Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 102 Dr. BVochs Wochenschrift. Nr. « Die große Wertschätzung und Hochachtung, welche der Heimgegangene genoß, kam anläßlich seines Ablebens und seiner Bestattung zum schmerzlichen Ausdrucke. Die angesehensten und ehrenhaftesten Gemeinden Ungarns, sowie die Führer der ungarischen Iudenheit und sämtliche Gemeinden Oberungarns ohne Unterschied der ParteisteUung, gaben in beredten Worten ihrer Teilnahme schmerzlichen Ausdruck. Bei der am 21. v. M. stattgefundenen Bestattung mußte jeder die Ueberzeugung gewinnen, daß eine Größe unserer Jetztzeit zur letzten Ruhestätte begleitet wird. Sämtliche Gemeinden unseres Komitates, sowie bedeutende Gemeinden der Nachbarkomitate sandten ansehnliche Deputationen. Dieser Umstand ist von besonderer Wichtigkeit, denn er legt das beredteste Zeugnis ab für die seltene Hochachtung, die der Verklärte im Kreise unserer Glaubensgemeinschaft genoß. Die Scheidewände zwischen den konfessioneUen Parteien schwanden, die Trauer vereinigte sie. Viele orthodoxe Gemeinden waren in imposanter Weise vertreten, selbst die Preßburger orthodoxe Gemeinde hielt es für ihre Pflicht, eine Vertretung zu designieren. Da der monumentale neue Tempel, der auf ausdrücklichen Wunsch des Heimgegangenen auf der Stäfte des 122jährigen alten gebaut wird, noch nicht fertig ist, mußte die Leichenfeier im Tempelhofe abgehalten werden. Glicht nur sämtliche Mitglieder unserer Gemeinde samt ihren Filialen, es beteiligten sich auch die offiziellen Kreise unserer Komitatsstadt. Es hielten Leichenreden: Im Aufträge der Gemeinde Oberrabbiner Dr. Rosenberg-Vägujhely, Gemeindepräses Herr Heinrich Kätser und Oberrabbiner Dr. Diamant aus Vukovür, Sohn des Verewigten. Hierauf wurde die Bahre von den anwesenden Rabbinern und der Repräsentanz eine große Strecke getragen. Im Friedhofe würdigten die großen Verdienste des Heimgegangenen die Oberrabbiner Landesberg aus Szeghalom, Stein- Tyrnau, Dr. Dajda-Lo'on z. Dr. Diamant-Marienbad (Neffe des Verewigten), Dr. Klein-Neutra, Dr. Friedmann-Zsolna und Rabbiner Reich aus Nagyszombat. Mit Rücksicht auf die eingetretene Dunkelheit mußte die große Trauerversammlung bangen Herzens den Friedhof verlassen mit dem Bewußtsein, einem Großen Israels die letzte Ehre erwiesen zu haben. Sein Andenken bleibe gesegnet! Rabbiner Dr. Immanuel Deutsch in Breslau s. A. Am 4. v. M. verschied Rabbiner Dr. Immanuel Deutsch in Breslau. Der Dahingegängene, ein Sohn des durch feine hervorragenden jüdisch-theologischen Werke berühmten David Deutsch, ehemaligen Rabbiners in Sohrau (Oberschlesien) s. A., überraschte schon in seiner Jugend durch sein umfassendes jüdisches Wissen, das er schon in seinem Vaterhause und später als Gymnasiast im Hause seines Onkels, Abraham Deutsch s. A., in Gleiwitz in sich ausgenommen hatte. Als Schüler des Rabbiner-Seminars in Breslau erregte er durch seine ungewöhnlichen Kenntnisse aus dem Gebiete semitischer und klassischer - Philologie die Aufmerksamkeit seiner Lehrer, des Seminar-Direftors Dr. Frankl und des Profesiors Dr. Rosen s. A. Nach dem Tode seines großen Vaters wurde er, kaum zum Rabbiner autorisiert, als Nachfolger desselben von seiner Heimatgemeinde berufen. Dort, in Sohrau, wirkte er durch zirka 20 Jahre, noch heute unvergessen, segensreich für die Gemeinde, fruchtbringend für die Jugend, von allen nicht nur wegen seiner Gelehrsamkeit verehrt, sondern auch als Muster eines wahren Seelsorgers geliebt. Aeußere Umstände, vielleicht auch die Möglichkeit, sich seinen Studien ungestörter hingeben zu können, veranlagten ihn, das Sohrauer Rabbinat mit der Stelle eines Klausrabbiners in Lissa (Posen) und später diese mit der eines Rabbiners der Breslauer Synagogengemeinde zu vertauschen. In Breslau widmete er sich wieder in ausgedehnterem Maße der Lehrtätigkeit als Professor an der dortigen Religionsschule; hier erwarb er sich auch durch seine in den Schulferien der Fortbildung der Lehrer gewidmete Tätigkeit, dann durch seine vielbesuchten Vorträge besondere Verdienste. Als Früchte seiner Studien ist eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten erschienen, die sich durch Scharfsinn und Geist auszeichnen. Sowohl in Sohrau und Lissa, als auch in Breslau fand er als Kanzelredner mehr als gewöhnliche Anerkennung; feine Reden verrieten tiefes Wissen und ein edles, warmes jüdisches Herz; sie waren bemüht, die Anhänglichkeit an das gesetzestreue Judentum zu stärken und aus der Geschichte des jüdischen Volkes heraus das jüdische Volksbewußtsein zu heben. Diesem segensreichen Wirken setzte der unerbittliche Tod ein Ende, kaum daß Dr. Deutsch das 65. Lebensjahr erreicht hatte. Unsäglich ist der Schmerz jener, die ihm persönlich nahe standen und die, gleich uns, den Genuß halten, mit ihm in regem, wissenschaftlichen Gedankenaustausch zu stehem; groß ist auch die Trauer seiner 'Schüler und aller, die ihn kennen und schätzen zu lernen Gelegenheit hatten. Davon gab die überaus große Zahl der Leidtragenden Ausdruck, die seinem Sarge folgten, ebenso die Nachrufe, die ihm die Rabbiner Dr. Rosenthal und. Dr. Gutmann hielten. Ein großer Gelehrter, ein geistvoller Redner, ein anregender Lehrer, ein edler Mensch ist dahingegangen! Möge sein Andenken gesegnet sein für alle Zeiten! Rabbiner Hahn, Dambokitz. Russisch« Illsitz. , : / Im Jahre 1880 haben sechs Juden in dem Städtchen Jarucha bei Kamenetz-Podolsk von einigen Bauern Grundstücke gekmift, auf welchen die Juden Wohnhäuser errichteten. Die Behörden hatten natürlich von diesem! Kauf Kenntnis, ebenso von dem Häuserbau, und liehen es 32 Jahlre lang gewähren. Mit einemmale machte irgend ein Beamter eine Anzeige, dah die Juden, entgegen dem Gesetze, Bauernbesitz gekauft und darauf Häuser gebaut haben. Den Juden wurde der Prozeh gemacht, der damit endete, dah die Juden verpflichtet wurden, den Bauern, bezw. deren Erben, den Grund samt den darauf befindlichen Baulichkeiten ohne jedes Entgelt zurückzustellen. Der russisch« Frauenkongreh für die Juden. Anläßlich des vor einigen Tagen geschlossenen Frauenkongresses in Petersburg wurde auch die Judenfrage eingehend diskutiert und nach eingehender Debatte eine Resolution angenommen, in welcher erklärt wird, dah die weitere Duldung der bestehenden Begrenzungen für jüdische Schüler'und Schülerinnen eine Schande der russischen Gesellschaft bilde und dah die Rechte der Frauen in Rußland erst dann werden vollkommen erreicht werden können, wenn vorher die Rechtsbeschränkungen gegen die Juden aufgehoben sein werden. Eine jüdische Auswandemngskonferenz in Rußland. Im Laufe des Monates Februar findet in Wilna eine Konferenz über jüdische Auswanderungsangelegenheiten statt. Die Konferenz wird von Delegierten der Jewish Colonisation Association (Jca) in Rußland gemeinsam mit den Delegierten der jüdischen Emigrationsgesellschaft (Jto) beschickt werden. Die russische Regierung hat die Genehmigung zu dieser Konferenz bereits erteilt. Die Tagesordnung-bilden -verschiedene wich-r tige Fragen, unter anderem auch die Erweiterung der von der Jto inaugurierten Galveston-Emigration auf Grund der jüngsten Berichte Dr. Jochelmann's über die Erfolge der Galveston-Aktion. Das enMch« Königspaar im Ghetto. Aus London wird uns berichtet: Am 15. März wird das englische Königspaar dem East End von London oder, wie es kurz genannt wird, dem Londoner Ghetto einen Besuch abstatten. Der König und die Königin werden in offener Karosse die Hauptstraßen des East End passieren und einzelne Sehenswürdigkeiten besichtigen. Die Bewohner des East End.- machen schon jetzt große Vorbereitungen, um das Monarchenpaar würdig zu empfangen. Dieser Besuch entbehrt auch nicht einer politffchen Bedeutung, denn es ist bekannt, dah, König Georg seit dem großen Anarchistenkrieg im East End dasselbe stets gemieden hat. Selbst beim Krönungszug wurde die Ostseite vollständig ausgeschlossen aus dem Programm. Das Ghetto hat diese königliche Ungnade sehr schwer empfunden, desto freudiger wird der Empfang sein, durch welchen König Georg das East End wieder in Gnaden aufnimmt. Henri de RoMchild's „Croesus". Aus Paris wird uns geschrieben: Baron Henri de Rothschild hat ein neues Drama unter . dem Titel „Croefus" beendet. Eroesus wird in diesem Stücke von der Sehnsucht geplagt, zu erfahren, ob die Menschen, denen er viel Gutes tut, ihn auch wirklich lieben. Er stirbt jedoch, ohne sich hievon überzeugt zu haben. Das Stück fäll nach Aussage von literarischen Freunden, denen Baron Henri es vorgelesen hatte, nicht ohne dramatischen Wert sein. Es wird im Frühjahr an einer der größten Bühnen Newyorks zur Erstausführung gelangen.