Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-01-24 · 4 (24.1.1913) · p. Seite 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 57 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022040--21816-3046930
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 4 Dr. Blochs Wochenschrift Teile 57 Wansee (26. August 1071) Antiochien, Edessa und den größten Teil Kleinasiens. Dieser erste und die folgenden Kreuzzüge hatten überhaupt nicht so sehr den vorgeblichen Zweck, das h. Land den Ungläubigen zu entreißen, als den viel tiefer liegenden, uneingestandenen politischen, das ost^ römische Reich zu schwächen und die ganze griechischjorientalische Christenheit unter die alleinige, die ganze Welt umfassende, römisch-katholische Papstherrschaft zu bringen. ' 1 \ Mit dem Auftreten Osmans im Jahre 1300 erstand nun nach dem Versickern der Kreuzzüge ein neues Herrschergeschlecht, aus dem sich jenes gewaltige türkische Weltreich entwickelte, das, im Gegensätze zu den früheren Herrschern, den Kampf des Halbmondes mit dem Kreuze von den asiatischen Feldern auf die europäischen verpflanzte und erst mit der zweiten Belagerung Wiens vor diesem festen Bollwerk zum Stillstände kam und dann nach und nach zur rückläufigen Bewegung bis zum vollständigen Verfalle ausartete, dessen letzte dramatische Szenen wir nun gegenwärtig miterleben. Mit dem Auftreten des vsmanischen Herrschergeschlechtes begann eine neue Zeit der Blüte für die Judengemeinden, besonders jener, die sich auf dem B a l - k a n befinden, und als speziell Adrianopel zur Hauptstadt des Reiches erhoben worden und als solche bis nach einem weiteren Jahrhunderte, der Eroberung Konstantinopels, geblieben war, kam eine Regeneration der arg mitgenommenen anderen jüdischen Gemeinden des Balkans zustande. Die Herrschergestalten aus dem Hause Osmans ziehen daher unwillkürlich sympathisch vor dem jüdischen Geistesauge vorüber. Wer war O sman? (Nach der arabischen Aussprache „Ozman", woraus sich dann die Bezeichnung „Ottolman" bildete.) Osman I.. der Begründer des osmanischen Reiches, das nach ihm seinen Namen führt, war im Jahre 1259 zu Sukut in Bithynien als Sohn des turkomenischen Hordenfürsten Ertogrul geboren und folgte seinem Vater in der Führung der Nomadenhorde im Jahre 1288, erweiterte durch glückliche Feldzüge sein Reich in solcher Weise, daß er bereits im Jahre 1300 den Titel Sultan annehmen konnte, und regierte als solcher bis zu seinem Tode im Jahre 1326. Der Hordenstamm, dem er angehörte, führte den Namen der,, Utsch-uk". Die jüdischen Gelehrten und Chronisten beschäftigten sich mannigfaltig mit dieser Heldengestalt und mit der Abstammung seines Geschlechtes. So führen sie dieselbe bis auf Noah selbst zurück. Ueber den Familiennamen „Utsch-uk" wird folgende Sage erzählt: Ertogrul, der Vater Osmans, abgekürzt „Tuger" genannt, (daher im Hebräischen die Bezeichnung „Tugarmä" für die Türkei) hatte sechs Söhne. Diese schickte er einst aus das Feld hinaus: da fanden sie einen Bogen und drei Pfeile, die sie dem' Vater heimbrachtea. Dieser nahln zuerst den Pfeilbogen, zerbrach ihn in drei Teile und verteilte sie unter den drei älteren Söhnen; sie erhielten hievon den Namen „Busuk". das heißt „Bruch": den drei jüngeren gab er je einen Pfeil und diese führten von da an den Namen „Utsch-uk", das heißt „drei Pfeile". Osman I. führte nun Kriege mit den Byzantinern, Türken und den Seldschucken: das Kriegsglück stand ihm immer zur Seite: er eroberte die festen Städte „Karahissar", „Jeni-Sihar" und, was besonders stür die zukünftige Gestaltung des türkischen Reiches in seiner Ausdehnung auf den europäischen Teil ausschlaggebend war, er besetzte die Inseln des Marmara-Meeres. Jedoch in keinem dieser Gebiete gab es noch jüdische Gemeinden, so daß man sagen kann, unter der Herrschaft dieses Sultans aus dem Hause Osman hat es noch keine historischen Beziehungen zwischen ihm und den Juden der europäischen Türkei gegeben. Erst unter seinem Nachfolger Orchan, ein Sohn Osmans. fand die erste Berührung zwischen solchen Juden und vsmanischen Fürsten statt. ^.Fonj.tzun^ folgt.) Dom Aabrmorkt des Hebens. _ Deutsche Juden auf dem Balkan. Im Januarheft der Monatsschrift „Ost und West" beschäftigt sich Dr. M. L. Vamberger mit der Geschichte der Juden in den Balkanländern. Unter anderem schildert er auch das Schicksal der ausgewanderten deutschen Juden. Einwanderungen deutscher Juden nach dem Balkan fanden zuerst um das Jahr 1450 statt. Die judenfeindliche Gesinnung des Papstes Nikolaus V.. in dessen Auftrag Johannes de Capistrano hetzte (1447), wirkte ansteckend, ^o ließ der bayerische Herzog von Landshut, Ludwig der Reiche, sämtliche Juden seines Landes am 5. Oktober 1450 festnehmen, die Männer in den Kerker, die Frauen in die Synagoge einsperren und alle ihre Barschaft und Kleinodien konfiszieren. Vier Wochen hielt er sie in Gewahrsam, dann jagte er sie arm aus dem Lande. Der Strom dieser Unglücklichen ergoß sich nach den Balkanländern: die Auswanderer siedelten sich in Nikopolis, Plewna, Sofia (Widdin)?), Konstantinopel, Adrianopel und Saloniki an. Auch gleichzeitig mit den spanischen Emigranten (nach 1492) zogen viele deutsche Juden in die Balkanländer ein. Die Deutschen hielten an ihren früheren Lebensgewohnheiten fest, insbesondere auch bezüglich der Kleidung und Sprache. Das Verhältnis zu den anderen Balkanjuden wurde dadurch ungünstig beeinflußt: insbesondere waren die spanischen Juden nicht gerade gut auf ihre deutschen Glaubensgenossen zu sprechen, wovon der Ausdruck: „Tedesco lmilio“ (schlechter Deutscher) und das Sprichwor tzeugen:,, Xi Ajo dulce. ni Tedesco buono •* (Knoblauch ist nicht süß und ein Deutscher ist nicht gut)! Ein spanischer Rabbiner der damaligen Zeit schreibt in bezug auf den berühmten Rabbi Jehuda Minz aus Padua: „Bringe mir keinen Beweis von den Worten des Rabbi Jehuda Minz, denn, wenn er auch ohne Zweifel ein hervorragender Gelehrter war, so läßt sich aus seinen Entscheidungen seine Geistesgröße nicht erkennen, war er doch ein Deutscher, und die Deutschen sind schwerfällig im Ausdruck, sie sind weder imstande, sich klar auszusprechen, noch durch die Feder die liefen Gedanken, die sie im Herzen haben. Wiederzugeben. Verstehen kann sie nur derjenige, der lange Zeit mit ihnen verkehrt und ihre Lehranstalten besucht hat." Auch in bezug auf den Ritus und den Kultus bestanden zwischen den Deutschen und den übrigen Juden in jenen Ländern Differenzen. Die bedeutendste deutsche Gemeinde war die zu Plewna. An deren Spitze standen hervorragende Gelehrte als Rabbinen. Das geistige Oberhaupt der deutschen Gemeinde in Sofia war Rabbi Benjamin ben Mair Halevy aus Nürnberg, welcher den Machsor (Gebetbuch) für die deutschen Gemeinden in den Balkanländern (Saloniki 5310—1540) für den Druck vorbereitete. Dieser Machsor ist noch heute bei den deutschen Gemeinden in Konstantinopel. Saloniki und Sofia im Gebrauch. Eine Zierde der deutschen Gemeinde zu Saloniki war Rabbi Simon Aschkenasi aus Frankfurt a. M.. der Verfasser des bekannten aggadkschen Werkes „Jalkut Schimoni". Großen Ansehens erfreuten sich auch die Buchdrucker Bezalel Asch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.