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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-01-17 · 3 (17.1.1913) · p. Seite 46

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 46 (sequence 14)
Language
German
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D r. Mochs Wochenschrift. Nr. 3 Seite 46 So machte ich Hildes Bekanntschaft. Sie kam von nun an jeden Tag, für Minuten, für Stunden, wie es ihr Späh machte. Nie vergah sie die Leckerbissen für Hansl; sie sang Klein-Elsa ihre schönsten Kinderliedchen vor, sie hörte den bunten Märchen zu, die ich in den meteit Stunden des Alleinseins.für sie ausdachte. Das ganze Haus gewann Hilde lieb. Wenn sie einen Tag nicht kommen konnte, entbehrten wir sie und freuten uns schon auf den Augenblick, wo ihr melodisches Lachen und ihr leichter Schritt erklingen sollten. Besonders mir wurde sie unentbehrlich. Ich fragte sie nicht mehr, ob sie die Erlaubnis habe, bei uns zu sein, ich forschte nicht nach ihren Eltern, obgleich ich manchmal ihre Stimmen hörte und ihre Gestalten durch das Laubwerk durchschimmern sahich freute mich an der eigenen Schönheit und Lieblichkeit dieses Kindes und machte mir ihre Seele immer mehr zu eigen. Geschichten konnte sie nicht genug hören. Immer wieder bat sie darum, und schliehlich, als ich keine Märchen mehr wuhte, begann ich ihr Szenen aus der Bibel im Märchensewande vorzutragen. Es interessierte mich selbst, die plastischen Bilder dem Kinde vor Augen zu rücken, ihr junges Gemüt anzuregen durch die Kenntnis der lebensvollen und wundersamen Erzählungen. Fast atemlos lauschte sie meinen Worten. Aber dann, am Ende, begann sie mit seltener Lebhaftigkeit zu diskutieren, zu fragen, ja oft selbst zu erzählen. Und allmählich lernte ich ihr Leben kennen, ich wuhte, dah. sie keine Geschwister hatte und viel allein sei. dah sie im Winter ein Fräulein habe, mit dem sie lernen und spielen sollte. „Aber weiht du, das ist nicht immer hübsch", sagte sie einmal, als wir das Thema wieder berührten. „Viel lieber möchte ich einen. Buben oder ein Mädel haben, mit dem ich tollen und spielen könnte. Aber Mama sagt, in der grohen ^Stadt gM das nicht. Ueberhaupt die grohe Stadt!" sie schürzte unmutig die Lippen, „die kann ich schon gar nicht mehr leiden. Und die vielen Feste, — da muh ich immer guten Tag sagen, Knickse machen, allen Leuten die Hand geben und brav sein. Das ist sehr langweilig. Meinst du nicht auch, Frau Doktor?" Ich lächelte und nickte. „Wenn die Mama es aber so wünscht, liebes Kind, dann muht du es tun. Die Mama hat dich doch sehr lieb!" „Ja," sagte sie, „Mama ist sehr gut zu mir, Papa auch, und Weihnachten, weiht du. bekomme ich sehr schöne Geschenke, noch schönere als an meinem Geburtstage. Und dann haben wir auch einen grohen, grohen Weihnachtsbaum. Habt ihr den auch und wird Elsa auch diesmal Geschenke bekommen?" Ich lächelte nicht mehr. Wie ein Messer waren mir die letzten Worte des Kindes in's Herz gegangen. Leise glättete ich das braune, leicht gelockte Haar und zog die Kleine näher an mich. „Nein, Liebling, das haben wir nicht. Aber wir haben etwas anderes. Hast du schon etwas von Chanuka gehört?"! „Nein, nein! Was ist das? Das kenne ich nicht. Geh', erzähle mir davon." Und nun begann ich zu erzählen von Antiochus Epiphanes, dem grausamen Heidenkönige, von Hanna und ihren Kindern, dem greisen Eleasar, die ihr Blut für ihre Ueberzeugung dahingegeben, von Mathatias und seinen tapferen Söhnen, die alle für Gott und seine Lehre gekämpft, gerungen und schliehlich gesiegt hatten. Änd die Gestalt des Juda Makkabi wurde lebendig, des Heldensohnes, der durch Nacht und Grauem geschritten war, sein Schwert in der Hand, seinen Gott im Herzen, mit seiner jungen Kraft alles vernichtend, was sich ihm in den Weg stellte, bis er endlich mit seinen Brüdern im Heiligtum zu Jerusalem das Licht entzünden konnte, das Licht der Treue, des Glaubens, der Freiheit. Und auch des Oelkrügleins vergah ich nicht, des seltsamen Wunders, dah der Leuchter acht Tage brennen konnte, ohne dah man ihn einmal nachgefüllt hätte. Ein Krüglein Oel reichte aus, ein tapferer, Machtvoller, kluger und' frommer Mensch kann durch das Licht seiner Weisheit und Güte Viele gewinnen. Das sagte ich dem' jungen Kinde, und ich fühlte es. meine Worte drangen in die junge Seele ein und gewannen immer mÄhr und mehr an Boden. „Dieses Chanuka-Lichllein, liebes Kind," fuhr ich dann fort, das zur Erinnerung an das Wunder sich acht Tage lang - immer um eine Flamme vermehrt, leuchtete, uns Juden in Not und Leid, in guten und in bösen Tagen durch die Jahrtausende bis heute. Und siehst du, auch schon eines Kindes Herz soll sich freuen und frohlocken beim Anblicke des siebenarmigen Leuchters mit den hellen, kleinen Flammen, das Kinderauge soll aufleuchten bei dem bescheidenen Schimmer der Kerzen, der zarte Kindesmund soll einstimmen in den Chor der Erwachsenen, welche das schlichte Liedchen singen: „Noaus zur jeschuosi.“ „Wie schön du das sagst, liebe, liebe Frau Doktor," rief da Hilde und klatschte in die Hände. „Das möchte ich auch sehen und hören, das muh viel, viel schöner sein als der Weihnachtsbaum." „Ob es schöner ist?" Ich dachte einen Augenblick nach. „Das weih ich nicht. Aber unser ist es, unser Bestes, unser Eigentum. Du muht deinen Papa bitten, dah er es dir zeigt, er wird es noch von seiner Jugend her kennen. Dann wirst du selbst fühlen, Hilde, was schöner ist." „Weiht du, ich will's der GrohMama sagen, die kommt nie zu Weihnachten zu uns, die sagt: für eine alte Judenfrau patzt das nicht." „Ja, sag's ihr nur, Kind. Dann wird sie dir noch viel mehr erzählen, vom Trenderchen, vom Nüsse knacken und Rätselraten am Chänuka. Das wird dir erst ge-> fallen, kleine Maus." „Ei, das glaube ich." Hilde schüttelte das wirre Haar aus der Stirn, sprang dann auf und wollte sich gerade verabschieden, als ihr Blick an einer hohen, schönen Frauengestalt haften blieb, die in diesem Augenblicke an den Zaun getreten war. ' < „Mama, Mama! Komm herüber! Hier ist's wunderschön. Und Frau Doktor kann so viel erzählen. Da sieh, wie Klein-Elsa lacht. Komm' her, Mama." Ich nickte der holden Frau zu und sie grüßte steif wieder. ' „Verzeihung, dah meine Kleine belästigt." höre ich dann ihre etwas scharf klingende Stimme sagen, „ich habe es ihr schon oft verboten, aber sobald ich den Rücken kehre, läuft sie^ hinüber. Ich glaube fast, sie hat Sie lieber als mich." Ich zitterte am ganzen Körper. Was wollte die Frau von mir? Aber ich beherrschte mich und sagte sehr höflich: ..Es tut mir sehr leid, dah Hilde gegen ihrer Mutter Willen zu uns kommt, wo sie sich allerdings immer sehr wohl fühlt. Ich hoffe, liebes Kind, du merkst dir aus den Erzählungen, die dir so gefallen, das Beste, dah Kinder den Eltern unbedingt folgen müssen und kommst nur dann zu mir, wenn du darfst." Hilde sah von ihrer Mutter zu mir, dann brach sie plötzlich in Tranen aus und rief: „Aber ich will zu dir kommen. Immer allein sein mag ich nicht, wenn Mama fortgehl.. Und ich will von Chanuka hören und Purim und von all den herrlichen Dingen, die so lustig sind und so schön! Nie darf ich

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