Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- Seite 59 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Dr. Mochs Wochenschrift Sette LS schäften 'Vieser Rasse zu zeigen, als starke Stütze van Gesetz und Ordnung unter einem Regime der Freiheit und der Rechtsgleichheit. Der Präsident fügte hinzu: „Mein Vater war ein llnitarier und ich bin in der unitarischen Religion erzogen worden. In derselben Gasse gegenüber der unitarischen Kirche in "Cincinnati befand sich die Synagoge, in welcher Rev. Jsak M. Weiß als Rabbi wirkte. Unsere Geistlichen wechselten häufig miteinander ihre Kanzel, und so bin ich in meiner Jugend oft zu Füßen von Rabbi Dr. Weiß in der unitarischen Kirche gesessen und habe dort seinen Predigten gelauscht. Darum sind mir die Vorurteile der Kleingeister und kleinköpfiger Menschen stets fremd geblieben. Meine Herren! Es ist kein Zweifel, daß eine Rasse, wie die jüdische, in dem Gang der Zivilisation sich durchschlagen und die. Ungleichheit und die Verfolgung, die sie noch-in maMen Ländern zu erdulden hat, überwinden wird. Das ist so sicher, wie der Tag, und es muß uns zur Befriedigung ^reichen, daß die Bewegungen zur Anerkennung der sozialen Gerechtigkeit gegenüber allen Unterdrückten ihre erfolgreiche Initiative in unserem Lande gefunden habe. Ich schätze den Beweis Ihrer Anerkennung als eine der größten Ehren und Auszeichnungen meiner Wirksamkeit als Präsident der Vereinigten Staaten." König Ferdinand und dir jüdische Hilfsaktion. Sofia. 18. Januar. Die Delegierten der vereinigten jüdischen humanitären Gesellschaften, Dr. Paul Nathan und Dr. K a b n aus Berlin und Elkan A d l e r aus London, hatten Donnerstag eine Unterredung mit dem Premierminister Geschow und anderen Ministern, um sich ein klares Bild über die notwendigen Maßnahmen zu bilden. Sie wurden dann auch von der Königin Eleonore empfangen, die ihre eifrigste Mithilfe an dem philanthropischen Werke versprach. Die Königin hob die Sympathien des Königs Ferdinand für seine stets an der Wohlfahrt des Landes mitarbeitenden jüdischen Untertanen hervor, die während des Krieges aufs neue ihre Vaterlandsliebe bekundet hätten.' Heute halten die Delegierten eine einstündige Audienz beim König Ferdinand. Dieser erklärte der Mission, daß er besonderes Interesse für die ersprießliche Durchführung ihrer menschenfreundlichen Bestrebung hege. Die Herren wollen besonders den Notleidenden Adrianopels beistehen. Sie rei'en morgen durch Mazedonien .nach Saloniki, um sodann an die Ausführung ihres humanen Werkes zu schreiten, für dessen Gedeihen sie jetzt die beste Hoffnung haben. Ein Orfordrr Professor über das rituelle Schächten. Der berühmte Physiologe Professor Dr. Leonhard Hill von der Orforder Universität und Primarius der Ersten Klinik von London veröffentlicht im „Daily Mail" einen längeren Aufsatz über seine Beobachtungen bei den verschiedenen Schlachtmethoden. Der Gelehrte erklärt, daß er auf Grund vieljähriger Forschung und Untersuchung sowie aus Grund seiner Beobachtungen der in den verschiedensten Schlachthäusern geübten Tötungsniethoden bei Genußtieren, die innerste Ueberzeugung gewonnen habe, daß die vom jüdischen Gesetze vorgeschriebene Schächtmethode die zweckmäßigste und leichteste ist-und daß diese dem Tiere die geringsten Schmerzen verursacht. Die Tragikomödie des Renegatentums. Unter dem Schlagwort „Iudäomagyaren" schreibt man der „Arbeiter-Zeitung": Zwei Aktionen wühlen derzeit in Ungarn die politischen Leidenschaften aus: die bürgerliche Bewegung gegen die neuen Steuergesetze, sowie der bürgerliche und proletarische Kampf gegen das Lukacs-Tiszasche Wahlresormmachwerk. Es fehlt jedoch auch in dein beftigen Kampfgewühl nicht an belustigenden Episoden. Die neuen Sleuergesetze sind ein Produkt agrar-junkerlicher Klassenpolitik: sie entlasten den Grundbesitz, wälzen die öffentlichen Abgaben noch mehr als bisher aur di: Städtebevölkerung ab und sind sonach gewissermaßen ein Schritt zurück zur vormärzlichen Steuerfreiheit des Adels. Eingeleitet wurde die Bewegung gegen das Inslebentreten dieser Gesetze durch eine im Abgeordneienhause eingebrachte Interpellation des Abgeordneten Paul Sandor. Ter Finanzminister Teleszky verteidigte die angegriffene Steuerpolitik, und ihm sekundierte in dem Bemühen, die Juden für die ganze Bewegung verantwortlich zu machen der Abgeordnete Geza v. Kubinyi mit der Bemerkung: „Vor 1848 wollten die Fokoschträger vom Steuerzahlen nichts wissen, heute wollen die Pajeßträger keine steuern zahlen." Es wurde über diesen „Witz" nicht wenig geschmunzelt, aber nicht etwa, weil man das Wortspiel für gelungen hielt. Im Gegenteil. Knüpft doch gerade den Mann, der sich so sehr für die neuen Steuergesetze ins Zeug legt — den Finanzminister Johann v. Teleszky — etwas wie Familientradition an das Tragen von Pajeß idie Schläfenlocken der polnischen Juden). Sein Großvater war nämlich ein aus Galizien eingewanderter Jude und hieß Jeitelesz; dessen Sohn kam in Ungarn zu einem großen Vermögen, trat zum Christentum über, kaufte sich den Adel und magyarisierte seinen Namen, indem er vorn eine Silbe wegnahm und hinten eine andere anfügte, auf Teleszky. Der Enkel des Pajeßträgers Jeitelesz, eben der heutige Finanzminister, gebürdet sich freilich schon urfeudal, und da hat ihm der Gentry Kubinyi mit seinem Pajeßträgerargument doch einen etwas fatalen Dienst geleistet, weil man sich schmunzelnd an die Schlüfenlocken des Großpapas erinnerte. Nicht minder belustigt hat folgende Episode im Wahlrechtskampf. Aus der Regierungspartei sind bekanntlich bisher zehn Abgeordnete ausgetreten, weil ihnen der Wahlreformentwurf zu reaktionär ist und weil sie sich für das allgemeine, gleiche und geheime Wahlreckst vcrvflichtet haben. Dieser Tage erfolgte nun der Austritt ei ie-i Abgeordneten aus einer anderen Partei aus entgegengesetzten Gründen. Der Abgeordnete Julius Pajzs de Raczalmas hat der Kossuth-Partei einen Absagebrief geschrieben, weil sie auf der Grundlage des Wahlreformprogramms der vereinigten Opposition steht. Und da das allgemeine, gleiche und geheime Wah'recht so erUärte Herr Julius Paizs de Raczalmas das notwendige Uebcrgewicht der Grundbssitzerklasse beseitigen und somit für das Magyarentum ein nationales Unglück heraufbeschwören würde, gebiete ihm sein patriotisches Gewissen, aus der Kossuth-Partei auszutreten. Warum man über so viel Patriotismus belustigt ist? Herr Julius Pajs; de Raczalmas ist der Sohn des Gutspächters Jakob Pick, dieser hat die Bauernschinderkünste, das Ausbeuten taglöhnerndcr Kleinbauern und Häusler mit solcher Virtuosität betrieben, daß sein Sohn in der Gegend von Raczalmas Großgrundbesitz erwerben und sich ein Adelsorädikat kaufen konnte: vorher hat der Sohn des Gutspächters Jakob Pick selbstverständlich seinen Namen magyarisiert; er entschied sich dabei für „Pajzs", was für seine ritterliche Sinnesart spricht, denn paizs be^üt aut deutsch Schild. Daß in der Kossuth-Parter ausgesucht Jakob Picks Sohn es sein muß, der sich als erster berufen fühlt, das Magnarentum vor dem nationalen Unglück einer demokratischen Wahlreform zu behüten, darüber hat man nicht mehr geschmunzelt, sondern hellauf gelacht." Das Seltsamste ist. daß die Wiener Renegaten der „Arbeiter-Zeitung" diese - Selbstbefleckung anstandslos abdrucken. Bürgermeister Gaynor und die Sabbatfreunde. Aus Newyork wird uns berichtet: Dieser Tage empfing der Bürgermeister Gaynor eine Abordnung der Gesellschaft „Tomchei Schabbes", welche ihm eine Beschwerde darüber unterbreitete, daß die Polizei auch denjenigen orthodoren Juden gegenüber das Ge'etz über die Sonntagsruhe mit aller Strenge handhabe, von denen es notorisch bekannt ist. daß in ihren Geschäften die Arbeit am Sabbat und den jüdischen Feiertagen ruht. Bürgermeister Gaynor gab ohne weiteres zu. daß diese Beschwerde berechtigt ist und daß solche Behelligungen nicht nur vom Standpunkte der Menschlichkeit, sondern auch nach dem Sinne des Gesetzes ungerecht feien. Die Schuld liege an der Unklarheit der Gefetzesfasfung. und er werde dafür Sorge tragen, daß nach dieser Richtung Remedur geschaffen werde, damit die Juden, welche ihren Sabbat heiligen wollen und durch Arbeitsenthaltung auch wirklich heiligen, nicht gezwungen werden können, auch noch den Sonntag zu ruhen. Seiner