Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ifir. 6 Dr. Blvchs Wochenschrift. Seite 101 Adrianopler Oberrabbiners Chaim Bejarno abgesendel hat. Die Depesche gibt bekannt, daß die Inden in der Stadt sich wohl befinden, nur sei der Bedarf ein sehr großer und Geld sei keines vorhanden. Gleich nach Empfang dieses Telegrammes hat das türkische Großrabbinat durch die Banque de Salonique, die ihren Sitz in Konstantinopel hat. an die Adrianopler Iudengemeinde gleichfalls im Wege der drahtlosen Telegraphie 500 türkische Pfund überweisen lassen. Bisher hat die belagerte Äudengemeinde 1500 türkische Pfund an Geldunterstützung bekommen. Eine schwere Gelbwechsel-Krisis in Jerusalem. Aus Jerusalem wirb uns unterm 20. Ianuar berichtet : Fast in der ganzen Türkei ist die gangbarste Münze das Mettalik, welches im Werte einem 5 H.-Stück entspricht. Die Regierung hat das Mettalik mit 10 Para bewertet, in Jerusalem galt aber dasselbe zwölfeinhalb, in Jaffa sogar 14 Para. Vor etwa 10 Tagen nun verbreitete sich wie ein Lauffeuer das Gerücht unter dem Volke, daß die Mettaliks als wertlos erklärt werden. Worauf dieses Gerücht basierte, darüber gibt es verschiedene Versionen. Hauptsächlich wird daran festge-, halten, daß durch den Wegfall mehrerer türkischen Provinzen ein großer Vorrat von kleinen Münzen in türkischen Städten aufgehäust sei. Genug an dem. die Geldwechsler, die auch sonst den lokalen Kurs, beeinflußten, und das Publikum, welches sonst für diese Münzen Wechslergeld entrichten mußte, haben plötzlich die Annahme des Mettaliks verweigert. Das hat allen Handel lahmgelegt, Worunter zunächst der arme Mann und dann der Kleinkrämer furchtbar litten. Die Notlage steigerte sich von Tag zu Tag, bis es schließlich zu verschiedenen Tätlichkeiten kam, denen auch die Behörde nicht Herr werden konnte. Seit Tagen konnte man kein Brot mehr für Mettaliks kaufen, die Zufuhr von Lebensmitteln wurde spärlicher und, um nur nicht verhungern zu müssen, griffen viele zur Gewalt. Es wurden Brot- und Mehlläden einfach erbrochen und deren Vorrat geplündert. Die Bewohner der jüdischen Stadtteile befanden sich geradezu in einer solch traurigen Lage, die beinahe an Verzweiflung grenzte. Es wurden Lebensmittel nur noch an kreditfähige Personen verkauft. Zeitweise wurden die kleinen Krämerladen ganz einfach geschlossen, um nicht fürMettaliks, die von den Großhändlern überhaupt nicht angenommen wurden, verkaufen zu müssen. Der Wert der türkischen Münzen ist im Kleinverkehr fast auf die Hälfte gesunken. Die kleinste, im täglichen Leben gangbarste Münze hatten nur noch die Fuhrmänner und arme Leute angenommen. Die Regierung sah sich genöt'gt, an mehreren Stellen Läden zu eröffnen, um der notleidenden Bevölkerung Brot und Reis für Mettaliks verkaufen zu lassen. Besonders in den von Juden bewohnten Stadtteilen gab es herzzerreißende Szenen. Das herzhafte Eingreifen der Deutsch-holl. Palästina-Verwaltung hat eine augenblickliche Milderung der Krise herbeigeführt. Roch in derselben Nacht wurde im Aufträge des Rabbiners D. Horovicz mit den Brotbäckern eine Vereinbarung getroffen, wonach letztere sich verpflichteten, bis zum Anbruch des Morgens 3000 Leib Brote gegen Barzahlung in Gold durch die- Bank der Deutschholl. Palästina-Verwaltung zu liefern. Am frühen Morgen verkündeten Plakate, daß die Anweisungen für diese Vrotverteilungen an drei Stellen ausgegeben werden. An den Verteilungsstellen gab es ein Gedränge, welches deutlich zeigte, welchen katastrophalen Charakter die Notlage bereits angenommen habe. Juden, Araber und Christen kamen mit ihren Mettaliks und machten von dieser Gelegenheit Gebrauch. Kein Hungriger wurde zurückgewiesen und die bestimmte Zahl der Brote mußte beträchtlich überschritten werden. Die Behörde sorgte durch polizeilichen Schutz für die Aufrechterhaltung der Ordnung, die in keiner Weise gestört wurde. Für die mohammedanische Bevölkerung war es eine besondere Genugtuung, daß es eine Stelle gibt, wo die türkische Münze zum alten vollen Kurs angenommen wird und der Arme für 4 Mettalik ein Brot bekommt, welches auch in guten Zeiten nicht unter 5 Mettalik käuflich war. Bei den Regierungsbehörden erweckte es aber volle Sympathie, daß an einer jüdischen Stelle, bei der in zartfühlender Weise veranstalteten Brotverteilung nicht gefragt werde, welcher Religion oder Nation der Notleidende angehöce. Am Freitag und Samstag waren die Gemüter beruhigt. Am Sonntag wurde wieder durch Wandanschläge bekannt gegeben, daß der Brotverkauf in derselben Weise sich wiederholen werde. Seitens der Regierung wird unermüdlich dahin gewirkt, daß den tilrkifchen Münzen nach wie vor vollgiltige Verkehrsfähigkeit von der Bevölkerung, insbesondere in den Verkaufsläden, zuerkannt werde. Ein aus Kaufleuten bestehendes Hilfskomitee hat sich gebildet, welches die Interessen der notleidenden Bevölkerung wahrnehmen will. Der Waad Hakloli, Hilfsoerein. und Lemaan Zion haben gemeinschaftlich 900 Frcs. für diesen Zweck gewidmet. Dieses Komitee läßt nun verkünden, daß in sechs Brotbäckereien zu gewöhnlichen Preisen Brot verkauft wird. Inzwischen ist auch die Regierung ener-' gisch eingeschritten und hat alle Maßnahmen ergriffen, um den vollgiltigen Verkehr der Landesmünze zu sichern. Hoffentlich wird es keine weiteren Störungen in diesem Belange geben. Oberrabbiner Dr. M. Diamant in Trenes^n. 1$»8-1913. Unsere altehrwürdige Kultusgemeinde kann mit vollem Rechte mit dem Klageliede ausrufen: „Die Krone unseres Hauptes ist gefallen." Mit dem am 19. d. M. erfolgten Ableben unseres, in den weitesten Kreisen beliebten und weil über die Grenzen unserer Gemeinde hochgeschätzten Oberrabbiners hat nicht nur unsere Gemeinde ihren beliebten geistigen Führer, sondern das gesamte vaterländische Judentum einen unersetzlichen großen Verlust zu beklagen. In zahllosen Gemeinden ohne Unterschied der Parteistellung und der religiösen Richtung gehörte sein Name zu den geachtetsien. Unser im 75. Lebensjahre Heimgegangene weelenhirt vereinigte in sich ein überaus tiefes talmudisches und theologisches Wissen mit moderner Bildung und Gelehrsamkeit. In seiner Lebensführung huldigte er der streng konservativen Richtung, aber er hatte auch Verständnis für die Forderungen und Wünsche der Jetztzeit. Geboren im Jahre 1838 in Bogdüny (Preßburger Komitat) kam er schon mit 12 Jahren an die berühmte Preßburger Jeschiwa, wo er mit seinem seltenen Scharfsinne berechtigtes Aufsehen erregte. Anläßlich seiner Barmizwa hielt er im Tempel der Muttergemeinde seines Geburtsortes zu Nädas einen halachischen und aggadischen Vortrag, der von Fachgelehrten bewundert wurde. Nach einigen Jahren ging er nach Prag, um die Vorträge des Altmeisters und Oberrabbiners Rappaport zu hören. Auch hier gehört er zu den Lieblingen des Meisters und hielt gern gehörte religiöse Vorträge in verschiedenen Vereinstempeln. Nachdem er hier die Prüfung aus der 4. Klasse des Gymnasiums mit Vorzug abgelegt hat, verließ der 20jährige Jüngling Prag, versehen mit dem Zeugnisse Rappaports, in welchem dieser bezeugte, daß sein Lieblingsschüler die Fähigkeiten besitzt, das Amt eines Rabbiners auch in einer Grotzgemeinde mit Erfolg zu bekleiden. Er wollte jedoch sein Wissen vertiefen und vergrößern und begab sich wieder nach Preßburg, wo er nebst talmudischen Forschungen die Prüfung aus der 7. und 8. Gymnasialklasse mit Vorzug ablegte, und mit demselben Erfolg maturierte. Hierauf begab er sich nach Wien, wo er Philosophie studierte und das Doktorat ablegte. Sein theologisches Wissen war ein so reiches, daß der berühmte Oberrabbiner der Großgemeinde Großwardein, der scharfsinnige Jsak Aron Landesberg, ihn zum Schwiegersohn erkoren. Rabbinerdiplome gaben ihm folgende rabbinische Kapazitäten: Kszav Szbfer-Preßburg, Perls-Nagyküroly, Dr. Hildesheimer-Eisenstadt, Löw-Fünfkirchen und noch andere. Im Jahre 1868 kam er als Rabbiner nach Losoncz. Bei Ende desselben Jahres getagten Landeskongreß gehörte er zu den wahren Anhängern Hildesheimers und hielt einige bemerkenswerte Reden. Nach fast Ibjähriger erfolgreicher Tätigkeit folgte er dem Rufe der Trencsiner Kultusgemeinde, welche damals zahlreiche talmudifch gelehrte Mitglieder hatte, und entfaltete hier fast 3 Jahrzehnte hindurch ein überaus segensreiches Wirken.