Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 28 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 28 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 3 menden Generationen für unentbehrlichen, unvergkeich-, lichen Wert hat — wer das weih oder auch nur ahnt, der wird und muh sich wundern, dah die Statistik sich noch nicht der Frage bemächtigte: Was hat man der militärischen Schulung zu danken? Wie keine andere Wissenschaft erscheint die Statistik dazu berufen, den Nachweis zu liefern, wie gegenwärtig, wo hie stabilisierenden Energien im Hause und im äußeren Leben immer bedenklichere Lockerungen erfahren, die Notwendigkeit sich steigert, die Zügel des Pflichtgefühls strammer anzuziehen, das Bewußtsein der Unter- und Ueberordnung. zur Rechtsüberzeugung zu kondensieren, seelische Hemmungen gegen die perverse Richtung des Individuums, sich auszuleben, auszutoben, auszutollen, anzubringen und zu festigen, die Pestilenz des Strebertums, des ehrgeizigen, ehrvergessenen Strebertums zu hemmen und in seinem brutalen Ankämpsen gegen vornehm bescheidene Verdienstlichkeit zu begrenzen. „Unfähige, die zu allem fähig sind", nannte Unger die Streber. Einige der angeführten Qualitäten, in das innerste Volkswesen übergegangen, wären ausreichend, die heil- und beispiellose wirtschaftliche Panik aufzuhalten, welche vor dem höchst unwahrscheinlichen Ausbruch eines Weltkrieges Industrie und Handel in wilde Zuckungen versetzt, solide Reichtümer in Frage stellt, jede Werte schaffende Arbeit lahm legt, das Bankwesen diskreditiert, das allgemeine Vertrauen tief erschüttert und vitale Interessen auf unberechenbare Dauer schädigt. Die Panik' sieht Zagend und zitternd in der kleinsten Wolke, so groß wie eine Manneshand, wie einst der Prophet Elijahu, ein Unwetter emporsteigen, allerdings nicht mit dem erwünschten Wolkenbruch. (Könige I, 18, 44, 45.) Es ist darauf mehr als sonst hinzuarbeiten, den ichsüchtigen Genußmenschen durch eine gerechte gleichmäßige Disziplin zu einem verläßlichen Normalmenschen, zu einem festen Baustein im Gefüge einer Gesamtheit zu machen - nach Rückerts Mahnwort: „Willst du, dah man mit hinein In das Haus dich baue, Lah es dir gefallen, Stein, Dah man dich behaue!" Unter gebotener Schonung erschöpfter Steuerträger wird sich wohl die Erkenntnis durchringen: Das Wasser, das dem Boden entzogen, auf Wolksneimern empor- ' steigt, fällt wieder als Tau und Regen auf die Erde nieder. So verhallen sich auch die aufgewandten Militärkosten zu den erzielten materiellen und moralischen Errungenschaften. Die zehrende Angst vor den unausdenkbaren Entsetzlichkeiten und katastrophalen Wandlungen eines Krieges wird wohl früher, als man glaubt, diesen in das Reich der Unmöglichkeiten mit dem Rufe verweisen: vea victis et victoribus! Was die Lebenslast, den Notstand, Qualen und Verlegenheiten, Aufschwunghemmnisse, Kulturfeindlichkeit, Brutalisierungsgelüste verhindert und vermindert, was auf Wohlfahrt, Gedeihen, Lebensfreudigkeit, Schaffenslust, Ordnungssinn, Friedensliebe, Sicherung der teuersten Güter abzielt, all das fordert unabweislich die edlen Kräfte des Menschengeistes zum wirksamen Eingreifen auf und muh schließlich doch bei den Bewegungen, die eine allgemeine Umwälzung bedeuten, als unverrückbares Strebeziel im Auge behalten werden. Man kann ein schwärmerischer Friedensapostel sein und gleichwohl für militärisch-ethische Grundsätze der Volkserziehung, für eine von Dressur und Drill ferne Disziplinierung, der auch die Fürsorge zufiele, dah nicht destruktive Elemente in die Armee Eingang finden, ernstlich, eintreten. Ein Soldat, auf Grundlage militärischer Charakterzüge in Schule und Haus erzogen und herangebildet, hat einen höheren Gefechtswert als einige rasch abgecichtete Wehrleute. Es gehört kein besonderer logischer Scharfsinn dazu, um zu der Schluhsolgerung zu gelangen: Eine militärische Erziehung und Schulung der Jugend und deren Gewöhnung an eine vernünftige Selbstdisziplinierung wäre ein sicheres Mittel, die Militärlasten- und -Kosten herabzumindern. Unser Kaiser, der jugendliche Greis, dessen Haltung und Zepterführung in dieser furchtbar ernsten Zeit von aller Welt bewundert wird, stellt ja selber die ehrfurchtgeüietends Inkarnation eines vornehmen, ritterlichen, heroischen Soldaten dar — und gleichwohl verdient er wie kaum ein anderer den Ehrentitel: „ein Fürst des Friedens!" III. 18. Dezember. Besser von der Wahrheit ein Dorn, Als von der Falschheit die Rose, Vesser der Sturm vom ehrlichen Zorn, Als des Zephirs schmeichelnd Gerose. Napoleon, von seiner Familie, die er ironisch Famigliagio nannte, arg geplagt und geschröpft, wies einen Taugenichts seiner Verwandtschaft, der von ihm) eine ausgiebige Unterstützung mit verzweifelter theatralischer Geste und dem Klageruf verlangte: „Sire, wenn Sie mir nicht helfen, kann ich nicht mehr weiter existieren!" kühl und barsch von sich: (Was mich betrifft, sehe ich die Notwendigkeit deiner Existenz gar nicht ein.).Sollte es nicht auch eine Großmacht geben, die einem ewig stänkernden, verzogenen Störenfried energisch abwinke: Meinetwegen brauchst du, kleiper, bübischer Gernegroß, gar nicht zu existieren? Die Schmeichelei ist ein giftiges Parfüm, bestimmt, den Aasgeruch von Fäulnis und Zersetzung zu verdecken und auf eine Täuschung zu eigenem Vorteil berechnet. „Alle dürfen einst vor Gottes Antlitz erscheinen, nur nichi der Schmeichler." Uebertreibung ist die gefährlichste Lüge. Das Körnchen Wahrheit in jeder Uebertreibung verführt zur Annahme, dah alles wahr sei. Für die Uebertreibung gibt es keine Zwischenstation zwischen Himmel und Hölle, keine Abstufung zwischen Engel und Teufel, zwischen Genie und Vieh. Der Uebertreibende macht bei den Fehlern des Gegners aus einem Floh einen Elefanten, dafür ober bei dessen Vorzügen aus einem Elefanten einen Floh — und das Umgekehrte bei seinem Parteigänger. Das ist die vielerprobte Methode heimtückischer Parteienverführer, hieser S p a l t p i l z e d e r G e s e l l sch a ft., Streber und Popularitätshascher sind nahe verwandt: beide reiben sich vergnügt die Hände und raunen schmunzelnd : „Dir Dummen werden nicht alle", eher werden alle dumm. - Streber sind Popularitätshascher nach oben und Popularitätshascher sind Streber nach unten. Die Natur gab der Klapperschlange das schärfste Gift, aber auch die Klapper, um davor zu warnen. Wer denkt dabei nicht an redselige Streber? Eine Großmacht abdiziert als staatliche Potenz, wenn sie schändliche Verletzungen ihrer Ehre oder die Verhöhnung primitiver- und völkerrechtlicher Grundsätze ohne Züchtigung oder Sühne sich gefallen läht und wenn sie Volkselemente, die statt der Zentripetale eine Zentrifugale zum Motor der Staatsmaschine wählen, fördert und begünstigt. Der Eargantua-Magen des Lesepublikums verlangt täglich frische pikante Speisen. Da müssen denn auch! „Enten" in verschiedener Bereitung herhälten.