Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- Seite 58 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ente 66 Dr. Vlochs Wochenschrift. Skr. 4 kenasi Halevy und sein Sohn Sadjah Halevy. Der gleichnamige Sadjah Halevy, der noch jetzt in Saloniki eine Druckerei besitzt und die Wochenschrift „La Epoca" herausgibt, ist ein Nachkomme Bezalels. Trotzdem die Spaniolen die Deutschen nicht liebten, nahmen sie vieles von ihnen in Sprache und Sitte an. Da>s Jüdische Spa-- niolische besitzt viele Wörter, welche als deutsche Lehnwörter erkennbar sind. Auch Familiennamen wie Alle-- man. Aschkenasi, Bona (Bonn), Gutha, welche bestimmt deutschen Ursprungs sind, sind bei den Spaniolen an>- zutreffen. Der Wert Mancher Zeugenaussagen. Irrige Aguoszierung eines Verstorbenen. Wie eine Illustration zu einem von zwei gelehrten Gesellschajten gemachten interessanten Experiment, das den problematischen Wert mancher Zeugenaussagen sogar Gebildeter und wissenschaftlich Geschmier demonstrieren sollte und demonstriert hat, rängt eine Ee- Mchte, deren Anfang um 21/* Monate zurücknegr und deren ganz inerrwurdiges Ende nun gemeldet wird. Es handelt sich darum, daß eine Tote von einem Mann als seine eigene Gattin, von der er gescyieüen lebte, agnosziert worden i|t, was sich nachträglich als unrichtig heraussteilte. Wir erfahren über den interessanten Fall folgendes: Am 2. November v. I. ist in den Parkanlagen auf dein Franz Josephslai eine ungefähr 45jährige Frauensperson in vo:Ilruntenem Zustande ausgesunden worden. Sie war ganz verwahrlost, und da sie gar keine Angaben über ihre Person macyen konnre, wurde sie zur Ausnüchterung zum Polizeikommissariat Innere Stadl gebracht. Unter der Einwirkung des llebergenusses von Alkohol Mi sie dort trotz sorgsamster ärzr.icher Hilfe bald oarauf gestorben. Die Frau hatte einen Korb mit halboertrocknetcn Brotresten und ein Fläschchen mit Schnaps, dann 70 Heller in kleinen Münzen bei sich, und man schloß aus diesem Besitz und aus dem ganzen Exterieur, daß sie eine Bettlerin war. Ihre Personsbeschreibung wurde in den Zeitungen verlautbart. Bald nach der Verlautbarung erscyeinr beim Polizeikommissariat Innere Stadt am 5. November ein Mann und ste.lte sich als der Bademeister Franz Fischer vor. Er erzählte, er habe von der Toten gelesen und -habe Anlaß, sie für seine seit Zähren von ihm geschiedene Gattin, die 52jährige Veronika Fischer, zu halten. Dem die Amtshandlung führenden überaus vorsichtigen Polizeikommissär genügte das Zeugnis des Gatten nicht und er tat noch ein übriges in der Meinung, Leute, die Frau Fischer erst in der letzten Zeit gesehen hätten, könnten sie noch bestimmter agnoszieren. Er lud zwei Zeugen, die Veronika Fischer seit längerer Zeit kannten, vor und ließ sie vor die Leiche führen, und auch diese beiden Zeugen erklärten mit vollster Befümmtheit, die Tote sei Frau Fischer. Nun wurde die von drei Zeugen Agnoszierte ms Frau Fischer begraben. Die wenigen minderwertigen Effekten und den Barbetrag von 70 Hellern, den man bei der Toten gefunden hatte, hat Franz Fischer als erbberechtigt reklamiert und auch erhalten. Mehr als zehn Wochen waren seit dem Tode der Frau vergangen, als am 15. ds. beim Wiener Magistrat eine Frauensperson oorsprach und die Bestätigung ihres Heimatrechtes in Wien verlangte. Um den Namen befragt, gab sie an, sie heiße „Veronika Fischer". Zur Beglaubigung wies die Frau auch einen auf diesen Atomen lautenden Trauschein vor. Nun ist die Zusammensetzung eines Namens „Veronika Fischer" nicht selten. Als aber der Magistratsbeamte in den Registern nach sah, fand er zu seinem Erstaunen, daß diese Veronika Fischer, von der der Trauschein sprach, als am „2. November 190^ verstorben" verzeichnet war. Wohl oder übel mußte der Beamte die Frau, die die „verstorbene" Veronika Fischer zu sein vorgab, für eine Schwindlerin halten. Die Frau wurde daher der Polizei übergeben. Bei ihrer Einveroernahme blieb die Frau dabei, sie sei die Veronika Fischer, geschiedene Gattin des Bademeisters Franz Fischer, und die Verstorbene sei eben nicht die Veronika Fischer gewesen. Zum Beweise ihrer Identität machte die Frau eine Amtsperson namhaft, mit welcher sie mehrere Jahre in einem Hause gewohnt hat und welche sic kennen müßte. Die Amtsperson wurde ins Amt beschieden und erklärte entschieden, die Frau sei wirklich Veronika Fischer. Indessen war auch der Gatte, Bademeister Franz Fischer, zum Amte zitiert worden. Er wurde der Frau gegenübergestellt und mußte in ihr seine geschiedene Gattin erkennen und seine damalige im besten Glauben abgegebene Agnoszierungserklärung widerrufen. Uebrigens soll aber der Irrtum dadurch erklärt sein, daß die seinerzeit begrabene Frau genau so ausgesehen hat, wie die wirkliche Fischer. Das Auftauchen der Totgeglaubten ist übrigens gerade zur rechten Zeit erfolgt; denn sonst -hätte Franz Fischer Bigamie unbewußt begangen. Franz Fischer, der sich für einen Witwer halten mußte, stand nämlich im Begriffe, demnächst wieder sich zu verehelichen. Nun ist nur noch die eine Frage zu lösen: Wer war die Frauensperson, die als Veronika Fischer beigesetzt worden ist? Vorstehender Bericht war in der „Reichspost" vom 18. Januar 1913 zu lesen. Leopold Hilsner wurde bekanntlich verurteilt, weil ein Kronzeuge mit Fernglasaugen auf „900 Schritt Entfernung bei Abenddämmerung" am Tatort Leop. Hilsner mit zwei anderen Personen genau gesehen zu haben vor Gericht erklärt hat. , ,; Israel ZangwMs Neujahrswunsch. „Evening Standard" in London hat sich anläßlich des Neujahres an verschiedene englische Gelehrte und Schriftsteller mit der Rundfrage gewendet, welchen besonderen Wunsch sie für das Jahr 1913 hätten. Unter den Befragten befand sich auch Israel Zangwill, der ben Wunsch äußerte, daß die Großmächte sich mit der Judensrage so beschäftigen mögen, wie sie sich mit der Balkanfrage beschäftigen, wenn auch die Juden nicht so viel Ströme Blutes vergossen haben. Sind schon die Großmächte ohnmächtig, um die Lage der Juden in Rußland zu verbessern und durchzusetzen, daß die Juden ungehindert nach Palästina auswandern können, so haben sie doch die Macht, Rumänien zu zwingen, den Juden endlich die ihnen zugesicherte Gleichberechtigung zu geben. Schließlich spricht Zangwill den Wunsch aus, daß auch die englischen Juden die gleichen Rechte genießen mögen wie alle übrigen Bürger Englands, damit — wie er ironisch bemerkt — Justizminister Sir Rusus Jsaacs und der Postminister Herbert Samuel die Möglichkeit haben, wenn sie wollen, nach Rußland zu reisen, ohne Hindernisse und Beleidigungen fürchten zu müssen. Ein Vorzug, den jeder Engländer, der kein Minister, aber auch kein Jude ist, ohne weiteres genießt. Verleihung dar goldenen Medaille an den Präsidenten Taft durch die Merreter des Ordens „V'nai V'rith" in Amerika. Newyork, 7. Januar 1913. Am letzten Tage des vergangenen Jahres wurde mit großer Feierlichkeit die zu Ehren des Präsidenten Taft von dem Orden „B'nai B'rith" geprägte, große goldene Medaille von einer Delegation hervorragender Vertreter des Ordens überreicht. Anlaß zur Ueberreichung dieser Medaille war die von Taft Unterzeichnete Kündigung des russischen Handelsvertrages. Führer der Delegation war der Großpräsident Adolf Kraus- Chicago und unter den Mitgliedern waren die prominentesten Männer des Ordens aus allen Teilen der Vereinigten Staaten. Es fand aus diesem Anlasse in Washington ein Festessen statt, und bei Entgegennahme der Medaille sagte der Präsident Taft: Er fühle sich geehrt und sei tief gerührt durch diesen Beweis der Anerkennung und der Bestätigung seiner Anstrengungen, die Pflichten als Präsident der Vereinigten Staaten zu erfüllen und vor aller Welt zu bekunden, daß wenigstens in diesem Lande die Wohltaten des Gesetzes für jedermann, ohne Unterschied, die gleichen sind und daß nicht bloß die Gesetze, sondern auch der Geist der Administration und die Prinzipien der amerikanischen Konstitution von der Idee der Rechtsgleichheit durchdrungen sind. Was das jüdische Volk betrifft, so dürfen seine Söhne mit berechtigtem Stolze ihrer Abstammung sich rühmen; die Stärke der Rasse, die Geduld und die Ausdauer, mit welcher das jüdische Volk durch soviele Jahrhunderte für die Idee der Rechtsgleichheit kämpft, ist ganz ungewöhnlich in der Geschichte. Die Verfolgungen, welchen dieses Volk wegen seines Festhaltens an den alten überlieferten religiösen Ueberzeugungen unterworfen waren und noch sind, Haben seinen Charakter entwickelt und seine Rasse gestärkt. Aber es bedurfte eines freien Landes, wie Amerika, daß die Blüten dieses Stammes sich frei entwickeln, um der Welt die merkwürdigen Eigen-