Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 33 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 3 Jahrgang XXX Dr. Bloch’s 1 Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums oc=.- --oo r Ä. ft. Poflsxarftaffrrramr S Glearing \t>erhebt fit. 810.976. Redaktion und Administration. ® ttn H/i, Aspernbriickcugasie 3 Xeiefo» 14ft; ü o P —-o n -n_□- Wien, 17. Jänner 1913 : Brscbeint jeden Frettag. : Brief-Adresse: Wie«, ll/l, Asperubrückeng. 2 Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift, Wie«. 00. ■■■ —==DC 'P Vrxugsprri» für Oesterreich: Q Halbjährig 8 Kronen; i Einzelexemplare 50 Heller. > Für'» Aunl.'.»k>:! Halbjährig 10 Kronen. j| Ganzjährig 20 Kronen. j j Anzeigen: Dir 2 nal ge'pal-! j H rrne Heaer. C^J -o - —-o Inhalt: Leitartikel: Ein mißglückter Putsch. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein Hilferuf Leopold Hilsners aus der Strafanstalt Stein. Assimilationsweiser in Palästina. Eine halbe Million Kronen für Jeruialemer Lehranstalten. Uebertritt eines Konsuls zum Judentum in Jerusalem. Ein Jude Präsident des südafrikanischen Städteverbanoes. Tie spanische Regierung und die marokkanischen Juden. Spamolische Juden feiern den Geburtstag der Königin von Spanien. Ter Ursprung der französischen Juden. — Die Beteiligung der Juden am Serischen Welthandel im Altertum. — Korrespondenzen: Hilfsaktion für die Juden der Balkanländer. Kaiserliche Belobung eines jüdischen Majors. Antisemitischer Aufstand in einem ungarisch-rumänischen Dorfe. Meran. Die Bestattung des Korps-Sanitätschefs, k. u. k. Generalstabsarzt Dr. Maximilian Schneider in Sarajewo. Der Vorbeter und die Krankenkasse. Karlsbad. Frankfurt a. M. Oberrabbiner Dr. Margulies über seine Studienreise in Tripolis. Die rumänischen Antksemiten predigen Judenhetzen. Die Epistel ds griechischen Dichters Maznkas an die Juden. Die arme jüdische Jugend den Missionären preisgegeben. Arrest und Geldstrafen für Verteidigung jüdischer Rechte. Jüdische Abgeordnete in den Dumakommissionen. Die russischen Bauern wehren sich gegen die Judenaustreibungen. Der Prozeß des Missionärs. (Sine Million Dollar für wissenschaftliche und wohltätige Zwecke. Juden auf den Philippinen. — Vermischtes. — Feuilleton: Zwei Erinnerungen. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Gi« mißglückter Putsch. Der französische Kriegsminister Millerand ist einer der klügsten Köpfe unter den modernen Politikern. Das hat er durch die Schnelligkeit und Energie bewiesen, mit welcher er wiederholt seine Ansichten mit dem Evsolg in Verbindung brachte. Ursprünglich Sozialist, kümmerte er sich wenig um die Angriffe seiner früheren Partei, als er ein Portefeuille von Waldeck-Rousseau in jenem Ministerium annahm, unter welchem der zweite Dreysusprozeß in Rennes zum Abschluß gebracht wurde. Seit dieser Zeit hat Millerand sich als ein Führer jener Parteien gebärdet, welche in Frankreich den Staat und die Republik erhalten wollen. So zuverlässig erschien er seinen Anhängern unter den Deputierten, daß fiel ihn schließlich zum Kriegsminister im Ministerium Poincaro aussteigen ließen. Man beachte den riesigen Vertrauensbeweis: Im „Kabinett der Celebritäten" erhält ein ehemaliger Sozialist das Portefeuille, in welchem die wichtigsten Ausgaben verwahrt sind. Denn dem Kriegsminister vertraut doch das ruhmvolle Frankreich nicht nur seine nationale Stärke und Ehre an, sondern, auch seine innere Sicherheit, da ja ein großer Teil des Offizierskorps monarchistisch, nationalistisch, der Republik feindlich ist. Offenbar war nun dem ehemaligen Sozialistenführer der Aufstieg bis zum Bürgertum zu niedrig. Ihn reizte wahrscheinlich die Gnade des ade ligen Faubourg sain Germaine und diesem zuliebe führte er eine Ueberraschungskomödie ersten Ranges auf. welche er vergebens als ein harmloses Spiel des Zufalls darzulstellen suchte. Monsieur Millerand hat seine ganze äußere Vergangenheit verleugnet, als er den Oberstleutnant du Paty de Clam wieder reaktivierte und in die Landwehr einreihte. Paty de Clam hat eine traurige Berühmtheit vom Dreyfusprozesse her. Er war es. welcher Dreyfus verhaftete und die Erhebung der Anklage gegen den unglücklichen Kapitän beim Kriegsministerium durchsetzte, der den Richtern die gefälschten Dokumente mit einem erlogenen Kommentar vorlegte, der - gefälschte Briese des damaligen deutschen Militärattachees in den Blättern veröffentlichte, er war wahrscheinlich die verschleierte Dame, welche dem berücht'gten Fälscher Valsin- Esterhazy den „Weylerbrief" überbrachte. Dieser Herostrat Frankreichs hat später die meisten seiner Verbrechen geleugnet und sie dem Obersten Henry zugeschrieben. Aber in dem Anklagebrief Emile Zolas, dieser ewig brennenden Fackel der Wahrheit, heißt es über den jetzt reaktivierten Oberstleutnant: „Ich klage den Oberstleutnant Paty de Clam an. das teuflische Werkzeug des Justizirrtums gewesen zu sein unbewußt will ich glauben und später sein unheilvolles Werk während dreier Iahre durch die albernsten und verworfensten Machinationen verteidigt zu haben." Alberne und verworfene Machinationen, teuflisches Werkzeug, schimpfliche Ausstoßung aus der Armee, bevor noch man an die Revision des Dreyfusprozesses dachte - alles lastete auf dem verworfenen Subjekt, das nun wieder neben einer französischen Fahne den Säbel ziehen darf. Es ist selbstverständlich, daß dieser Mensch keinen größeren Ehrgeiz hatte, als wieder den Rock der Ehr? anziehen zu dürfen. Der frühere Kriegsminister Mestimy gab ihm daraus die gebührende Antwort, daß er ihn im Falle eines Krieges zur Truppe berufen, ihm also Gelegenheit geben werde, die Schmach mit Blut abzuwaschen. Es kam jedoch nicht zum Kriege, nicht zur Einberufung. Im liefen Frieden aber gefiel es Herrn Millerand, dem Verbrecher die gleiche Genugtuung zu geben, wie dem unschuldigen Opfer und du Paty de Clam ebenso wie Dreyfus wieder zu reaktivieren. Das sollte ein Pflaster auf die Wunde der Royalisten und der Monarchisten werden, zugleich aber auch die Gelegenheit zu einer neuen politischen Unternehmung, zu einem Fischzug im Trüben. Denn am 16. d. findet in Versailles die französische Präsidentenwahl statt, zu. welcher mehrere überzeugte fortschrittliche Republikaner und mehrere fragwürdige Politiker kandidieren. Da wäre es für die Reaktionäre ein Leichtes gewesen, ihre Absichten durchzusetzen, wenn die leichtentzündliche öffentliche Meinung Frankreichs durch eine Dreyfusfrage neuerdings in Brand gesetzt worden wäre. Aber Herr Mille!- rand hat sich offenbar getäuscht. Er und seine Hinter.-