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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-01-24 · 4 (24.1.1913) · p. Seite 68

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 68 (sequence 16)
Language
German
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Sette 68 Dr. Vkochs Wochenschrift. Nr. 4 vielsLItisen Chor des Lachens. Eine unbändige Heiterkeit hatte uns alle ergriffen, man brach in Hoch- und Hurra-Rufe aus, und dann fiel die Musik ein, Walzerklänge durchrauschten den Saal, Die Paare ordneten sich, Antiochus und Hanna, Mathatias und Eleasar, Judith und Holofernes ergaben sich wie alle andern dem tollen Wirbel, dem lustvollen Reigen. So endete alle Trauer, alle Begeisterung, alle Aufregung in eitel Frohsinn und Heiterkeit, und io ist mir und wohl noch manch Einem, der damals mitgetan, dieser einzig schöne Abend in dankbarer Erinnerung geblieben. Und ich glaube, dah auch schon etwas blasierte und überarbeitete Grobstadtkinder Freude haben würden an Festspielen gleicher Art, bei denen sie selbst mitschafsen, Mitwirken und miterleben Gestalten der Geschichte, Helden und Heldinnen, wie wir es einst getan an Chanuka! Literat««. Bausteine zur Unterhaltung und Belehrung aus jüdischer Geschichte und jüdischem Leben von Th. Rothschild, I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1913. Die jüdische Wissenschaft und Literatur, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten einen bedeutenden Aufschwung genommen und von zwei großen Organisatronen, der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" in Berlin und dem Verbände. der über ganz Deutschland verbreiteten 240 „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" nicht geringe ideelle und materielle Unterstützung erhalten, haben seit kurzem zwei miteinander verwandte, arg vernachlässigte Gebiete zu befruchten begonnen : die Jugend- und die sogenannte Familienliteratur. Eine Reihe vortrefflicher Monographien entstand, so über Major Burg, Gabriel Rießer, den Oesterreicher Ludwig August Frankl u. a., hieran schloß sich eine allerdings nicht auf gleicher Höhe stehende Art der Bearbeitung der Midraschim in populärer Form, und schließlich wurde versucht, den Lejehunger der jüdischen Kreise teils durch originelle Erzählungen, größtenteils aber durch Uebersetzungen aus dem „jidoischen" Dialekt zu befriedigen. — Eine Sonderstellung nehmen einerseits die über Veranlassung der reichsdeutschen Logen entstandenen und veröffentlichten „Märchen", überaus sinnige, an biblische und talmudische Erzählungen nur leise sich anschließende selbständige Dichtungen, andererseits eine Anthologie, wie sie mit Beginn dieses Jahres von einer „Ju g end s ch r ist en - K o mmi s s io n" mit Th. Rothschild an der Spitze unter dem Namen: „B a u st e i n e" auf den Büchermarkt gebracht wurde. Diese „Bausteine", „welche die Eltern an den Abenden, an Sabbaten oder Festtagen" — nach dem Wunsche der „Herausgeber" — „zur Hand nehmen sollen", um den religiösen Bau ihres Hauses auszuführen, bilden ein Novum, und zwar ein erfreuliches. Ein innig religiöser und zugleich fast hypermoderner Geist weht durch das Buch, dessen Herausgeber es verstanden, den alten Wein in neue Schläuche zu gießen. Jüdische wie nichtjüdische Autoren verschiedener Länder lieferten ihre Beiträge. Wir lesen Talmudlegenden nacherzählt von — Leo Tolstoi, den Durchzug durch das Rote Meer, geschildert von — G eo rg Ebe r>s, eine Pesjachfeier zur Zeit der Kreuzzüge, vorgesühtt von — A. Strindberg, die Judenverfolgungen in Steiermark als dichterisches Motiv behandelt von — P. Rosegger (Der Judenbaum). — In großer Anzahl sind selbstverständlich die jüdischen Historiker, Dichter und Schriftsteller vertteten, in deren — von den Herausgebern oft erzerpierten — Schilderungen und Geschichten das jüdische Leben in seinen Hauptzügen sich widerspiegelt. R. Juda Hanassi wird von Treitel, R. Simon Beit Jochai von Professor Lazarus geschildert; Rabbr Ammon, der Verfasser des Unesjane Taukef, wird von A. Donath, der früher erwähnte R. Simon von Hugo Salus besungen. „Dre Juden während der französischen Revolution" werden nach Eraetz dargestellt, der Eid more iudaioo nach S. Kohut, das Jahr 1846 nach der Mannheimer-Monographie des Unterzeichneten. Glänzend ist die Auswahl der jüdischen Erzähler: Zangwill (Das Judenrennen in R o m), Kompert, Auerbach, Perez und W. Münz finden sich häufig in der Anthologie vor. Die „Bausteine" werden sicherlich ihre zahlreichen Abnehmer und Schätzer finden. Kleine Mängel, wie zum Beispiel der sprunghafte Uebergang von Rabbi Simon den Jochai (S. 38) zu Don Jsaac Abrabanel (S. 40), oder von dem gruseligen „jüdischen Grab" (S. 168), welches bester weggeblieben märe, zu dem Bericht aus der jüngsten Gegenwart: „Ein jüdisches Heldenpaar" (Isidor und Jda Strauß, S. 169) können den hohen Wert des Buches nicht b e e i n t r Kch t i g e n! Rabbiner Dr. M. Rofenmann. Einige Worte über Henry Nathansens Schauspiel „Hinter Mauern". Vorige Woche fand ini Deutschen Volkstheater die Erstaufführung eines Stückes statt, das wieder einmal die Judenfrage behandelt. Henry Nathanfen (ein bisher unbekannter Name) hat dieses Stück geschrieben, das wohl verdient, auch in diesem Blatte erwähnt zu werden. Er zeichnet eigentlich etwas Alltägliches — „das jüdische Familienleben". Und trotzdem es etwas so Alltägliches ist, gelang es Henry Nathanfen kunstreich, ein Theaterstück zu schaffen mit einer Reihe von Szenen, die nur von einem Künstler, der ein jüdisches Herz hat und jüdisch fühlt, niedergeschrieben werden können. Auf unaufdringliche Art will uns der Dichter die innere geistige Wandlung des Sohnes eines Rassenantijemiten in schön geformten Bühnenbildern zur Veranschaulichung bringen. — Der Sohn eines Etatsrates, dessen Grundsatz es ist: „Ich dulde keinen Juden in meinem Hause" wird einerseits durch Studium der jüdischen Kultur und Geschichte, andererseits durch die Liebe, die er zu einem jüdischen Mädchen gefaßt hat, ein Freund und Wertschätzer des Judentums. Gut gezeichnet in diesem Werke sind die jüdischen Charaktere, sowie das Bild des innigen jüdischen Familienlebens aus patriarchalischer Zeit. Der aufgeklärte Mediziner Hugo, der es gar nicht verstehen kann, wie seine Schwester mit einemmale ihr ganzes schönes familiäres Zusammenleben, in welchem er sich so wohl fühlt, als „totes Meer" bezeichnen kann. Der älteste Sohn Jakob, der als echter Jude es für „schofel" und „gemein" hält, daß seine Schwester ihren Glauben verleugnen will, der Prokurist Meyer, dem einfach all das, was sich hier abspielt, unbegreiflich erscheint. Und schließlich Ester, die sich in den schönen, geistvollen Mann, -ohne Rücksicht aus den Glaubensunterschied, verliebt hat und nun ihren Eltern so viel Kummer und Sorge bereiten muß, bis sie endlich einsieht, die Verbindung stößt aus unüberwindliche Hindernisse. — Prächtig gezeichnet ist das jüdische Elternpaar. Er, der Bankier, der aus nichts gar viel geschaffen hat und dem sein Glauben als Höchstes gilt, der ihm Stab und Stütze war in allen Wechselfällen des Lebens; und dann sie, die Mutter, die voll Vertrauen aus die Vorsehung in dem Gedanken Trost findet: Gott wird uns schon Helsen — diese Eltern sind für die Kinder alles zu opfern imstande, und sie willigen sogar in die unwillkommene Ehe An, nur Jüdin soll sie bleiben, und ihre Kinder Juden. In der Frauenkirche sich von einem Pfarrer trauen lassen, nein, das nicht, das kann ein alter, glaubenstreuer Jude nie und nimmer zugeben. Der Etatsrat aber, welcher wußte, daß die Tochter bereits dem Sohne versprochen hatte, ihre Kinder taufen zu lassen, fühlte sich schon ganz siegessicher. Aber nur Men Moment lang! Denn obwohl sie gesteht, ein solches Versprechen Hheben zu Haben, siegt in ihrem Herzen schließlich doch die Kindesliebe, denn m ihrem Innern klopft ein jüdisches Herz, das nichts Höheres kennt als Elternliebe. Der Liebende, empört über die Vorurteile seines Vaters, schleudert ihm die bedeutungsvollen Worte ins Gesicht: „Ihr Versprechen braucht sie nicht zu halten, meine Kinder werden keine Christen — auch keine Juden, sondern Menschen/ — Am selben Abend noch holt er sich seine Braut mit den Worten: „Ich habe heute mehr von euch gelernt, als ich je dachte, das Schönste, was die Welt in sich birgt: Familienliebe, Familientradition." — — — Und als ich das Theater verlassen, ging ich nachdenkend nach Hause. War es nur Theater? Im Innern aber fühlte ich etwas ganz anderes; nein, was ich da gesehen, es war nicht Theater. Nein, es war wahrhaftes, jüdisches Familienleben! Wahrhaft und noch immer Wirklichkeit, keine Theaterjpielerei „etwas Alltägliches". Jacques Ullmann. »Professor Bernhardi«, Komödie in fünf Akten von Arthur Schnitzler. (S. Fischer, Verlag, Berlin 1912.) Die Fabel de’s Buches ist bekannt. — Professor Bernhardi, Direktor des Elisabethinums, verweigert dem Pfarrer Franz Reder den Zutritt zu einem sterbenden, in Euphorie und völliger Unkenntnis seines nahen Todes sich befindenden 18jährigen Mädchens. ... .„Zu meinen Pflichten gehört es, wenn nichts anderes mehr in meinen Kräften steht, meinen Kranken, wenigstens so weit als möglich, ein glückliches Sterben zu verschaffen.« .... Während der mit dem Pfarrer vor dem Krankenzimmer geführten Diskussion stirbt die Patientin. — Bernhardi ist Jude, lebt um die Jahrhundertwende zu Wien — was folgen muß, ist klar. — Das Buch wirkt wie eine Radierung von ausgezeichneter Feinheit: — Wien, Oesterreich, 1900! — Klar und scharf bis ins kleinste Detail sind die Typen gezeichnet — fdcit Arthur Schnitzler. Die Ebenwalds, Flints und Hochreitzpoitners, die Doktor Goldenthale . mit den Söhnen in Kalksburg, die Juden hinter der

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