Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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5»i. 4 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 55 Gerichte zutrug. Aber merkwürdigerweise ist trotz aller dieser kaltblütig inszenierten Massensuggestion auch nicht ein Faktum verläßlich zutage getreten, welches einen sachlichen Könner zwischen dem Angeklagten und der ihm angeschuldeten Taten hergestellt hätte. Der famose Zeuge Peschak. der se,ch^ Monate nach Entdeckung der Tat sich meldete, daß er die Anwesenheit des Leopold Hilsner im Brzina-Walde zur vermutlichen Zeit der Tatbegehung wahrgenommen habe, hat in seiner Aussage die Spuren der Erfindung in deutlicher Weise gezeigt, daß jeder billig Denkende den vollständigen Mangel eines jeden Beweises erkennen muhte. Peschak hat Hilsner auf 900 Schritte erkannt und ihn von zwei anderen unterschieden. Er hat bei den beiden anderen Kleidung undHutfavon unterschieden und nach eineinhalbjähriger Pause hat er endlich sogar Hilsner zu der kritischen Zeit, da die Klima verschwunden war. in der Nähe des herrschaftlichen Waldes gesehen! Und so wurde das erste Todesurteil in Kuttenberg am 20./9. 1899 gefällt. Im vollsten Vertrauen darauf, dah dieses Beweismaterial niemals zu einer zweiten Verurteilung führen würde, hat der Kassationshof die Verhandlung einer anderen Jury anvertraut. Das Fakultätsgutachten hatte nebst verdienstlicher Aufklärung der strafbaren Unwissenheitsfehler der sachverständigen Aerzte erster Instanz sich doch in einige Gebiete von Kombinationen begeben, welche dem Gutachten nicht zustanden, z. B. von jener famosen weiß>- grauen Hose, welche der Gendarm Klenovar schon am 2. April 1899 in der Hand gehabt hatte, auf der später rückwärts rostbraune Flecken gefunden wurden, — es seien Blutspuren in dieser Hose absolut nicht nachszuweisen, dagegen fei die Möglichkeit, daß das Blut in der Hose gewesen sei, nicht auszuschließen. Dieser Satz gehört in dies Gutachten ebensowenig, wie die Erörterung anderer Möglichkeiten, deren Hinwerfung eine Waffe in der Hand eines einseitigen Staatsanwaltes bieten könne, und wirklich hat auch der Staatsanwalt in der Piseker Verhandlung diese Möglichkeit in eine hohe Wahrscheinlichkeit mit den Worten umgewandelt: „Sie werden gewiß' nicht daran zweifeln, daß die Frau Hilsner die Hofe ausgewaschen hat". Ich will bei dieser Gelegenheit nur einige Proben der gesetzwidrigen Haltung der richterlichen und staatsanwaltschaftlichen Funktionäre anbringen. Die Zeugin Vomela, Gemeindevorstehersgattin, die siebenmal vernommen wurde, hat bekanntlich einen großen jungen Mann mit vollem Gesichte, starker Gestalt, in der rechten Hand einen starken Stock haltend, gesehen, welcher aus dem Walde auf sie losstürzte und wieder in den Wald zurückkehrte. In der Vernehmung am 3. April 1899, vier Tage nach ihrem Erlebnisse, hat diese Zeugin erklärt, daß dieser Unbekannte mit Hilsner nicht identisch sein konnte; bei der dritten Vernehmung ließ sie sich bewegen, zu erklären, daß i h m Hilsner ähnlich sähe; aber schon bei der vierten und fünften Vernehmung erklärte sie neuerlich, daß sie vom Herzen beschwöre, daß sie den Hilsner in jenem Manne nicht erkennen könne. Trotz dieser fünf Aussagen behauptet die Anklageschrift: es sei durch die Aussage der Vomela die Anwesenheit Hilsners beim Brzinaj-Walde erwiesen! Und der Vorsitzende im Prozesse Kuttenberg beginnt seine Befragung des Leopold Hilsner in der Verhandlung vom 12. September 1899 mit den Worten: „Da Peschak und die Vomela Sie gesehen haben, so mußten Sie den Mord verübt oder wenigstens dabei mitgewirkt haben." In dieser Weise wurden die unmittelbarsten Ergebnisse des Beweisverfahrens durch Unverstand und Uebereiser den GeschWorenen Ln entstellter Form vorgeführt. und der Oberste Gerichtshof hat in seiner Entschei.^- dung vom 25. April 1900 als feststehend erklärt, „daß den Geschworenen das Beoeismaterial. soweit es gerichtsärztlicher Wahrnehmung und Begutachtung unterlag, vielfach in schiefer Beleuchtung vorgeführt wurde. Wie einseitig aber auch die weitere Haltung des öffentlichen Anklägers gewesen war, zeigt, daß er. nachdem die Anklageschrift selbst den Schluß, daß Hilsner dabei mitwirkte, als die Klima verschwand, als allzu gewagt erklärt hatte, zur Rettung der Situation der Anklage am Schluffe seiner Replik die gesetzlich ganz unzulässige Mitteilung machte, daß der Entlastungszeuge Czerwinka nach einem soeben dem Staatsanwalts zugekommenen Telegramm wegen Verdachtes der falschen Zeugenaussage in Haft genommen worden sei. Und bei der Abgrenzung der Frage, ob unmittelbare oder entfernte Mitschuld anzunehmen sei, hat der Staatsanwalt in Pksek am Schlüsse der Replik die Worte gebraucht: „Aber ich sage: du hast mitgewirkt, und. solange nicht Momente zutage gefördert werden, daß ec nur entfernt mitgewirkt hat, bis dahin setze ich ihn als den einzigen voraus, welcher mitgemordet hat und welcher sich für diesen Mord verantworten muß". Und weiters: „Sie mühen nach ihrer Ueberzeugung erwägen, welchen Eindruck die Aussage irgend eines Zeugen auf Sie gemacht hat, und auch dort, wo ein Irrtum fein sollte, wenn Sie nicht überzeugt sind, daß Absicht vorliegt, kann dem Zeugen geglaubt werd en." Nun bin ich schon beim zweiten Anklagefaktum, betreffend Marie Klima. Eineinhalb Jahre seit dem Verschwinden der Klima und 14 Monate nach Auffindung der Leiche fanden sich plötzlich in der Nähe des Fundortes des Skelettes die Kleider, welche angeblich der Marie Klima gehören. Jeder Denkende mußte sehen, daß hier eine Inszenierung vorliegt, daß Täter, die dem einen oder beiden Fällen nahestanden, dies veraw laßt haben, um einen Verdacht auf Leopold Hilsner. gegen welchen damals das Kuttenberger Todesurteil bereits erflossen war, zu lenken. Mehr als ein Jahr war in das Land gegangen, und keinem Menschen war es eingefallen, irgendeine Beziehung zwischen Hilsner und der Klima herzustellen, plötzlich schossen die Aussagen wie die Pilze aus der Erde! Und die famosen Zeugen Cink und Peschak waren nach eineinhalb Jahren voll von plötzlich auftauchendem Wissen über Beziehungen Hilsners zur Klima. Jener Cink. welcher am 29. März 1899 Hilsner schon um 5' * Uhr abends mit zwei anderen Juden gegen den Brzina-Wald im grauen Anzuge gchend gesehen hatte, während zur selben Zeit der Zeuge Strnad ihn im blauen Anzuge an ganz entgegengesetzter Stelle gesehen hatte, jener Peschak. der 2 Prämien der Gemeinden Polna und Vesnitz für die Usberführung des Täters angestrebt und im Rechtsweg erstritten hat. und welcher die Fähigkeit besessen hat, auf 900 Schritte einen harten von einem weichen Hute zu unterscheiden, war natürlich auch für den Fall Klima zu haben! Und obzwar ein von allen wissenschaftlichen Autoritäten ab vollständig gelungenes Alibi dem Hilsner zustatten kam. obzwar nach Ablauf von mehr als eineinhalb Iahren die Möglichkeit einer Tagesverwechslung und einer Personenverwechslung, die sich ja sogar unter den Augen des Vernehmungsrichters auch vollzog, nahelag. wußte der öffentliche Ankläger zur Erklärung des Umstandes, daß Hilsner am 17. Juli eine Strecke von 16 Kilometer in zweieinhalb Stunden hätte zurücklegen müssen, keine bessere Erklärung, als „daß er auf den Flügeln der Liebe" nach Polna geeilt sei! Zumal er am Tage vorher zur Kusi gesagt habe, er eile nach Hause! Ich bin wahrlich durch 40jährige Uebung der Strafprozeßordnung nicht zur Ueberzeugung gekommen, daß