Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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>Jtt. 5 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 75 des Aberglaubens, die finsteren Gewalten der Unbildung und des Hasses die Menschen betören und verführen, daß nicht der reine Gottesglaube deren Herz erfüllt. Als Israel in der Knechtschaft schmachtete, offenbarte sich Gott im niederen Dorngestrüppe. (Tonchuma par. Schemoth u. a. anderen Stellen.) Auch in der Geschichte zieht vor Israel eine Feuersäule einher, welche den Aberglauben und die Vorurteile verzehrt, Licht und Aufklärung verbreitet. O, schmäht es nicht Ueberhebung und hochmütige Einbildung! Unsere Hasser sind unsere unfreiwilligen Zeugen. Ihr könnt es überall beobachten, daß die Feinde des Wissens und der Aufklärung jede Leuchte der Wissenschaft und des menschlichen Fortschritts mit dem Fluche zu beladen suchen, der seit zwei Jahrtausenden auf dem Judentum lastet, daß man Gelehrte wie Darwin und L e s s i n g, Freiheitskämpfern wie Garibaldi, Jules Simon G a m b e 1 t a, C a st e l a r die Lüge nachsagt, sie seien jüdischem Stamme entsprossen. Wo nur irgend von einem hervorragenden Manne des Geistes und des Fortschrittes die Rede ist, da kommen die Finsterlinge und rufen „Iud". Der Hatz hat seine Instinkte und wenn diese erleuchteten Männer alle, die man uns freiwillig und unfreiwillig zuwirft, weder nach Konfession, noch nach Abstammung uns angehören, so sind sie doch unser im Geiste. Unsere Hasser, unsere blutigen Verfolger waren noch' in jeder Epoche auch Feinde des Wissens, Feinde der Freiheit und des Fortschrittes; die Apostel des Judenhasses in unseren Tagen sind geradezu die Träger der Roheit und Gemeinheit im öffentlichen Leben. Mit der Ausbreitung des Judenhasses sinkt gleichmäßig die öffentliche Moral, Wissen und Fortschritt werden mißachtet, und der Mensch verfällt dem Spiele seiner bestialischen Instinkte. Nicht die Gegenwart allein, auch die Geschichte der Vergangenheit in jedem einzelnen Kapitel enthält hiefür tausend Zeugnisse. Wie der Jude der erste Träger des reinen Eottesbegriffes war, der den Menschen von einem willenlosen Werheuge der rohen -Naturkräfte erst zum Menschen erhob und so war und ist er durch die Flucht der Jahrhunderte der Träger jenes großen Humanitätsgedankens, der als letztes Ziel alles menschlichen Ringens und Schaffens die Vereinigung aller Völker im Dienste der Kultur und der Freiheit bezeichnet. Das ist ein Teil unserer messianischen Idee, welche die Krönung der jüdischen Weltanschauung bildet und welcher jeder Rassen- und Klassenstandpunkt, jedes nationale und konfessionelle Vorurteil zuwiderläuft. Der Ausstieg der Menschheit zu den Höhen des Wissens, der Bildung, der Freiheit, das ist das Ziel des Judentums. Der Rückfall der Menschheit in ihren bestialischen Urzustand, in die Tiefe der Geistesnacht, der Unfreiheit, das ist das Ziel derer, die das Judentum bekämpfen. Die Ziele dieser rückläufigen Strömungen hat jener große österreichische Dichter, dessen Marmorbild vor wenigen Tagen im Volksgarten enthüllt wurde, Franz Grillparzer, in dem ätzenden Worte zusammengefatzt: „Von Humanität — durch Nationalität — zur Bestialität." Und darum dürfen die Juden aus den herrlichen Worten des Erzherzogs Rainer Trost und Zuversicht für die Zukunft schöpfen. So lange es unter unseren christlichen Mitbürgern noch Männer von hoher sozialer und wissenschaftlicher Bedeutung gibt, welchein der Rassenhetze eine Gefahr für den allgemeinen menschlichen Fortschritt und für die Ausgabe der Wissenschaft erblicken, so lange dürfen die Juden auf eine starke und mächtige Bundesgenossenschaft zählen. Es ist ein glückverheißendes Zeichen, daß in derselben Stunde, in der ein Mitglied des österreichischen Kaiserhauses den Antisemitismus verurteilte, zwei Juden zu Mitgliedern der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften ernannt wurden. Zu den Höhen wahrhaft fürstlicher Gesinnung und ernsten wissenschaftlichen Strebens reicht der Sturm nicht hinan, der gegenwärtig durch -unfern Weltteil braust und mit seinem Staubwirbel das Licht der Sonne verfinstern will. Mit ewigen Lettern haben Juden ihre Namen in die Annalen der Wissenschaft eingezeichnet, und, unvergänglich, Die diese, ist das Judentum selbst und die große Mission, die es zu erfüllen hat. Dem erlauchten Fürsten aber, der von ragender Höh' herab ein unvergeßliches Wort der Erlösung und Erleuchtung gesprochen, zollen wir aus tiefbewegtem Herzen unseren ehrfurchtsvoll ni Dank! Kerrrhrnte Indengemeindert des oswarrischen Reiches. Von Rabbiner W. Reich in Baden bei Wien. (Fortsetzung.) Orchan Halle schon als Kronprinz den Belagerungskamps gegen die große Stadl Brussa begonnen. Erst nach zehnjähriger Belagerung gelang es ihm. sie zu bewältigen und den Griechen zu entreißen. Es war dies im Todesjahr Osmans, dessen mit Jaspis und Marmor kostbar ausgeschmückte Grabdenkmal sich auch in Brussa befindet. Aber die Einnahme dieser starkbefestigten Stadt konnte erst mittels folgenden Vertrages mit den Belagerten vor sich gehen. Es wurde den Einwohnern gegen den Erlag von 30.000 Goldstücken der Abzug mit den Frauen und Kindern bewilligt. Schon da zeigten sich die Anzeichen des späteren guten Verhältnisses der Juden zu den aufstrebenden Herrschern aus dem Hause Osman. Währenddem die Griechen nicht mehr zurückkamen, waren die meisten der abgezogenen Juden nach kurzer Zeit wieder zurückgekehrt und brachten sogar viele andere Volksgenossen aus den umliegenden Ortschaften mit. Sie hatten es nicht zu bereuen. Sie bekamen eine „Malialla“, ein eigenes Stadtviertel zugewiesen, in welchem sie sich ungestört ausleben konnten. Durch einen besonderen Ferman wurde ihnen auch gestattet, eine Synagoge zu errichten, die noch gegenwärtig besteht und den Namen „Ez-liacliajiuv1 führt. . Es ist die auffällige Eigentümlichkeit der früheren Juden der Türkei, ihre Bethäuser zumeist init den Namen des einen oder anderen der beiden bekannten biblischen Bäume im Paradiese zu belegen. Sie hießen sie entweder wie. oben „Baum des Lebens", oder ,.Ezhadaatlr4 „Baum der Erkenntnis", wie wenn das Gotteshaus als Ersatz des verlorenen Paradieses den Gläubigen erscheinen sollte. Diese Synagoge ist durch ihre eigentümliche Bauart und innere Einrichtung von den anderen des Orientes unterschieden. Sie ist ähnlich den Moscheen der Mohammedaner gebaut und eingerichtet. Rings an den Wänden sind niedere Sesselchen gestellt. Sonst ist der große Raum frei. In der Mitte befindet sich die „Bimah". ein, erhöhter Raum zum Vorbeten, und um diesen im runden Kreise wieder eine Reihe niedriger Sessel. Diese Bimah wird nur an Werktagen benützt. Für die Sabbate und Feiertage befindet sich im Westen eine Erhöhung, zu der man von den beiden Seiten der Haupteingänge emporsleigt. Ihr gegenüber gen Osten befindet sich die herrlich gebaute Sonderhalle für die heilige Lade. Die beiden Haupteingänge sind von der Nord- und Südseite. Es war den Juden der Handelsverkehr zwischen Stadt und Land, ebenso der Erwerb von Häusern und Grundstücken ohne jede Beschränkung freigegeben, und nur eine gemeinsame, von den Erwählten der Judenschaft einzuordnende und abzuliefernde Steuer für den Staat auferlegt. Dies bildete das Grundgesetz für alle Zeiten der osmanischen Herrschaft über alle Judengemeinden derselben. Die in Brussa und den umliegenden Ortschaften und von Kleinasien bis hinauf nach Norden bis an den Balkan. von den frühesten Zeiten her wohnhaften Juden waren Rumanioten, wie man die Griechen des byzantinischen Kaiserreiches nannte, und griechisch war auch einst ihre Umgangssprache; erst als sich im Lause der Zeiten die Juden aus den verschiedensten Ländern — aus Arabien, Frankreich, Italien, Deutschland und in besonders großer Zahl aus Spanien . in denen sie dem unerträglichen Drucke des Hasses und der Verfolgung ausgesetzt waren, in der Türkei, diesem ihnen allezeit offenen Zufluchtsorte, ansammelten, verlor sich allmählich das Griechische als Umgangssprache unter ihnen, und da das spanische Element nicht nur an Zahl, sondern auch an geistiger Bedeutung die anderen jüdischen^Einwanderer weit überragte, wurde und blieb das spanische bis heute ihre Verkehrssprache untereinander. Sie wird als die spaniolische bezeichnet, weil sie nicht rein spanisch, sondern auch Reste der assimilierten Sprachelemente in sich aufnahm. Mit Stolz nennen sich nun alle „Sephardim", d. h. Spanier, obwohl sich auch viele Splitter