Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Bkochs Wochenschrift. Nr. 3 Seite 40 Singer, Dr. Klinger u. v. a.: autzerdem war auch das Präsidium der „Chevra-Kadischa" vertreten. Geboren im Jahre 1853 in Neuhaus in Böhmen, begann Dr. Schneider nach Absolvierung des Gymnasiums die ärztliche Karriere im Rudolfsspital in Wien, wurde hierauf k. u. k. Militärarzt, verbrachte die ersten Dienstjahre in der Herzegowina, dann besuchte er als erster den mil.-ärzil. Kurs in Wien und diente hierauf im t u. I. Infanterie-Regiment Nr. 36 zur Zeit, als Seine k. u. k. Hoheit Kronprinz Rudolf das Regiment befehligte. Mit einem Bataillon des Regiments kam er nach Livno, hierauf nach Alok, Nevesinje und Obrnja. Einen groben Teil der Dienstzeit verbrachte Dr. Schneider späterhin in ungarischen Garnisonen, bis er sich auf der Klinik des Prof. Dr. Billroth zum Chirurgen ausbildete. Im Jahre 1903 kam der Verstorbene in das k. u. k. Garnisonsspital Nr. 25 in Sarajevo, wurde im Jahre 1908 zum Kommandanten ernannt, und nach Abgang des Generalstabsarztes Dr. Kopriva wurde er dessen Nachfolger als k. u. k. Sanitätschef des 15. Korps. Im November des vorigen Jahres erfolgte in dieser Stellung seine Ernennung zum Generalstabsarzte. Wenige Tage vorher mutzte er sich krank melden. Es ist ein eigenes Schicksal, datz Dr. Schneider in seinem Spitale starb, das' ihm und seinem Nachfolger, Oberstabsarzt Dr. Arnstein, ein Emporblühen zu verdanken hat, das diesem' Spitale jenen verdienten Ruf erwarb, der es in der ganzen Monarchie als erstklassig aufweist. Hier, fürsorglich gepflegt von seinen Kameraden und seiner Gattin wie Fräulein Töchtern, verbrachte er die letzten Monate seines Lebens. Von dem Verstorbenen erzählt man sich auch folgenden Charakterzug: Es wurde ihm gelegentlich von Vorgesetzter hoher Behörde nahegelegt, die Taufe zu nehmen. worauf die prompte Antwort gelautet haben soll: „Erzellenz, als Jude bin ich geboren, als Jude habe ich gelebt und als solcher will ich auch sterben. Im übrigen würde die Taufe meine Krummbeinige Nase nicht wegwischen." ' Der Vorbeter und die Krankenkasse. Aus Oedenburg wird uns geschrieben: In einer interessanten Sache hatte der Handelsminister eine Entscheidung zu treffen. Neun israelitische Gemeinden des^ Komitats Vas (Eisenburg) führten Klage beim Vizegespan Geza Herbst, weil die Arbeiterversicherungskasse sie dazu verpflichtete, ihren Vorbeter und Schächter gegen Unfall zu versichern. Die Kultusgemeinden verfochten den Standpunkt, datz das Vorbeten keine Arbeit, sondern ein Genutz sei, da es das Gemüt erhebe. Das Schüchtien aber sei ein ritualer Akt und daher keine Beschäftigung. Der Handelsminister machte sich jedoch diese Ansicht nicht zu eigen und erklärte: Das Vorbeten und Schächten sei kein Genutz, sondern eine Be-, schäftigung. weshalb die Schächter gegen Unfall ver-. sichert werden müssen. _ ___ Karlsbads Und siehe da, es kamen .... Eine heitere Episode hat sich in Karlsbad zugetragen, ein kleines antisemitisch-politisches Ereignis, wie deren Karlsbad so manche aufzuweisen hat. Also es fand in Karlsbad ein grotzer Ball statt. Bescheiden nannte er sich: Kränz-, chen der deutschvölkischen Hochschüler Karlsbads: aber es war ein Ball, ein glänzender, nach seiner Art schön» verlaufener Ball. Warum sollen gerade die deutschvölkischen Hochschüler Karlsbads keinen antisemitischen Ball veranstalten, wenn beinahe alle Vereine ihre derartigen Unterhaltungen haben. Die deutschvölkischen Hochschüler Karlsbads können wenigstens freimütig bekennen, datz sie Antisemiten sind, während dies die anderen Vereine heimlich tun, und wer daran zweifelt, der versuche es, sich als Mitglied des Turnvereines vom Jahre 1860, des Gesangvereines oder der Liedertafel anzumelden; er versuche es, Mitglied des Wandererklubs, der Schützen oder Veteranen zu werden: er versuche es, einen jener 22 Geschäftsläden der Stadt Karlsbad verpachtet zu erhalten, die da drautzen, hinter dem Cafe Sanssouci gebaut wurden: dann wird er bald zu der Ueberzeugung kommen, datz es, Gott sei Dank, noch möglich ist, in Karlsbad Antisemit zu sein. Also Karlsbad kann sich auch ein deutschvölkisches Stu-> dentenballfest erlauben, zu dem die vornehmen Judenmädchen der Stadt, die Kammi, Trude, Irma, die beiden Greteln, Lola, Ada, die Marta, die Mizzi, und wie sie alle heitzen, keinen Zutritt haben. Nun, der Ball fand statt; aber beinahe hätte er ein Fiasko erlebt. Man denke sich: Zu einem antisemitischen Ball fehlten in Karlsbad die Stadträte und hie Stadtver-. ordneten! Das ist noch nicht dagewesen! Man kann mit Sicherheit etwas Derartiges bei einer jüdischen Unter-, Haltung erwarten: es ist nicht nur begreiflich, sonderri in Karlsbad natürlich, datz sie bei den Unterhaltungen der „Jüdischen Eintracht", oder der „Zionisten" fehlen, aber in Karlsbad bei einer antisemitischen Unterhaltung sollten weder die Stadträte noch die Stadtverordneten fehlen? Das war, seitdem der Antisemitismus in Karlsbad besteht, noch nicht da gewesen. Beinahe war es aber doch der Fall. Schon, machte sich im Orpheum,' wo der Ball stattfand, eine gewisse . Unruhe bemerkbar. Der Bürgermeister fehlte: allein, man entschuldigte sein Fernbleiben durch die Trauer nach seiner verstorbenen Tochter; man suchte die anderen — vergeblich: sie waren wirklich nicht da, und, was noch unbegreiflicher schien, sie kamen nicht. Immer peinlicher wurde die Situation, immer mehr tuschelte man: wiederholt begannen die Gesichter des Komitees zu glänzen, als Wägen vor dem Portale anhielten und stramme Männer mit reingermanischen Gesichtern und Bärten, ausstiegen; allein, immer wieder zeigte es sich, datz. es lediglich jüdische Geschäftsreisende waren, die sich in eine falsche Tür verirrt hatten und in das Hotel oder Kaffeehaus wollten. Enttäuschung spiegelte sich bereits aus den Gesichtern ab: da — auf einmal stellten sich die Studenten in stramme Positur: mit tiefer Verneigung wurden die Neuangekommenen Gäste empfangen, es waren die Stadträte und Stadtverordneten, die so. sehnsüchtig erwartet wurden. Weit wurden die Türen geöffnet, gls sie eintraten, und stolzen Hauptes schritten sie durch das Tor. Und siehe da, es kamen: Herr Städtrat Karl Wacker, der stramme Anhänger der. deutschfortschrittlichen Partei und von den Deutschfortschrittlichen gewählter Stadtrat von Karlsbad; es kam der stramme deutschfort schritt! ich e Stadt rat E r n st R e i n l: es kam der der „Wildenpartei" angehörige Dr. Körbl, und endlich kam der stramme A u * Hänger der deutschfortschrittlichen Partei, Klempnermeister Adolf Heimdörfer. O. im Kampfe ergrauter, alter Dr. Körbl: was hast du da ungerichtet? Wärst du nicht zum Ball gegangen, dann wären nur deutschfortschrittliche Stadträte und Stadtverordnete anwesend gewesen, denn die deutschradikalen Stadträte und Stadtverordneten fehlten, so bist du als Wilder erschienen, und wir müssen uns mit dem Tröste begnügen, datz du ja schlietzlich, wenn auch kein Deulschfortschrittlicher, so doch wenigstens kein Antisemit bis jetzt ge-, wesen bist. Aber interessant war dieser Ball doch, denn er war nicht nur judenrein, sondern, soweit es das Karlsbader Stadtverordnetenkollegium und die Stadträte betrifft, sogar arisch rein: dagegen zierten drei wackeve Deutschfortschrittliche das Fest der Gegner, um ihnen Ehren zu erweisen, und durch, ihre Anwesenheit zu glänzen. Und ihr, Juden KarMbads: für euch sei dies ein neues Zeichen, datz ihr endlich erwachen sollt au»