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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-01-31 · 5 (31.1.1913) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 74 Dr. Blochs Wochenschrift. •?h. 5 aniahte ihn jedoch im Gegenteil zu einer öffentlichen Stellungnahme gegen die Reaktionäre und Klerikalen, roelche er als die Vorkämpfer jener Mächte erkannte, deren rückschrittliche Absichten er mit der Februarverfassung zum ewigen Danke Oesterreichs besiegt hatte. Was immer diese Elemente und Parteien behaupten und durchzusetzen vermögen, die Persönlichkeit des Erzherzogs Rainer steht ihrem Ansturm stets wie ein Fels der Brandung entgegen. So war es im Leben des Prinzen, so wird es nach seinem Tode sein. Denn das ist das Tröstliche im Vergehen, dah nur der Leib verfällt, nicht aber die Seele und die Idee, welche Mahnung und Beispiel bleiben, eine mahnende Schrift an eiinem Fürstengrabe, an welchem die tiefe jüdische Trauer Erzherzog Rainer Dankbarkeit und höchste Verehrung zollt. Episode« aus dem Lebe« des Erzherzog Karner. Im Iahre 1902 überreichte der Vorstand der isr. Kultusgemeinde aus Anlah der Goldenen Hochzeitsfeier dem Erlauchten erzherzoglichen Ehepaar Rainer eine Huldigungs- und Glückwunschadresse, bei welcher Gelegenheit eine Deputation, bestehend aus den Herren Oberrabbiner Dr. M. Güdemann und den beiden Vizepräsidenten Dr. Alfred Stern und Dr. Gustav Kohn vom Erzherzog Rainer empfangen wurde. In seiner Ansprache sagte Dr. Alfred Stern u. a.: »In unwandelbarer, unerschütterlicher 'freue und Liebe zu unserem angestammten erhabenen Herrscherhause nehmen wir stets herzlichsten Anteil an allen freudigen und betrübenden Ereignissen im Schosse der a. h. Dynastie. Die freudigen Ereignisse sind für uns Lichtblicke in mancher dunklen schweren Stunde, welche wir österreichische Israeliten dermal in unserem teueren Vaterlande zu durchleben haben.« »In Ew. k. Hoheit, als einstmaligen Ministerpräsidenten, verehren wir auch den Initiator jener Gesetze aus damaliger Zeit, mit denen der auf uns Israeliten lastende Bann gebrochen, die staatsbürgerliche Gleichstellung auf dem einen und anderen Gebiete uns gewährt, auf den übrigen Gebieten angebahnt wurde, die staatsbürgerliche Gleichstellung, welche dann in den von Sr. Majestät, unserem allergnädigsten Kaiser, huldreichst verliehenen Staatsgrundgeselzen ihren gesetzlichen Abschluss gefunden hat. Und so ist es auch pflichtschuldigste Dankbarkeit, welche wir für Ew. k. Hoheit emp ind^n und nie vergessen werden.« In der Unterhaltung mit den Mitgliedern der Deputation bemerkte der Erzherzog: „Ia, Sie haben in den letzten Iahren manche schwere Stunde gehabt, wirklich ungerechtfertigt; wir beten alle zu einem Gotte und wir sind Oesterreicher, ohne Unterschied der Konfession und Nation; nur Einigkeit macht stark und wir Oesterreicher brauchen die Einigkeit." Der Herr Erzherzog gestattete ausdrücklich, seine Worte zu publizieren. Und noch an eine zweite Episode soll heute erinnert werden: Es war in der letzten Woche des Iulimonates 1889, dah im „Vaterland" unter der Ueberschrift: „Verjudung der Wiener Universität" ein brutaler Hetzartikel gegen jüdische Dozenten und Studenten an der Wiener Alma mater erschien, der in geheuchelter Besorgnis vor „Verjudung der Wissenschaft" hervorragende Vertreter verschiedener Wissensfächer unflätig beschimpfte. Wenige Tage darauf fand eine feierliche Iahressitzung der Wiener Akademie der Wissenschaften statt, welche gerade zwei jüdische Gelehrte, den vor wenigen Wochen verewigten Hofrat David Heinrich Müller und den Pariser Astronomen, Vizedirektor M. Lewy, einen geborenen Oesterreicher, zu Mitgliedern der Akademie ernannte. Die Ernennung Lew y's erschien umso bedeutsamer, als dieser berühmte Gelehrte sein Vaterland hatte verlassen müssen, weil hier dem Fortkommen des Iudech der sich nicht — assimilieren wollte, unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege standen. Seither hatte der Iude Lewy der Pariser Sternwarte zu unvergänglichem Ruhme verholfen. Die Iahresversammlung wurde von dem Erlauchten Kurator der Akademie Erzherzog Rainer eröffnet, und die Worte, die der edle Fürst damals sprach, lauteten: „Leider mutz giesagt werden," so sprach der hochsinnige Fürst, ,„da tz ein Kamp>fgeg en die Aufklärung und den Fortschritt eröffn et wurde, den gerade wir doppelt beklagen, weil wir den Wert des Wissens und der Bildung erkennen. Wir wollen hoffen, datz diese Erscheinung eine vorübergehende sein werde." Wer die Träger jener Bestrebungen sind, die durch die Worte des Erzherzogs Rainer gekennzeichnet wurden, das wußte alle Welt. Das „Deutsche Volksblatt" widmete der Enunziation des Erzherzoges nur wenige Zeilen und gestand auch rundwegs ein, datz das Verdammungsurteil des erlauchten Redners gegen den Antisemitismus gerichtet „scheint". Das „Vaterland" rüstete sich mit Galgenhumor und bespöttelte die Begriffe „Fortschritt", „Bildung" und „Wissenschaft", und meinte schließlich. datz die Rede des Erzherzogs in ihren allgemeinen Wendungen nicht recht verständlich sei. Allein, sie war gar wohl verständlich für jedermann, der ihrer Wahrheit nicht absichtlich die Ohren verschließen wollte, und sie erschien «gerade in ihrer Allgemeinheit, gerade durch den Umstand, datz aus ihr lediglich die ernste Sorge um die Errungenschaft des Wissens und menschlichen Fortschrittes und nicht ein kleinlicher Parteigeist sprach, doppelt groß und wirkungsvoll. Sie traf alle Feinde des Wissens und der Aufklärung und der Humanität insgesamt, sie war ein flammender Protest des ringenden und strebenden Menschengeistes gegen alle Roheit und Gewalttätigkeit, gegen alle Beschränkung und Unfreiheit, gegen alle nationalen und konfessionellen Vorurteile. Aus der Antwort, welche der Herausgeber dieser Zeitschrift, Dr. Iosef S. Bloch, an die Adresse der genannten Hetzblätter gerichtet hat, heben wir nachstehende Stellen heraus: „Was ist denn die Hetze gegen das Judentum, was ist denn die Verkündigung des niedrigsten Rassenstand.punktes anderes, als ein Kampf gegen Aufklärung und Fortschritt? Was sprach aus dem Artikel des „Vaterland" über die angebliche „Verjudung der Wiener Universität" anders, als der brutale Bildungshatz? Ist es nicht die höhere Bildung, die höhere Intelligenz, die man an den Juden bekämpft? Unzertrennlich von den Begriffen der Aufklärung und der Humanität ist der Begriff des Judentums. Das blühende Spanien verwandelte sich in eine Wüste, seine hohe Kultur machte der traurigsten Unbildung, der Knechtung des Geistes Platz, als die Juden von den Ufern des Ebro und Guadalquivir vertrieben wurden. Ein Jude, Baruch Spinoza, entzündete zuerst die lodernde Fackel, die mit grellem Scheine hineinleuchtete in die dunklen Gründe des Offenbarungsglaubens. Es ist eine Gunst der Vorsehung, unsere seit dem Sinaitage „auserwählte" Sonderstellung im Völkerleben, datz unser Geschick unlöslich verknüpft ist mit dem Schicksal des allgemeinen menschlichen Fortschrittes. Wenn der Aberglaube seine düsteren Schatten über die Menschheit ausbreitet, wenn die Eeistestyrannei die Völker umklammert, dann erlischt der Stern Jakobi, der in seinem vollen Glanze am Horizont erscheint, wenn der Fortschritt triumphiert, wenn die Erkenntnis sich ausbreitet, wenn die Humanität, das Einheitsbewutztsein des Menschengeschlechtes in den Völkern erstarkt. Unser ganzes altes Schrifttum durchzieht der einzige Gedanke, datz Israels Errettung zugteich die gefesselte Gottesidee befreit, datz jede Wolke auf Israels Lebenshimmel auch die höchsten Erkenntnisse verdunkelt und den Aberglauben zum Triumphe bringt; datz jeder Sieg, den Israel unter den Menschen erringt, zugleich der Triumph der höchsten göttlichen und menschlichen Ideen im Bewutztsein der Völker ist. Wenn Israel in Not und Bedrängnis ist, so ist das ein Zeichen, datz die dunklen Mächte

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