Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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öetlc 34 Dr. BLochs Wochenschrift. Nr. 3 männer haben die Reaktion und ihre Macht für größer gehalten als sie ist. Die Affäre Dreysus, sofern sie ein Ausgangspunkt für antisemitische und rückschrittliche Agitation sein könnte, hat niemanden mehr in Bewegung gesetzt, keine Aufregung hervorgerufen. Der alte Freiiheitswächter Clemenceau ist zwar aufgefahren, aber er wird sich angesichts der erfreulichen Tatsachen wohl wieder beruhigen. Denn nicht Herr Poincare, der V!i>- nisterpräsident, ist zum Opfer gefallen, sondern Herr Millerand, der Kriegsminister. Er ist ohne Mühe und Aussehen, mit einem Fingerdruck in der Versenkung verschwunden, aus welcher er wohl kaum mehr in der fortischrittlichen Republik auftauchen wird. Der Putsch ist mißglückt, der Ehrenmann du Paty de Clam konnte für kurze Zeit reaktiviert werden, aber in dem von Zola überzeugten Paris für keinen Augenblick die Dreyfusfrage. Vom Aabrmarkr des Lebens. Ein Hilferuf Leopold Hilsners aus der Strafanstalt Stein. Wiederum einmal, wie schon so oft, dringt aus der Tiefe des finsteren Kerkers die Stimme Leopold H i l snetb an die Oeffentlichkeit. Es ist ein herzzerreis ender Jammerruf eines Unglücklichen, der unschuldig im Kerker schmachtet und Verzweiflungsvoll um H'lfe und Rettung schreit. Gibt es kein Mitleid mehr, keine Zeih nähme edler Menschen mit einem unverschuldeten Unglück? Der Hilferuf Leopold Hilsners sollte das öffentliche Gewissen aufrütteln und auch das Rechtsempfinden derer wecken, die an der Spitze des Staates und der Justizverwaltung stehen und vor Gott und der Welt für alles gegen Hilsner verübte Iustizunrecht die Verantwortlichkeit tragen. Leopold Hilsner wendet sich aus der k. k. Strafanstalt Stein an seinen Bruder in Gr.-Meseritsch mit nach!- stehendem Briefe: 8 t ein a. d. Donau, am. 6. Jänner 1913. Lieber Bruder Moritz! Ich grüße Dich vielmals und teile Dir mit, daß ich bei allen meinen Leiden und allem Kummer gesund bin. Ich habe mit Herrn Rabbiner von meiner Angelegenheit gesprochen und ihn gefragt, ob ich je die Sonne wieder sehen werde? Er wollte mich trösten, aber was kann er sagen? Und so möchte ich Dich bitten, an Herrn Dr. Bloch nach Wien ‘zu schreiben, er soll sich meiner annehmen und für mich das Erbarmen anrufen. Erbarmen über einen Unglücklichen, Unschuldigen, den man ohne Grund in den Kerker geworfen. Sind denn alle guten Menschen in der Welt ausgestorben, daß sich keiner für ein armes Wesen annimmt? Ist denn der allmächtige Gott nicht mehr, daß er so ein Unrecht duldet? Lieber Bruder Moritz! Schreibe an Herrn Dr. Bloch, er soll die Güte haben, mit Herrn Dr. Schneeberger wegen der Wiederaufnahme des Verfahrens zu sprechen, um eine neue Verhandlung zu erwirken. Es ist doch schon die höchste Zeit, einen unschuldigen Menschen in Freiheit zu bringen und das Licht des Tages sehen zu lassen. Groß ist mein Jammer und meine Kränkung, daß ich nun unschuldig bereits 14 Jahre im schweren Kerker schmachte; ich bete jeden Tag zum lieben Gott, er soll meine Bitte erhören, meine Unschuld ans Tageslicht bringen. Ich bitte alle edle Menschen mit aufgehobenen Händen, sich meiner anzunehmen und Schritte zu tun, um mich Unschuldigen zu retten. Ich bitte Herrn Dr. Bloch, er soll mein Schreiben in der „Wochenschrift“ abdrucken, damit jeder müner traurigen Lage sich erinnere undjnit einem Unglücklichen Mi;leid ha!. Lieber Bruder! Im Monate August habe ich von Herrn Dr. Bloch einen Brief erhalten, wo er mir eine Vollmacht für Herrn Dr. Wilhelm Schneeberger beigelegt hat, ich habe die Vollmacht mit meinem Namen bestätigt. Sei so gut, wende Dich an Herrn Dr. Bloch und lege mein heutiges Schreiben bei. Lieber Bruder! Sei so gut und schreibe sofort an Herrn Dr. Bloch, man soll die Sache rascher in Angriff nehmen und auch mir nach Stein eine Antwort schreiben. All® guten Menschen möchten Erbarmen empfinden mit einem Unglücklichen, der schonbereits 14 Jahre unschuldig im Kerker schmachten muß. Dein treuer unglücklicher Bruder Leopold Hilsner in der k. k. Strafanstalt Stein a. d. D. So weit der Brief Leopold Hilsners, den sein Bruder aus Gr.-Meseritsch der Redaktion der „Oesterr. Wochenschrift" zugemittelt hat. Das Schreiben braucht wohl keinen weiteren Kommentar. Gegenüber den blödsinnigen Ausstreuungen, daß Leop. Hilsner aus dem Judentum ausgetreten sei und die Taufe empfangen habe, müssen wir unser wiederholtes Dementi neuerdings mit aller Entschiedenheit aufrecht erhalten. In dem Schreiben des Herrn Bezirks-, rabbiners Dr. Mehrer in Krems heißt es wörtlich: „Hilsner beteiligt sich regelmäßig an den Sabbatgottesdiensten im Slrafbethause und wird in der Liste der jüdischen Sträflinge daselbst geführt. Im Strafhause wundert man sich über die unwahren Mitteilungen von seiner Taufe." Affmttkationseifrr in Palästina. Wir haben in Nr. 51 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 20. Dezember v. I. die befremdliche und peinliche Tatsache gemeldet, daß die Beamten und Repräsentanten der jüdischen Kolonialbank in Jaffa ihre Kinder von jüd. Schulen fernhalten und sie mit Vorliebe nichtjüdische Unterrichtsanstalten besuchen lassen. Einer dieser Bankfunktionäre läßt seinen einzigen Sohn christlich erziehen —- bei den Jesuiten. Nun bringt die „Welt" in der letzten Nummer eine Zuschrift aus Jerusalem, welche gleich traurige Verhältnisse in der Hauptstadt Palästina durch Ziffern recht grell beleuchtet. In diesem Bericht heißt es: „Zu unserer tiefen Beschämung müssen wir aber feststeilen, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil des Jerusalemer jüdischen Nachwuchses, nämlich über 400 Kinder, christlichkonfessionelle, ja reine Missionsschulen besucht. Sieht man sich die Namen der Eltern an, denen es im Hause Juda zu enge geworden und die daher ihre Söhne und Töchter in judenfeindliche Schulen schicken, so erstaunt man über die große Zahl der Orthodoxen, die sich darunter befinden. Das Erstaunen wächst, wenn man sich erinnert, daß diese Leute meist der jüdischen Gemeinschaft ihre materielle Existenz zu verdanken haben. Man muß allerdings leider konstatieren, daß sich auch Beamte nationaler Anstalten, ja selbst Leiter jüdischer Schulen unter diesen Eltern befinden. Diese Art der Selbstentwürdigung sollte unter keinen Umständen geduldet werden.“ „Folgende nichtjüdische Schulen werden am meisten von Juden besucht; „1. Die englische Missionsschule. Zählt ca. 60 ausschließlich jüdische Schüler. Unterrichtsgegenstände : Etwas Englisch, Hebräisch und christliche Gebete. Außerdem werden den Schülerinnen mitunter Schuhe und Anzüge geschenkt.“ „2. Die St. Joseph- Sc Iiule der Jesuiten. Zählt 100 Schülerinnen, meist Jüdinnen aus sogen, besseren Familien. Das Schulgeld beträgt 5 Frs. monatlich. Unterrichtet wird täglich eine Stunde Morallehre, eine Stunde Französisch und eine Stunde verbleibt für Rechnen, Geschichte, Geographie, Arabisch usw. Außerdem wird recht fleißig gebetet, wobei die jüdischen Mädchen anwesend sein müssen. Um in dieser Schule überhaupt etwas zu erlernen, müssen die Mädchen sie 12—15 Jahre besuchen.“ „3. Die italienische Mädchenschule. Die Hälfte der Schülerinnen besteht aus jüdischen Mädchen. Unterrichtsgegenstände: Italienisch und etwas Französisch. Nachmittags wird auch Nähunterricht erteilt.“ „4. Das deutsch'revangelische Lyze um. Schulgeld 100—180 Frs. jährlich. Schülerzahl 75, darunter 26 Juden. Die Schule wird von orthodoxen Juden trotz gemeinsamer- Erziehung beider Geschlechter (die den jüdischen Gymnasien so verübelt wird) sehr bevorzugt. Eine jüdische Schülerin dieser Anstalt wurde über Luther befragt und wußte genau Bescheid. Hingegen war ihr der Name Moses völlig unbekannt.“