Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 5 Seite 87 Basis errichtet ist und deren Vereine, unbeschadet ihres religiösen Standpunktes, in großherziger Auffassung ihren Stammesgenossen den weitestgehenden Schutz sozialer Fürsorge angedeihen lassen. In dem Rahmen jüdischer Ethik und Religiosität haben auch die Frauen Frankfurts ihre Tätigkeit auf sozialem Gebiete entfaltet. Neben den vielfachen Zwecken dienenden Wohlfahrtseinrichtungen und privaten Stiftungen der alten Gemeinde Frankfurt ist die Zahl der Institutionen, die in der neuesten Zeit der Initiative und Arbeit von jüdischen Frauen ihre Entstehung und ihr Dasein verdanken, sehr beträchtlich. Mit der planmäßigen Bildung und Ausgestaltung der sozialen jüdischen Frauenarbeit in dem letzten Jahrzehnt ist der Name Bertha Pappenheim untrennbar verknüpft. Sie ist es, die den Frauen und Mädchen die Anregung gab, sich zu organisierter Arbeit zusammenzuschließen. Sie schuf neue Einrichtungen, die in der Frankfurter jüdischen Armenpflege die Frauenarbeit zu einem bedeutsamen Faktor in der jüdischen Gemeinde und über dieselbe hinaus machten. Als wichtige Gründung muß an dieser Stelle der Verein „Weibliche Fürsorge" genannt werden, der heute auf eine mehr als zehnjährige Tätigkeit zurückblickt. Die „Weibliche Fürsorge" wurde in Anlehnung an die beiden großen Frankfurter Unterstützungsvereine, den „Almosenkasten der israelitischen Gemeinde" und den „Israelitischen Hilfsverein", gegründet, doch wurde damit keine neue Unterstützungsstelle, sondern nur eine Basis zur Zusammenarbeit geschaffen. Eine Fürsorg ekommission bildet den Kern der kokalen Arbeit des Vereines, der nach und nach eine Anzahl weiterer Kommissionen für verschiedene Arbeitsgebiete eingesetzt hat. Diese Fürsorgekommission übernimmt mit einer großen Anzahl freiwilliger Helferinnen die Nachprüfung und die Recherchen der Unterstützungsfälle des „Hilfsvereins" und des Almosenkastens", wodurch gar oft erst Einblick in die meist unklaren Verhältnisse der Bedürftigen gewonnen wird, denen nun durch Frauenteilnahme, besonders in ethischer und hygienischer Hinsicht, Hilfe gebracht wird. Die weiteren Gebiete der „Weiblichen Fürsorge", die bereits alle deutliche Erfolge aufzuweisen haben, sind eine Kinderschutzkommission, ein Stellennachweis für Frauen und Mädchen, eine W o h - nungsfürsorgekommission und die jüngst gegründete Berufsbera 1 ungsstelle. Als selbständiger Frauenverein erstreckt sich das Wirken der „Weiblichen Fürsorge" auch über die Grenzen des Landes, indem durch ihre Vermittlung, vor allem aber durch die pekuniäre Hilfe der Frau Louise Goldschmidt, die auch die Frauenarbeit in der Stadt Frankfurt Weitgehendst unterstützt, in Galizien an unseren ärmsten Glaubensgenossen soziale Hilfstätigkeit geleistet wird. Die Anbahnung zur Verbesserung der jüdischen Hospitäler in Galizien ist eine Tat der „Weiblichen Fürsorge". In Kokomea und Tarnopol wurden Kindergärten geschaffen, einige Wanderbibliotheken eingerichtet, und auch die Bekämpfung des Mädchenhandels als soziale Aufgabe findet langsam Einsicht und Verständnis. Diese stille Kulturarbeit im fernen Osten ist ein beredtes Zeugnis für den tapferen sozialen Frauensinn, der nicht davor zurückschreckt, Samenkörner heilbringender Arbeit auf ungepflügtes Feld zu streuen. Die jüngste Neuschöpfung der „Weiblichen Fürsorge" ist das „Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge", das bereits im zweiten Jahre seines Bestehens als selbstständiger Verein einen wichtigen Platz unter den Frankfurter Wohlsahrtsinstituten einnimmt. Die immer wachsende Schwierigkeit, Kinder in geeigneten jüdischen Pflegesteilen unterzubringen, war der Anlaß zu seiner Gründung, und nun beherbergt das „Kinderhaus" 20 bis 30 Pfleglinge und plant die Errichtung eines eigenen Heimes. . So ist die „Weibliche Fürsorge" eine Organisation geworden, durch deren verschiedenartige und doch einem großen Ziele gewidmete Bestrebungen der einigende Gedanke geht, jüdische Frauenkraft für den Dienst der sozialen Arbeit zu gewinnen, zu schulen und nutzbar zu machen. An hervorragender Steile in der Frankfurter jüdischen Frauenarbeit steht die „Frauenvereinigung der Frankfurter Loge", eine Vereinigung zur Förderung sozialer, geistiger und ethischer Bestrebungen. Die bedeutendsten Arbeitsgebiete und Schöpfungen des Vereines, an dessen Spitze Frau Rabbiner Hocovitz und Frau Dr. Seligmann stehen, sind der „Hauspflegeoerein", die „Kleiderverteilung an bedürftige Frauen und Kinder" und die „Iugendgruppe", deren Aufgabe in der Heranbildung der weiblichen Jugend zu sozialer Hilfsarbeit besteht. In dem Heranziehen der jungen Mädchen liegt ein hochwichtiger Faktor der sozialen Frauenarbeit, denn es gilt, die nächste Generation für Zeit- und Kulturprobleme vorzubereiten und das soziale Gewissen der Jugend zu erwecken. Die „Iugendgruppe" leistet bereits viel Erfreuliches, da eine Anzahl freiwilliger Helferinnen sich in Kinderhorten, Kindergärten. Suppenanstalten. Flickschulen, Krippen und im Mädchenklub betätigen und auf sonstigen mannigfachen Gebieten im Dienste der Allgemeinheit ihre Kräfte üben. Besondere Erwähnung gebührt einer weiteren Schöpfung der ..Frauenvereinigung der Frankfurt Loge", dem „Israelitischen Mädchenhei m". das jungen, im Berufe stehenden Mädchen ein behagliches Heim und eine gute Unterkunft gewährt. Diese Anstalt hat sich zu einer segensreichen Institution entwickelt, denn gegen 40 Mädchen, den verschiedensten Berufskategorien angehörend, genießen den Schutz einer Häuslichkeit und die Freude eines geselligen Zusammenlebens nach der Arbeit des Tages und finden dort einen Ersatz sür das Elternhaus. So hat auch diese große Vereinigung in selbständiger Arbeit und doch in innerer Gemeinsamkeit mit arvderen Organisationen rühmliche Beweise tüchtiger Frauenarbeit für ihre Gemeinde erbracht. Doch weit verzweigt ist noch das Gebiet der Fürsorge, auf welchem die Frauen ihren vom Schicksal weniger begünstigten Schwestern tatkräftige Hilfe angedeihen lassen müssen. Den dringendsten Schutz, die nötigste Pflege und Erziehung beanspruchen die ihrer natürlichen Leiter Beraubten, die Waisenkinder. Und da ist es wohl bezeichnend für die Fürsorgetätigkeil in Frankfurt, daß es eine der ältesten deutschen jüdischen Mädchen-Waisenanstalten besitzt. Der „Israelitische Frauenverein" blickt auf 65 Jahre seiner Tätigkeit zurück und wirkt in dem leit jeher be? obachteten Sinne weiter, die seinem Schutze anvertrauten Mädchen für einen Beruf im Leben zu erziehen. Eine unendlich wertvolle Institution in Frankfurt, die geradezu vorbildlich für andere Städte wurde, ist der „Israelitische Mädchenklub", nach dessen Muster erst jüngst eine ähnliche Gründung in Berlin erfolgte. Die jungen Mädchen, die im Berufsleben stehen, finden hier nicht nur mannigfache Anregung. Unterricht und geselligen Zusammenschluß: der Klub gibt auch einen Vereinigungspunkt der verschiedensten Elemente, die sich sonst nicht kennen und verstehen lernen würden. Der Grundion ist das warme Gefühl jüdischer Zusammengehörigkeit. In unserem modernen Leben, sür Tausende so arm an Lichtblicken, und besonders für die Juden voll innerer und äußerer Kämpfe, ist es doppelt notwendig, daß von gesinnungstreuen Männern und Frauen Stützpunkte für die jüdische Bevölkerung geschaffen werden, die ihr inmitten aller Anfeindungen die Kraft und die Möglichkeit geben, ihrer Tradition treu zu bleiben. Dr. Bkochs Wochenschrift.