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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-01-10 · 2 (10.1.1913) · p. Seite 29

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
2 (10.1.1913)
Date
1913-01-10
Page
Seite 29 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 2 Sette 29, Dr. Wachs Wochenschrift. Wenn die Göttin Justitia mit verbundenen Augen das Schwert führt, so darf sich eine Heeresverwaltung nicht Gleiches erlauben. Centauren der alten Sage und der wirklichen Gegenwart: Jene wurden mit menschlichen Köpfen und dem Unterleib von Pferden dargestellt. Jetzt hat man mit Centauren zu kämpfen, die einen Pferdekopf haben und den Unterleib vom Menschen. Es gibt auch einen Tropenkoller leidenschaftlich erhitzter Hirne. Eigensinn und Leichtsinn find Zwillingsbrüder. Eigensinnige Leute begehen die leichtsinnigsten Streiche. „Ein Wink mit dem Zaunpfahl." Gegenwärtig sind die Bajonette und Kanonen die Zaunpfähle, mit denen inan winkt. Frechheit und Feigheit. Großmäuligkeit und Kleinmut lösen gewöhnlich einander ab. Ein schlechter Rat, zur rechten Zeit befolgt, kann vorteilhafter sein, als ein guter Rat, zu spät befolgt. „Zähne, Haare, Nägel und - Männer Taugen zu nichts, von der Stelle gerissen: Wenn der Verständige dies bedenkt. Wird er seine Stelle zu halten wissen."*) Wer Wind sät, erntet Sturm. Wer Güte und Liebe aussät, wie oft erntet er Undank und Hatz! „Verbinde kleine Mittel keck. Und du erreichst auch deinen Zweck! Mit Gräsern, zu einem Strick gewunden. Werden sogar Elefanten gebunden." „Der Niedere patzt nicht an bett Platz. Wo Große hervor sonst ragen: Denn niemand will ja einen Schuh Auf dem Haupt als Krone tragen."*) Die Erde nennt der Inder die „Geduldige". Welche Geduld mutz die Erde haben, um all den Schrecken und Graus des Balkankrieges und die unsägliche Angst vor einem Weltbrande ertragen zu können! Die Macht der Gewohnheit ist die Ohnmacht des Willens. Für das Geld findet sich überall ein Aeroplan, um in die Luft zu fliegen auf Nimmerwiedersehen. Vom Skorpion geht die Sage: Wenn man einen Feuerkreis rings um ihn zieht, verletzt er sich selber mit seinem Schnabel und stirbt am eigenen Gift. Sollte das nicht ein Rezept für mancherlei Kriegshetzer auf dem Balkan sein? Die Muselmanen haben bei Beginn des Krieges mehr an den Mantel und die Fahne des Propheten, der doch bei aller Mirakelhaftigkeit ein Realpolitiker war, gedacht, als an das Schwert des Propheten, welches die Inschrift trug: „Vorwärts dringen, das wird Ehre, Feigheit -- Schande dir. gewinnen. Nicht durch Feigheit kann der Mann Seinem Schicksal je entrinnen." Pater Bauchinger war jüngst in der österr. Delegation so offenherzig und, in gewissem Sinne, auch freisinnig genug, die sensationelle Erklärung abzugeben: „Wir stehen dem Islam näher, als dem Schisma" — mit anderen Worten: die Römisch- Katholischen haben für die Mohammedaner mehr Sympathien, als für die russische Orthodorie. die der Mönch I l i o d o r vor einigen Tagen in grelle Beleuchtung gerückt. Pater Bauchinger wußte wohl, warum er sich jenen merkwürdigen Ausspruch leisten konnte. Die rus-- fische Orthodorie ist gegen alle anderen Christen viel unduldsamer und exklusiver, sie fühlt weit stärkeren Missionsdrang, sie besitzt auch eine größere erpansive Ge-! walt und Werbekraft als der römische Katholizismus, gegen den sich der Islam seit Jahrhunderten sehr konziliant, wohlgesinnt und entgegenkommend erweist. Islam bedeutet eigentlich „G o t t e r g e b e n h e i t" und nicht bloß die Religion, die Mohammed verkündet hat, sondern jede frühere monotheistische Religion, die jüdische, wie die christliche.*) Der Koranspruch: „Wer aber einer anderen Religion anhängt, als der Gottecgebenheit (Islam), der wird nicht ausgenommen werden durch sie (bei Gott), sondern er gehört in jener Welt zu den Untergehenden" ist darum keineswegs als Ausfluß fanatischer Intoleranz zu nehmen, was daraus ersichtlich wird, wenn man ihn beispielsweise mit folgenden Fundamentalsätzen in Zusammenhang bringt: „Fromm ist, wer da glaubt an Gott "und an den Tag des Gerichts, an die Schrift und die Propheten, der da trotz aller Liebe zu seinem Vermögen es doch den Angehörigen gibt, den Waisen und Unglücklichen, den Wanderern und den Bittenden: der da Sklaven loskaust, das Gebet verrichtet und die Armensteuer gibt: der da festhält an Verträgen, wenn sie abgeschlossen sind, und ausharret im Unglück, in der Not und zur Zeit der Gefahr. Das sind die Gerechten, das sind die wahrhaft Goltesfürchtigen." . . . P. Bauchinger hat mit seinem lapidaren Satze einen neuen Beweis für die bekannte Tatsache geliefert, daß ein Zwiespalt, der selbst aus einer geringfügigen Ursache auf demselben Boden gemeinsamer Anschauungen entstanden, unversöhnlicher sich gestaltet als ein Widerstreit auf zwei entfernten Standpunkten. Seltsamerweise stimmte die Enunziation Bauch ingers über das Schisma mit der Denkweise der Sunniten (Mohammedaner, Anhänger der mündlichen Ueberlieferung außer dem Koran, die das Khalifat des türkischen Sultans anerkennen) überein: „Am Tage des Gerichtes", sagen nämlich die Sunniten, „werden die Schiiten die Esel sein, auf denen die Ungläubigen in die Hölle reiten." - Schia bedeutet nämlich ungefähr dasselbe, wie Schisma: Trennung. Spaltung, und Schiiten (Sektierer, zumeist in Persien) sind die Mohammedaner, die nur den Koran, allerdings nach ihrer Interpretation, heilig halten und den vierten Khalifen Ali-ben-Abi-Taleb. Mohammeds Schwiegersohn, für den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten erklären. Zwischen der Schia und Sunna besteht also ein ähnliches dogmatisches Verhältnis. als zwischen Karaiten und Rabbaniten. - Seit jeher gilt dem Judentum leider als ..Richtlinie": „Frieden, Frieden dem Fernen und dem N a h en!" (Jesaia 57, 19.) Der Jude hält weit lieber Frieden mit dem Fernestehenden, als mit dem. der ihm am nächsten ist.Es schismatelt auch nun in allen jüdischen Kreisen. Es ist das Satirspiel in der Tragödie: Geschichte Israels. Wo und wann von einem neuen Vereine die Rede ist, kann man mit Sicherheit auf ein Schisma rechnen. Was will man mit den vielen Vereinen? Die Einheit des Judentums nur verneinen? Ist der Lech des Judentums gar so „krank von der Sohle bis zum Scheitel", daß er so vieler Verbände bedarf? Warum erinnert man sich nicht an das tieftraurige Wort: Jerusalem fiel in die Hände der Römer und der Zerstörung anheim nur infolge der Parteikämpfe in der belagerten Stadt? Warum vergißt man an die strenge Warnung: nm:« nnu* wyn s^-mann mb „Hütet euch, Einschnitte zu machen in euren Leib spaltet euch nicht in Parteien und Sekten." (Iebamoth 14a zu V, B. M. 14, 1.) Ihr sollt euch nicht auseinandervereinen! *) Koran, Sure 2: Aus dem Hitopadc^a.

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