänzende Einkommensquelle. Und um die Güte des „kaiserlichen Schutzes" ganz zu erfassen, Mutz man der Bestimmung gedenken, daß in Wien unter kaiserlichem Schutz nur solche wohnen durften, „die Geld geben können". Das geringste Recht mutzte mit Tausenden von Gulden, ja Dukaten erkauft werden. Völlig rechtlos, der Willkür und Habsucht preisgegeben, waren sie ein Jahrhundert lang noch eine ergiebige Quelle für die kaiserliche Privatschatulle, für die Staatskasse, für das Heer von Beamten. Zahlreiche interessante Tafeln und Illustrationen schmücken den ebenso interessanten Tert. Es ist ein ungewöhnliches Werk, das nicht nur die Geschichte der Wiener Juden, sondern auch ihre Kultur, ihre soziale Lage, ihre ganze Sittengeschichte völlig ausschüpst, ein Werk, das von Liebe, Verständnis und eingehendem Studium zeugt. Wir Juden Wiens können in diesen beiden Bänden aufmerksam unsere Geschichte lesen. Sie wird uns über manche Seltsamkeit, über manch kulturhistorisch Wertvolles an, an dem wir achtlos vorübergehrn. plötzlich oufklären. In diesen Büchern steht eine große Leidensgeschichte verzeichnet, ein endloser Weg nach Golgatha. Das vielgerühmte goldene Wiener Herz hat bei den Juden jederzeit versagt und nur Hatz und Gier gefühlt. Für die Stadt Wien bedeutet dieser Tell der Geschichte keine Geschichte der Ehre, aber wir wollen aus diefey ungeheuren Rhapsodie, die von heldenhaftem Leiden und Ueberdauern erzählt. Stolz und Mut und Hoffnung Kopien. Thekla B l e ch- M e r w i n. Hie Tragödie einer Getaufter. In der russischen Presse wurde ein höchst interessantes Dokument — Der Brief einer getauften Jüdin — veröffentlicht, in welchem die Schreiberin ihre Seelentragödie und ihren Gemütszustand schildert, nachdem sie ihr Volk verlassen und in das Lager der Feinde übergegangen war. Den Brief hat die Getaufte an ihre Nichte gerichtet, ein junges Mädchen, das sich in einen Christen verliebt hatte und ebenfalls mit der Absicht umging, sich taufen zu lassen. Die Schreiberin hat sich vor 25 Jahren mit einem reichen und vornehmen Christen verlobt und ihm zu Liebe sich taufen lassen und alle Verbindungen mit ihrer Familie gelöst und sich völlig von der Judenheit abgewendet. Ihr Familienleben war dem äußeren Anscheine nach ein glückliches. Sie war umgeben von Lurus und geliebt von ihren neuen Verwandten. Ihre Kinder waren gut geraten. Aber sie verlor sich selbst. Sie mutzte ihre tiefsten Gefühle verbergen. Sie mutzte ihr Zusammentreffen mit ihrer alten Mutier geheimhalten. Sie beschloß sogar, ihren Bindern ihre Abstammung von Juden nicht zu verraten, u'.n ganz in der neuen Umgebung aufzugehen. Von allen als glückliche Frau gepriesen, von ihrem Manne und ihren Kindern verehrt und geliebt, war sie tatsächlich unglücklich und hatte durch ihre innere Unruhe unsägliche Leiden zu erdulden. Sie sehnte sich nach den Ihrigen, und diese verhaltene Sehnsucht, die Trauer und der Kampf hat sich offenbart in ihrem Briefe an ihre Nichte. Ihre Lebenserfahrung hat sie ihren verfehlten Schritt bereuen lassen. Sie schreibt: „Cin Mensch, der keine „Sprünge" macht, der nicht in einer gebrochenen Linie geht, bleibt bei seinen moralischen Kräften und wird immer widerstandsfähiger. Ich sage das aus meiner eigenen Erfahrung, und wenn ich jetzt diesen Weg gehen könnte, so würde ich meine Kräfte wieder erlangen. Aber nun mutz ich schon sagen: „Dein Lied ist bereits verklungen." Ich befinde mich jetzt in einem solchen Zustande, datz die ' Seele voll ist von den alten Verwandten. Ach, wie gut hat mich * deine alte Mutter verstanden, als sie mich zu beruhigen suchte, aber dort, wo man keine Beruhigung suchen kann. Sie sagte: „Warte, ich werde dich in das Haus deiner Eltern führen." Und sie ist gestorben. Aber mit der Seele war ich dort, wo ich aufgewachsen bin, wo ich zu verstehen lernte, dort, wo man mich erzogen, wo ich gelacht habe und geweint. Und heute fühle ich noch einen größeren Abgrund zwischen mir und meinem ganzen jetzigen Leben als vor 18 Jahren, wo ich allem auf ewig entsagte. Und ich habe gesehen, datz alles verloren ist ... . Ich habe alles vergessen (d. h. ich habe mich bemüht, ich habe das gewollt) ich habe vergessen bis zur vollständigen Selbstaufopferung für einen geliebten Menschen. Aber zu derselben Zeit habe ich vergessen oder habe nicht verstanden, datz mit diesen Menschen in einer Reihe steht die Menschheit, ganze Generationen von Kamps und Haß und Vorurteilen. Ich versuchte gegen dieses Gefühl anzukämpfen. Ich hielt mich für einen Riesen. Ich entsagte der Religion, der Sprache, der Nationalität, d. h. ich wurde eine Patriotin. Ich veränderte sogar das Aussehen, ich ahmte nach den Ton, die Manieren, ich „hobelte" ohne Mitleid, obwohl es schmerzte. Noch mehr, noch energischer bemühte ich mich bei der Erziehung meiner Kinder in diesem Geiste. Aber nach ihnen ist doch