Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 76 Dr. Blochs Wochenschrift. Sk. 5 von Juden aus anderen Ländern unter ihnen befinden. Da die Assimilation nicht so rasch vor sich ging, dürfteen sich in der Entwicklungszeit die noch rein und unvermischt bekannten spaniolischen Familien den Nachsatz zu ihrem Namen hinzugefügt haben, der aus der Abbreviatur der zwei hebr. Buchstaben 8. 1'. besteht, d. h. „Sephardi-tahor": zu deutsch: ein Sephardi reiner, noch unvermischter Abstammung. Der Sage nach haben sich in dem alten oströmischen Reiche schon Juden befunden, sogar noch aus der Richterzeil. Die Juden wären also der älteste autochthone Volks-, stamm unter allen jetzt in der Türkei lebenden. Diese Sage stützt sich auf eine Unklarheit und einen Widerspruch im Kapitel XX. des Buches der Richter. Da wird die Zahl der kämpfenden Benjaminiter auf 26.700 angegeben. Nach den mehrmaligen Schlachten unterlagen sie den anderen Stämmen Israels und die Zahl der Gefallenen wird auf 25.000 angegeben, während die übriggebliebenen 600 Mann sich nach Sela-Rimmon in der Wüste flüchteten. Nach dem bekannten Mädchenraube, der nun zur Wiederherstellung des Benjaminstammes veranstaltet worden ist - dem Vorbilde des Raubes der Sabinerinnen unter den späteren Römern — wurde nun von den übriggebliebene n 600 Männern aus Benjamin dieser Stamm regeneriert. Wo aber blieben die 1100 Mann, die nach der Schlacht am Leben waren? Der Verfasser des kabbalistischen Buches „Megalle- Amukoth" erzählt nun, Elijahu, der Prophet, sei ihm erschienen und habe ihm mitgeteilt, diese wären nicht im Lande Palästina geblieben, sondern nach Rom nnd Aschkenas (Deutschland) ausgewandert. Selbstverständlich ist hier mit Rom das oströmische Reich gemeint. Rabbi David Kamchi jedoch schreibt in seinem Kommentar zum Buche der Richter, die in der Aufzählung der Gefallenen vermieten Benjaminiten wollten nicht mit ihren Volksgenossen kämpfen und seien nach den Inseln Romanias ausgewandert; das wären also die ägaischen Inseln, um deren Besitz sich gegenwärtig die große Politik windet. Drei Jahre waren nun vergangen, seitdem Orchan Brussa in Besitz bekommen und gleichzeitig zur Hauptstadt erhoben hatte. Durch die fortwährenden Kämpfe sah er sich von Kriegern entblößt und, um in die weiteren in Aussicht genommemn Eroberungen mit neuen Kräften einzutreten, errichtete er die Garde der so berühmten — und im Laufe der Zeiten so berüchtigten — Janitscharen. Ihre Geschichte ist wohl genügend bekannt. Es war eine Auslese von den jugendlichen Kriegsgefangenen, die zwangsweise zum Islam bekehrt und in die Elitegarde eingereiht wurde. Ein jüdischer Chronist jener Zeit bringt jedoch hierüber eine gewiß aus mohammedanischem Kreise übernommene Sage, die volkstümlicher klingt. Nach einem mörderischen Kampfe, den Orchan mit feinen Feinden zu bestehen hatte, sah er plötzlich zu seinem Schrecken die Zahl seiner Krieger so zusammen-« geschrumpft, daß er der Verzweiflung nahe war. In dieser gedrückten Stimmung suchte er einen berühmten frommen Derwisch auf und verlangte von ihm, er möge für ihn zu Allah beten, um ihn vor dem drohenden Untergänge durch seine an Zahl übermächtigen Feinde zu schützen. Dieser hob seinen Mantel in-die Höhe und sieh, aus den Falten desselben rollten Tausende und Abertausende geharnischter Krieger auf den Boden hin, die sich über das weite Schlachtfeld ausbreiteten, und sie erhielten den türkischen Namen „Jeni-tsclieri“, d. h. ein „neues Heer". Lange Zeit hindurch waren sie die Stütze des osmanischen Thron«, bis sie ausarteten und sich als Rebellenelemente entpuppten. Erst im Jahre 1826 gelang ihre vollständige Auflösung. Wie sonderbar sich die Weltgeschichte in Wiederholungen gefällt! An die Stelle der Janitscharenhorde waren als Sultansgarde bald nachher die Albanesen getreten. Auch diese waren lange Jahre hindurch Stützen des Thrones. * In unserer Zeit wurden sie zu ungetreuen Rebellen, begannen bei der Regeneration durch das jungtürkische Regime mit jenen Reibungen und Rebellionen, -die schließlich dazu führten, daß die kleinen Balkanfürsten sich stark genug fühlen konnten, das innerlich zerwühlte Türkenreich anzurennen, und es zu Fall zu bringen. So waren es die Albanesen, welche die Zertrümmerung der europäischen Türkei vorbereiteten und die erschütterndste Tragödie der allerneuesten Zeit herbeigeführt hatten. Die Schreckensszenen, welche die berüchtigten, zu Räuberbanden gewordenen Janitscharen, auch unter den türkischen Juden, aufführten, und die grausamen Spuren, die sie auch auf lange Zeit zurückließen, zeigen sich noch gegenwärtig darin, daß die jüdisch-spaniolische Mutter, wenn sie ihr Kind mit Strafen schrecken will, demselben zuruft: „Der Janitschar kommt!" Ganz wie bei uns, nach bekannten Beispielen! Im Jahre 1357 kam nun der entscheidende Schritt des Ueberganges der Osmanen nach Europa. In einer finsteren Nacht setzte der Großvezir Suleiman - der Sohn des Sultans Orchan — mit nur 80 ausgewählten Kriegern auf Flößen über den schmalen Hellespont, an jener Stelle, an der auch Terres einst den Uebergang von Asien nach Griechenland, jedoch mit großem Pomp und bekannter kindisch-tragikomödienhafter Weise in Szene setzte. Ganz anders, rasch und gewaltig imponierend, wurde dieser ausgeführt. , Die achtzig Helden nahmen das .kleine, von Griechen bewohnte Uferstädtchen durch den überraschenden Ueberfall in Besitz und veranlaßten, daß noch in derselben Nacht eine größere Heeresmacht nachrückte. Aber auch die himmlischen Naturmächte schienen ihnen zu Hilfe zu kommen. Es entstand am anderen Morgen ein gewaltiges Erdbeben, die Festungsmauern des nahen Gallipoll stürzten ein und man glaubt sich in die Geschichte der wunderbaren Einnahme des biblischen Jericho versetzt. Denn so gelang es auch ihnen, die feste Stadt kampflos in Besitz zu bekommen. In Gallipoli befand sich eine, zu dieser Zeit wohl nur kleine Gemeinde, die aber einst zu den großen zählte. Der berühmte jüdische Reisende Benjamin di Tudela hatte sie im Jahre 1176 besucht und gab ihre Zahl auf 200 Familien an. Jedoch die Verfolgungen durch die Byzantiner, die Einengung und Einschränkung der Juden in ihrem ganzen Handel und Wandel, die fortwährend auf dieselbe, wie auf alle jüd. Genreinden des Balkans lasteten, ließ sie auf eine geringfügige Zahl von nur wenigen Familien zusammenschrumpfen. Kaum aber kamen die Juden von Gallipoli unter die Herrschaft der Osmanen, so-nahmen sie zu und wurden in raschem Aufstieg eine der größeren Gemeinden der europäischen Türkei. Drei Jahre nach der Einnahme von Gallipoli starb der Sultan Orchan,. dem kurze Zeit vorher sein ältester Sohn Suleiman im Tode vorangegangen war, und an seine Stelle trat sein anderer Sohn, als Murad I. (1359.) Diesem war es beschießen, den Schwerpunkt der Herrschaft nach Europa zu verlegen und ihr die starke Grundfeste durch die Besitznahme der Perle des byzantinischen Reiches, des stärksten Walles ihrer Hauptstadt zu verschaffen — durchs A d r i a n o p>e l. (Fortsetzung folgt.)