Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 47 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 47 Dr. Bk»chr WochmchchEt mit einem Kinde spielen» immer nur mit Marie und immer soll ich brav sein." Erschüttert hörte ich diesem Ausbruche eines leidenschaftlich kindlichen Gemütes zu, in welchem man jüdisches und kindliches Fühlen ertöten zu wollen schien, und bittend sah ich die schöne Frau an, die mit zusammengepreßten Lippen inmitten blühender Sträucher und Bäume stand. „Ich werde dich also wieder anbinden müssen, du ungebärdiges Kind du! Jetzt kommst du sofort her, dann werden wir weitersprechen." Hilde machte noch immer keine Miene, zu gehen. Da beugte ich mich zu ihr und sagte sanft: „Du wirst Heine Eltern sehr bitten, Kind, dann wird dir wohl die Strafe erlassen werden und du kannst bald wieder mit Elschen und Hansl spielen. Nun geh' aber, sonst machst du auch mich böse." Das half. Sie nickte uns zu und sprang eilig durch das dichte Gestrüpp, um in wenigen Sekunden auf dem Hofe drüben zu landen, wo ihre Mutter sie strafenden Blickes empfing. Wir grüßten uns nur kurz und ich hatte das Gefühl, daß, ich eine kleine, liebe Freundin verloren hatte, die mir sehr teuer geworden war. Am nächsten Tage war das Erste, was mir mein Mädchen als Neuigkeit beim Frühstück erzählte, das Loch im Zaune war ausgebessert worden und Hilde dadurch die Möglichkeit genommen, ihre Besuche fortzusetzen. . Und ich hörte auch wirklich nur manchmal noch die liebe Stimme kleine Liedchen zum Klavier trällern, ich sah meinen Liebling ernsthaft mit Mama im Walde spazieren gehen und traf sie ab und zu auf der Straße, wo sie uns dann immer versteckt Handküsse zuwarf. Nur einmal erbebte mein Herz, als ich wieder auf meinem gewohnten Platze inmitten wundersamster Harmonie und trautesten Glückes saß, als plötzlich ein wildes. verzweifeltes Schluchzen und Weinen von drüben her zu uns drang. Das war sie! Meine kleine Freundin! Ähre Sehnsucht nach uns, der übermächtige Wunsch mit ihren Freunden zusammen zu sein, mit Klein-Elschen zu spielen, hatte gewiß die Mutter mit Arrest an die-j sem herrlichen Sommertage bestraft, und da war noch einmal wildes Weh und heißer Schmerz in der jungen Seele zum Ausbruch gekommen, dfe nicht verstand, warum! man ihr etwas rauben wollte, was ihr lieb war und nötig, wie der Tau der Blüte. Großmutter und ich saßen ganz still, aber unsere Finger zuckten, und die Blicke, die wir dem weißen Hause drüben sandten, waren nicht gerade aus lauter Güte und Freundlichkeit gemischt. In meinem Herzen aber tat ich das Gelöbnis, daß ich mein Kind, auch wenn es allein bleiben sollte, nie unr das Spiel der Kindheit, das Zusammensein mit Gefährtinnen bringen wollte. Und sie sollte es erfahren, daß man von jedem Menschen lernen könne, daß man sich Freunde erwerben und erhalten müsse. Und ihre Religion sollte sie über alles lieben lernen aus Erkenntnis und Ueberzeugung: jede andere Art Gottesverehrung jedoch imlnerdar achten als das Heiligtum der Menscheuseele! Literatur. Volksschriften über die jüdische Religion. Das Unternehmen Dr. Zieglers, Volksschriften über die jüdische Religion herauszugeben, verdient von allen Seiten begrüßt und gefördert zu werden. Es ist hohe Zeit, daß die jüdische Intelligenz sich auf ihr Judentum besinne nicht nur dort, wo es sich um politische und humanitäre Dinge, sondern auch dort, wo es sich um das religiös-geistige Leben der Judenheit handelt. Vielleicht wäre darum ein anderer Titel für das Unternehmen besser gewesen. Volksschriften“ sagen zu viel und zu wenig. Dr. Ziegler will ja mit seiner Herausgabe zur Beschäftigung mit dem Judentum, zum Nachdenken über seine Probleme anregen, das Wort „Volksschriften“ könnte manchen verleiten, in diesen Schriften oberflächliche Tageslektüre zu suchen. Das wäre verfehlt, und diesetwegen wäre das Unternehmen mit seinem großen Stab von hervorragenden Mitarbeitern nicht nötig gewesen. Nun liegen die ersten 3 Hefte der „Volkssehrifien" vor: W iener: „Die Religion der Propheten“, Leszynsky: „Pharisäer und Sadduzäer“, Jacob: „Die Thora Moses". Die drei Hefte zeigen, wie auch diesem Unternehmen die Kinderkrankheiten nicht erspart bleiben. Wieners Arbeit läßt viel, beinahe alles zu wünschen übrig, besonders in der Form. Dies herrliche Thema hätte verdient, von einem jüdischen Cornill behandelt zu werden. Dagegen ist schon das zweite Heft vortrefflich. Jeder intelligente Jude, der sich einmal klar werden will über die viel verlästerten „Pharisäer“ wird gern zu dieser Schrift greifen. Nur wäre es ratsam gewesen, noch nicht klar von der Wissenschaft durchgearbeitete Hypothesen in einer Volksschrift behutsamer zu behandeln. Noch besser ist das dritte Heft. Es ist warm geschrieben, reit und wohl durchdacht und gibt ein anschauliches Bild über die Stellung der modernen Kritik zur Bibel. Nur die „Einwendungen" hätte Dr. Jacob kürzer fassen können, sie wären dadurch wirksamer geworden. Jedenfalls ist das Buch eine hervorragende Leistung, die alle Anerkennung verdient. So wollen wir denn hoffen, daß die folgenden Hefte immer vortrefflicher und dem Unternehmen immer mehr Freunde gewinnen werden. Das Jahresabonnement von 5 Kronen ist so geringfügig, daß man es gewiß kein Opfer nennen kann. Besonders wünschenswert wäre es, wenn diese Schriften unserer studierenden Jugend zur Verfügung gestellt würden. Wir wünschen dem Herausgeber den besten Erfolg und empfehlen den Gemeinden, wie auch allen Einzelnen, die dem geistigen Leben der Judenheit Interesse entgegenbringen, die „Volksschriften über die jü ische Religion , auf die man beim Herausgeber Dr. Ziegler in Karlsbad direkt abonniert, auf wärmste. Dr. H . . . . Dr. Adolf Altmann, Rabbiner in Salzburg: Geschichte der Juden in Stadt und Land Salzburg; von den frühesten Zeiten bis in die Gegenwart. Erster Band: Bis zur Vertreibung der Juden aus Salzburg 1498. Berlin 1913. Verlag Louis Lamm. XIX u. 273 S. lieber die Geschichte der Juden in Stadt und Land Salzburg war bisher beinahe nichts bekannt. G r ä t z, Josef Hakohen (Emek Habbacha), Baumgarten (Juden in Steiermark) und Toeuf el (Juden in Tirol und Vorarlberg) wissen nichts über sie zu sagen. Es war also von A 11 m a n n außerordentlich verdienstvoll, dieser in Dunkel gehüllten Partie der Geschichte der Juden Oesterreichs nachzuspüren und die mageren existierenden Angaben bei Aronius; Wiener, S t o b b e, A r e t i n, Hund und Hübner, ferner in Scherers „Rechtsverhältnisse der Juden in den deutsch-österreichischen Ländern“ und J. Wolfs „Zur Salzburger Chronik" durch eine sorgsame Durchforschung der Archive in Salzburg, München und Wien und Ausschöpfung selbst entlegenster, im Verborgenen fließender Quellen ein wohlgeordnetes Ganze, eine wirklich vollkommene Geschichte der Juden im Salzburgischen zu schaffen. Das ist Altmann auch wirklich gelungen. Er hat ein hochinteressantes Buch geschrieben, das man mit Freude und gespanntem Interesse liest. Er hat es offenbar mit besonderer Liebe und tiefer Versenkung in seinen Gegenstand geschrieben. Es ist nicht leicht für den jüdischen Historiker, vollkommene Objektivität zu bewahren; der impulsive Grätz hat Haß und Liebe in seine Beurteilung der Materien und Personen hineingetragen und deshalb oft genug fehlgegriffen. Man muß Altmann nachrühmen, daß er trotz aller Wärme in keinem Augenblicke den richtigen Maßstab verliert und für Vorzüge und Fehler der Verhältnisse und der Menschen, die er schildert;, das richtige, unbestochene Auge hat. — Im engen Rahmen des Salzburgischen entwickelt sich da ein buntbewegtes Bild, in dem keine für das Judenschicksal charakteristische Farbe fehlt. So klein der Kreis ist, in dem diese salzburgische Judengeschichte sich bewert, so interessant ist sie. 'A11 m a n n s Darstellungsweise ist aber auch so schön und spannend, daß man ihm mit ungeschwächtem Interesse von Anfang bis Ende folgt. Die etwas weitschweifigen Danksagungen am Anfänge und Ende des Buches hätten wir dem Verfasser gerne geschenkt. Die zahlreichen Berichtigungen und Nachträge hätten bei sorgfältigerer Durchsicht der Korrekturen leicht vermieden werden können. Es sind leider noch einige Verstöße stehen geblieben, die einzeln anzuführen ich unterlasse. Das Ganze macht trotzdem einen äußerst angenehmen Eindruck. Der erste Zeitraum von der Salzburger Römerzeit bis Erzbischof Eberhard II. (14—1200) zerfällt in 4 Kapitel, die ans das mutmaßliche Vorhandensein von Juden in Juvavum, ihr