Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022041--21837-3046952- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 5 Dr. Blochs WvchenßchM Sette 77 IjidischeKprache und jüdische Nationalität (Rede des Abg. Prof. Dr. Kellner im Bukowiuaer Landtag.) Die letzte im vorigen Jahre beschlossene Wahlordnung für den Bukowiuaer Landtag ist auf Grund von nationalen Kurien eingerichtet. Neben einer polnischen, ruthenischen und rumänischen Kurie gibt es eine deutsche Kurie, welch letzterer die jüdischen Wähler zugeteilt sind, d. h. Juden und Deutsche bilden eine gemeinsame Kurie. In den letzten Tagen hat der Landtag in Czernowrtz beschlossen, die Wahlordnung dahin abzuändern, daß zwischen Deutschen und Juden eine Trennung vorgenommen werde, so daß für die Juden ein eigener Kataster zu . schaffen sei. Bei der Landtagsverhandlung über diesen Antrag hielt Abgeordneter Pros. Leon Kellner eine Rede, die auch für weitere Kreise von Interesse sein dürfte und die wir deswegen nachstehend folgen lassen: „Hohes Haus! Der Antrag aus Aenderung der Landtagswahlordnung soll einem, wie uns bekannt ist, unerträglichen Zustande ein Ende bereiten; ich selbst, der zu diesem Gegenstand das Wort ergreift, bin ein Opfer dieses unhaltbaren Zustandes. Durch eine ganz eigenartige Abfassung, durch eine eigenartige Formulierung, die aus der Not des Augenblicks hervorgegangen war, fand ich mich ganz plötzlich über Nacht, ohne daß jemand das hätte voraussehen können, einem neuen Gegenkandidaten gegenüber, einem verehrten Kollegen von der Universität, mit dem ich immer -in freundschaftlichen Verhältnissen gelebt hatte, dem Hosrat Skedl. Es war keine Möglichkeit, der Schwierigkeit Herr zu werden, und der Kampf mußte ausgefochten werden. War die Zeit in jeder Beziehung unangenehm für alle, so wurde die Verbitterung noch dadurch gesteigert, daß ganz mutwillig eine Gegnerschaft geschaffen wurde, für die nicht die geringste Voraussetzung oder Notwendigkeit vorhanden war. Es handelt sich nun darum, daß man auch hier eine reinliche Scheidung vollziehe, eine Scheidung zwischen deutschen und jüdischen Wählern. Würde der Antrag zum Gesetz werden, so wäre das' in der Tat vom geschichtlichen Standpunkt ein ideales Gesetz. Denn ideal sind jene Gesetze, die nicht erst neue Zustände schaffen sollen, sondern einem bereits bestehenden Zustande die Anerkennung erzwingen; nun ist das in der Tat der Fall; der Züstand ist vorhanden. Es gibt keine Nationalität in der Bukowina, die gegen diese reinliche Scheidung irgend etwas einzuwenden hätte, am allerwenigsten die zwei Nationalitäten, die das Gesetz betrifft, die Deutschen und die Juden. Warum also sträubt man sich gegen diese Kodifizierung, warum muß man erst eine lange Rede halten, um sie zu begründen? Ich gebe dem hohen Hause die Versicherung, daß es mir.sehr schwer fällt, an diesem letzten Tage mich zu einer Rede zu entschließen. Ich habe mich sehr dagegen gesträubt und hätte eigentlich gerne gesehen, wenn man sich damit begnügen könnte, dem Anträge ohne Ueberreduyg zuzustimmen. Aber dem ist nicht so. Die Vorlage wird an die Zentralregierung geleitet werden, und es ist leider vorauszusehen, daß die Zentralregierung in Wien nein jagen wird. Warum? Illach meinen Erfahrungen mit dem Herrn Hosrat Fekete, einem von uns allen hochverehrten Manne — ich persönlich habe die höchste Hochachtung vor der Gesetzestreue des Mannes. Herr Hosrat Fekete sagte mir einmal, als wieder die Frage der jüdischen Nationalität aufs Tapet kam: quorl non! Warum! Das Gesetz fragt nach der Umgangssprache. Welche Sprache sprechen die Juden in der Bukowina? Daraus sagte ich, einer Tatsache kann man sich nicht schämen; die große Mehrheit der Juden in der Bukowina spreche jüdisch. Darauf sagte der Hofrat Fekete: „Jüdisch? Das kenne ich nicht. Ich kenne deutsch, rumänisch, ruthenisch, polnisch, ich kenne kein „jüdisch"/' Das sagte er, und die Zentralregierung hat es getreulich wiederholt. „Wir haben uns an Fachleute gewandt und haben gefragt, ob jüdisch eine Sprache sei, und die geehrten Herren hätten geantwortet: Nein!" Meine Herren! Man sollte es nicht glauben, daß jo etwas passieren könnte, es ist aber tatsächlich passiert. Jener berühmte Bescheid erfloß, als ein hiesiger Advokat eine Eingabe in jüdischer Sprache nach Wien sandte; man schrieb, das könne nicht beraten werden, man verstehe das nicht; das sei keine Sprache. Und merkwürdig, diese Sprache, die keine Sprache ist, wird in Rußland, wie man jagt, von fünf Millionen Menschen gesprochen; doch das liegt zu weit, wir können uns davon nicht überzeugen. Ich will auch nicht Galizien herbeiziehen. Aber in der Bukowina wird diese Sprache von fast hunderttausend Menschen gesprochen. (Abg. v. Onciul: „Durch zehn Jahre war sie öffentliche Sprache!") Meine Herren! Wir brauchen ja gar nicht die Theorie in diesem Punkte." Redner erzählt nun ein persönliches Erlebnis in Galizien. Er fuhr einmal mit einem Kutscher, der ganz und gar unorientalisch aussah und vortrefflich ruthenisch sprach; auf der Fahrt zeigte es sich aber, daß er ebenso gut die Sprache sprach, die keine ist: jüdisch. „Da fragte ich .in der Stadt, wer der junge Mann wäre, und man sagte mir: das ist jo schwer zu beantworten. Er ist als Kind von acht Tagen vor einem Hause so und so gefunden worden, wurde von einem Bäcker ins Haus genommen, was man dort adoptieren nennt, und jetzt ist er Kutscher/' Was ist er denn; ist er Ruthene? Nein. Ist er Jude? Nein. Und ich, der ich mit westlichen Begriffen ins Land gekommen bin, sagte zum Direktor der Schule: Bei uns in Oesterreich muß doch ein Mensch wo angegliedert sein! Entschuldigen Sie, Herr Professor, sagte der Direktor ungeduldig, er ist nicht angegliedert und lebt doch! Bon der jüdischen Sprache, die keine Sprache ist, gilt das gleiche. Sie ist keine Sprache, wird aber von hunderttausend Leuten in der Bukowina gesprochen. Nun möchte ich ein ganz klein wenig die Theorie berühren; dazu habe ich als Sprachgelehrter das Recht. Die Deutschen sagen vielfach, das Jüdische sei keine jelbständige Sprache, sondern ein deutscher Dialekt; nun ist das bis zu einem sehr hohen Grade richtig. Folgt aber daraus, daß das Jüdische Dialekt ist, daß es keine Sprache ist? Ist damit gesagt, daß ein Dialekt nicht als Sprache die Anerkennung finden kann? Das ist das Kindischeste, was es gibt. Das ist nicht eine linguistische, sondern eine pure Machtfrage. Ich will mich nicht darauf berufen, daß jo und so viele andere Sprachen die längste Zeit als Dialekt bezeichnet wurden, die heute jedermann als selbständige Sprache bezeichnet; z. B. das Ukrainische. (Zustimmung.) Wären die Rumänen nicht eine selbständige Nation, würden sich Romanisten finden, die das Rumänische als ein entartetes Lateinisch bezeichnen würden. Und das beste Beispiel ist das Holländische. Wer dort war, wird bestätigen können, daß das Holländische ein nichtdeutscher Dialekt ist, gar nichts anderes; da aber Holland ein selbständiges Reich ist, so ist das Holländische eine selbständige Sprache. Folglich ist der Einwand, das Jüdische könne deshalb nicht als Sprache anerkannt werden, weil es deutscher Dialekt sei, ganz hinfällig." (Dr. v. Onciul: „Sie befinden sich im Stadium nascemli.") (Abg. Dr. Kellner: „Ganz richtig! Die Sprache ist im Stadium nascenäi, sowie die jüdische Nationalität im Stadium nascendi ist." (Abg. Dr. v. Onciul: »renaseendi!« Redner fährt dann fort: „Man sagt uns, die Sprache sei keine Sprache, folglich können sie die Juden als Nation nicht anerkennen, denn die Grundlage für die Anerkennung der Nationalität sei die Sprache. Staatstheoretiker haben noch einen Vorwurf; sie sagen, sie können die Juden nicht als Nation anerkennen, denn „es fehlt ihnen der Boden; andere sagen, sie können sie njcht als Nation anerkennen, weil sie nicht bewiesen haben, daß sie eine reine Rasse sind und dergleichen Kinkerlizchen mehr. Die Juden von heute jagen ganz was anderes, und ich glaube, dagegen gibts keinen Einwand; ihr fragt uns und wir sagen euch, wir sind eine Nation; und da kommt ihr mit allerlei Gründen und sagt, wir seien keine Nation. Nun sind wir viel bescheidener und sagen, unser Wort gilt nicht. Wir fragen euch: Sind wir Rumänen? Sie sagen mit Entrüstung: Nein, gar keine Spur! (Zwischenruf: „Dr. Straucher ist Aparist!" - Heiterkeit.) Wir fragen weiter: Sind wir Ruthenen? Keine Spur. Nun kommen die Deutschen. Ich bilde mir ein, daß viele von uns deutsche Sprache und Literatur so sehr in sich ausgenommen haben, daß man ihnen nach der Sprache sicherlich nicht sagen würde: „Die gehören nicht zu uns." Nun fragt man die Deutschen: Die Leute, die die deutsche Sprache beherrschen wie ihr, die die deutsche Literatur, deutsche Kultur in sich ausgenommen haben, gehören sie zu euch? Die Herren werden antworten: Nein!" (Abg. Ehisanovici: „Bei den Wahlen: Ja!" - Heiterkeit. — Abg. Bonches: „Das ist Ihre Schuld, warum sprechen Sie nicht jüdisch?"- Abg. Dr. Kellner: „Herr Kollega Bonches, warum wir nicht jüdisch sprechen, das ist doch so einfach beantwortet. Können Sie sich einen Professor oorstellen in Czernowitz, in Sereth oder in Radautz, der auch nur einen Tag seine Stellung behalten würde, wenn er im Konferenzzimmer jüdisch sprechen würde? Bitte mir das zu beantworten." Redner fährt dann fort: „Wenn aber das hohe Haus der Ansicht sein sollte, daß das Jüdische die Sprache unserer werdenden Nation ist, so muß ich sagen, nach meiner Ueberzeugung sind wir weit davon entfernt. Ich für meine Person lehne es, trotzdem ich auf die größte Opposition und Anfeindung gefaßt bin, auf das allerentschiedenste ab. Die jüdische Frage ist hier in der Bukowina eine jehr einfache. Für uns hier. Wir verlangen Anerkennung eines bestehenden Zustandes. Aber die jüdische Frage ist noch eine ganz andere. Wenn Sie mir ein wenig Aufmerksamkeit schenken, so will ich darüber etwas sagen, weil die Frage von der werdenden jüdischen Nation angeschnitten wurde. Nun denn, die jüdische Frage auf jüdischer Seite ist eine gesamtjüdische Frage und geht weit über die schwarz-gelben Grenzen hinaus. Ich bin aber damit kein Hochverräter, kein schlechter Staatsbürger. Ich habe das sehr gute Beispiel der Deutschen in Oesterreich, die Ihnen jederzeit sagen werden, sie sind vortreffliche Oesterreicher, sind aber eines Blutes, einer Sprache mit den Deutschen Deutschlands. Das gleiche gilt von den Rumänen ohne weiteres. Nun denn, die Juden in der Bukowina, die gute Oesterreicher und gute Landeskinder sind, sagen, es sind so und so viele Juden noch da, außer uns, und wir alle haben das Bedürfnis mitzuarbeiten daran, daß aus einem landlosen Volke — ich freue mich sehr, daß ich diesen Gemeinplatz hier wiederholen kann — einem herumgestößenen. mit Füßen getretenen, verachteten Volke . . ." (Abg. Chijanovici: .HMächlich herrschen die Juden in der Welt!") Abq. Dr. Kellner:^;Mm Ihnen kurz zu erwidern,