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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-01-24 · 4 (24.1.1913) · p. Seite 67

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 67 (sequence 15)
Language
German
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Dr. Bkochs Wochenschrift. tzveNe 67 Mt. 4 bracht, wie höhnisch rief unser Mathatias die Worte aus: „Versuche es nur, uns zum Götzendienste zu zwingen, und du wirst sehen, wie wir dich empfangen werden.'' Am liebsten hätten wir alle selbst mit ihm gekämpft und jubelnd seine schändlichen Gelüste zuschanden gemacht. So mutzten wir uns begnügen, unsere Rache in gewaltigen Tönen herauszuschmettern» wir sangen und sprachen davon in ergreifenden Szenen, und endlich gab Vater Mathatias seinen Segen zum Kampfe, zum Siege! Und dieser Begeisterung und Kampfeslust tat es nichts, daß die Meisten zwei bis drei Rollen halten, daß oft kaum die Zeit blieb, um sich umzukleiden. Hinter den Kulissen ging es dann allerdings ergötzlich zu. Hanna, die vorher schon den Gesandten des Königs und einen der Heldensöhne vorzustellen hatte, sollte als Geist im weihen, wallenden Gewände den letzten Rest von Zaghaftigkeit bei den Kriegern bekämpfen und sollte sie durch dir Erzählung ihres und ihrer Kinder unschuldig vergossenen Blutes zum Aeußersten anfeuern und anspornen! Hanna, .ein großes, schönes Mädchen, lief aufgeregt hin und her, fand hier nicht den Puder, dort nicht die Bürste, konnte nicht in das Kleid schnell hineinschlüpfen. weil es ein bischen eng war, und r'.ef voll Verzweiflung nach dem Fräulein, das hier Zofen- und Friseurdienste tat. Auf der Bühne verstummte schon der Gesang, unheimliche Stille trat ein, - das Stichwort fiel — Hanna war noch immer nicht zugeknöpft. Wir halfen alle, unsere Hände zitterten und dabei wurde erst recht nichts zu Ende gebracht, — kurz, Hanna lief oder — schwebte vielmehr auf die Bühne im halb geschlossenen Kleide, das aber glücklicherweise der lange Schleier bedeckte. Das Publikum merkte natürlich nichts, sie hielten die Pause vorher für hochromantisch, das Er-, scheinen des Geistes vorbereitend, und nur wir alle amüsierten uns königlich. Oder der greise Mathatias, den ebenfalls ein Mädchen darstellte, wurde im Roll» stuhl heraufgeschoben, und als der Vorhang ausging, gab er seinen Söhnen den Befehl, mit einer tapferen, todesmutigen Schar dem Feinde entgegen zu ziehen. Den Oberbefehl übergab er seinem Sohne Iuda, wml er selbst sein Ende herannahen fühlte. Aber „sterben aus der Bühne" ist nicht so einfach und Ella hatte es weder bei den Proben, noch bei der Generalprobe bis jetzt richtig gemacht. Als nun der Augenblick kam, da sich ihr Kopf mit der schneeweißen Perücke und der seidenen Kappe zur Seite neigen, da der Atem aufhören und sie die Augen schließen sollte, fiel drautzen plötzlich etwas Klirrendes zu Boden, ein Kichern und Flüstern wurde hörbar — über die Züge der Sterbenden glitt ein, nur mühsam zurückgehaltenes Lächeln — sie schluckte einige Male, öffnete wieder die Augen, und nur der Energie unseres lieben Regisseurs war es zv danken, datz ein Heiterkeitsausbruch und damit ein Mißerfolg verhütet wurde. Er sprach die nächsten Worte laut vor. Juda Makkabi trat vor und legte an der Leiche des Vaters, den Schwur. ab, seine Aufgabe treulich zu erfüllen. Und wie reizend und zart wirkte dann die Kinderszene, da die heimkehrenden Sieger von kleinen Knaben und Mädchen mit Gesang und Blumengewinden empfangen wurden. Und wie schön und erhebend war endlich die große Schlutzszene. in der Iuda Makkabi, der Held von Bet-Zacharia, iw Tempel die heilige Lampe an'- zündete und mit ihr das erste Chanuka-Licht. Aus hun-- dert Kehlen scholl der schlichte und doch so herzbewegende Sang : „Moaus zur jesrlmosiV4 Hort und Fels du meines Heils, Dank gebührt dir. Dank und Preis! In purpurne, phantastisch ausgestattete Gewänder gehüllt, die Haare unter dem turbanarligen Kopfputze versteckt, die nackten Füße nur mit Sandalen bekleidet, in den jungen Armen Kraft und Wollen fühlend, die Augen vor Lust und Entzücken strahlend emporgerichtet, so umgaben wir unfern Sieger, unfern Freiheits-- kchmpfer! Das war ein Augenblick, der wohl viele von uns durch das Leben begleitet hat. ein Augenblick, tief empfunden, voll genossen und in der Erinnerung noch so lebendig, datz mir Tränen in die Augen kommen, wenn ich daran denke. Denn nichts bleibt wohl auf unserer Erdenwanderung so tief im Gedächtnisse haften, wie Kindheitseindrücke, seien sie froher oder schmerzlicher Natur. Als der Vorhang fiel, war des Beifalls kein Ende, und die jugendlichen Spieler wurden beschenkt, umarmt, geküßt und geherzt. Denn da im Zuschauerraum saßen einige hundert Väter und Mütter, die wohl oft ängstlich den Atem angehalten hatten, ob der Sohn oder das Töchterchen auch wirklich altes gut machen würde. Sie hatten ja all' die Wochen hindurch mitgejubelt, mitgeweint, sie hatten gearbeitet, mit Rat und Tat beigestanden. hatten Frieden gestiftet, und darum fühlten sie Alle Stolz über das Gelingen des Werkes, das euch ihnen Herzklopfen verursacht, und Freude über die Bewunderung, die den Kindern zuteil wurde. Ja, sie selbst wurden mit ihren Kindern jung, sie erinnerten sich an i h r e Jugendzeit, an die Feste, die sie gefeiert, und ein wundersames Band gleicher Freude, gleicher Lust umrankte Eltern und Kinder. In einem zweiten anschließenden Stücke, das den Tod des Holofernes durch Judith zum Vorwürfe hatte, kam es noch ohne mein Verschulden zu einer amüsanten Szene, die glücklich aus dem Ernst des Spiels in das Spiel des Tanzes und der sorglosen Fröhlichkeit hinüberführte. Judith ich selbst gab das vielbewunderte, kluge Weib — soll dem großen und grausamen Holofernes beim Mahle den Kopf abschlagen! Halbberauscht saß der Mächtige in seinem Prunksessel, die Liebesworte und Liebkosungen erwartend, die ich ihm geben wollte. Doch meine Hand griff nach dem Säbel, dem todbringenden Werkzeuge, das ihn. den Lebenshungrigen, Uebermütigen, endlich seinem Schicksale übergeben sollte, da etwas von einer Judith dürfte wohl in solch einem Augenblicke in jedem Mäd-» chen sein - und ich spielte nicht mehr, ich lebte im Spiel — — da fand ich den Säbel nicht! Ich suchte, ich tastete, ich fühlte heißen Zorn in mir aufsteigen: war die Scheide leer, hatte man vergessen, ihn hineinzustecken? Meine Wangen glühten, meine Augen funkelten, wilder packte ich den Gürtel, ■- da, ich fühlte endlich den kalten Stahl! Ich zog - ich riß — es war unmöglich. Er stak zu fest, ich brachte ihn nicht heraus. Verzweifelt sah ich um mich. Das Publikum wartete gespannt. Da flüsterte ich dem schlafenden Fürsten zu: „Du, hilf mir, ich kann den ^-äbel nicht herausziehen." Und er streckte seine Hand aus, während es um seine Lippen zuckte ich trat etwas näher, und mit) vereinter Kraft zogen wir das schreckliche Ding endlich aus der Scheide. Unten im Saale aber hatte doch jemand den Vorgang bemerkt, er lachte, ein Zweiter, ein Dritter stimmte ein, man klatschte, schrie und lachte durcheinander. „Holofernes ist nicht tot! Seht nur. er macht die Augen auf, er lacht und Judith muß sich ihm ergeben!" Und wirklich, mein Partner lachte. Hinter den Kulissen lachte man, alles war davon angesteckt. Und schließlich mußte ich, die ich noch immer wie erstarrt dastand und den Säbel hochhielt, mit einstimmen in diesen

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