Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 106 Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 6 Pilsen. Im Anschlüsse an die vorigen Freitag abends abgehaltene Predigt widmete Ce. Ehrwürdcn Herr Rabbiner Dr. Ludwig Golinski dem am gleichen Tage zur letzten Ruhe bestatteten Herrn Erzherzog Rainer einen warmen Nachruf, in welchem er seines lauteren Charakters, der vielen edlen Tugenden des Verblichenen, seiner munifizenten Förderung von Kunst und Wissenschaft gedachte, die, gepaart mit seinem schlichten, anspruchslosen Wesen und seiner stets geübten religiösen Duldsamkeit ihm ein ehrendes Gedenken in allen Schichten der Bevölkerung, ganz befonders aber bei den Juden, sichern arirb._ Florenz. Der berühmte Advokat Dr. Morise F i n z i ist in Florenz, 82 Jahre alt, gestorben und, nach seinem Wunsche, ohne Prunk, bei großer Beteiligung aller kreise der Stadt beerdigt worden. Dr. M. Finzi war Hochschullehrer und hielt Vorlesungen über römisches Recht. Er war ein treuer Jude und seine religiösen Anschauungen, wie sein ruhiger, gleichgestimmter Charakter zrgm mächtig an. Jedes Jahr beim Seder am Pessachfeste vereinigte er um sich seine Freunde, Reiche und Arme, wenn er dann begeistert ausrief: Cal diclifin jese mjechal wer hungert, der komme und esse mit. Das patzte so recht zu seiner sozial gerichteten Weltanschauung. Po-/ litisch war er einer der bedeutendsten italienischen So-, zialisten. König Viktor Emanuel, der Großvater des jetzigen Königs, gab ihm einen hohen Orden und er-, hob ihn zum Cavaliere. Nie sah man bei Finzi einen Orden, noch hörte man eine Standesbezeichnung. Als das Ghetto in Florenz demoliert wurde, da wollten die armen Juden nicht aus ihren Nestern, sie hätten die Hassaka, riefen sie, d. h. erb gesessenen Chassak aus ihre Wohnung. Die italienische Regierung wollte das nicht verstehen, wie jemand, ohne Hausbesitzer zu sein, solche Rechte beanspruchen könne: der General-Regierungsadvokat wurde beauftragt, gerichtlich zu intervenieren. Da erstand in Dr. Finzi ein Verteidiger der Hassaka, so datz die armen Leute ihre Rechte abegelöst erhielten. Merkwürdig geht es auch in Rom zu, das liberale Italien will keine Ghettis, keine Er-' innerung an die Drangsalierung der Juden. Da wird in Rom ein prachtvoller Tempel gebaut, herrliche Häuser und Villen lassen sich die Israeliten von ersten Künstlern aufrichten, aber in den Resten des alten Ghettos, hausen eingepöckelt die Ebräi, sie verteidigen ihre H assaka. Emil Frankel, Religions-Professor. Posen, 12. Januar. Nach ziemlich lebhaftem Wahlkampf fanden gestern die Wahlen der Repräsentanten für die Synagogengemeinde statt. Gewählt wurden: Salomon.Berg e l, Abraham Neumark, Hermann Wollheim, David Peltasohn, Hugo Brodnitz, Kommerzienrat N. Hamburger, Salomo Friedenthal. Zu Stellvertretern: Nathan Saumgart, Menno Brock, Jakob Neumann, Sally Oelsner und Ludwig Blei st ein. Von den 1151 eingeschriebenen Wählern übten 920, also 90 Prozent, ihr Wahlrecht aus. Der Wahlausgang stellt einen Sieg der offiziellen Liste dar. auf die > sich die führenden Parteien nach Lage der Dinge einigen mutzten. Die Londoner Nab bin erwähl aufgrschoben. Aus London wird uns berichtet: Sonntag, den l2. d. M., fand hier eine Sitzung des Wahlkomitees zur Nominierung eines Großrabbiners für England statt, die jedoch resultatlos verlief. Die Beratung, welche in der Wohnung des Herrn Leopold de Rotschild abgehalten wurde, schloß mit der Annahme des Beschlusses, datz die Rabbinerkonferenz neuere Kandidaten vorschlagen möge, da bezüglich der drei Kandidaten Dr. Drachmann. Dr. Hyamson und Dr. Hertz keine Einigung erzielt werden konnte und gegen jeden dieser drei Kandidaten sowohl in chen maßgebenden Kreisen, als auch im großen Publikum große Opposition herrscht. Es ist kaum vorauszusehen, wann nunmehr die für die englischen Juden so wichtige Rabbinerfrage ihrer endgiltigen Lösung zugeführt werden wird. Feuilleton. Me Geschichte der Juden Wiens. (I. Ableitung: Geschichte der Juden in Wien bis zum Jahre 1625 von Dr. Ignaz Schwarz. II. Abteilung: Geschichte der Juden in Wien von 1625—1740 von Dr. Mar Erunwald. Separatabdruck aus Band V der Geschichte der Stadt Wien. Herausgegeben vom Altertumsvereine zu Wien. 1913. Druck von Adolf Holzhausen. Verlag Gilhofer u. Ranschburg, Wien, I., Bognergasse 2.) Die soeben erschienenen prachtvoll ausgestatre.en zwei Bände Wiener jüdische Geschichte, gleichermaßen für den Forscher wie für das große Publikum von Bedeutung, sind wohl das Gründlichste und Interessanteste, das seit langem auf dem vernachlässigten Gebiete lokaler jüdischer Forschung geschrieben wurde. Dr. S ch w arz geht im ersten Bande bis zur frühesten Niederlassung von Juden zur Zeit der ersten Kreuzzüge bis in die Zeit altersgrauer Sage zurück. Mit den sicher festzustellenden geschichtlichen Daten fängt auch gleich die Leidensgeschichte der 'Juden in Wien an. Im Jahre 1238 be-, gannen die Privilegien, aber diese Privilegien enthielten nicht nur keine Vorrechte, sondern lange, lange Zeiten hindurch waren die Juden überhaupt rechtlos, vogelfrsis Verachtete, die jeder Höhrrstehende nach Gutdünken kujonierte, ausbeutete, denen man die Taschen leerte, wenn Geldnot war, die hin- und hergeworfen, susgewiesen und vertrieben wurden und die der Willkür höher Herren dienen durften, so lange es in der Laune ihrer Gönner lag, sie frei herum gehen zu lassen. Trüb klingt die Geschichte der Wiener Juden und manches Assimilationsgelüste mag bei der beredten Sprache der Tertillustrationen. die vom gelben Fleck, von Freibriefen, von Schmähschriften erzählen, eine Abkühlung erfahren. Solange der Kaiser nicht den Juden seinen allerhöchsten Schutz gewährte und sie zu seinen Kammerknechten machte, ging es noch halbwegs. Dann aber wurden Vermögenskonfiskationen auswandernder Juden, Annullierung von Schuldbriefen jüdischer Gläubiger, ja selbst blutige Verfolgungen zur Tagesordnung. Die Einziehung des ganzen beweglichen und unbeweglichen Eigentums in der Judenstadt durch Herzog Albrecht, der mit dem geraubten Gut einen schwunghaften Handel betrieb, ist nur eine Szene aus diesem großen Drama jüdischer Geschichte in Wien. Fast alles, was jüdische Hände durch Fleiß, Geschicklichkeit und nimmermüde Tätigkeit erwarben, fiel teils durch phantastisch hohe Steuern und Abgaben, teils durch Zwangsdarlehen, teils durch. Konfiskation in die Hände ihrer Beschützer. Im Jah^re 1623 drohte der Wiener Magistrat den Juden eine neue Ausweisung an, die Kaiser Ferdinand II. in eine Uebersiedlung nach dem unteren Werd umwandelte. So wurde aus der Judenstadl in Wien ein Wiener Ghetto. Die Geschichte dieses Ghettos behandelt in fesselnder Weife Dr. Erunwald in der zweiten Abteilung. Vor Einbruch der Nacht hatte jeder Jude die innere Stadt zu verlassen und sich in das Ghetto zurückzuziehen. Dies war dessenungeachtet nicht die schlechteste Zeit für die Juden. Sie bekamen Besitzfähigkeit gewährleistet, später auch Handelsfreiheit und im' Jahre 1632 wurde ihnen die eigene Gerichtsbarkeit bewilligt. Unter dem Nachfolger Kaiser Ferdinand II. nahm dies alles ein Ende. Hier beginnt wieder die Zeit der Rechtlosigkeit und der „kaiserlichen Schutzbriefe", und