Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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Sette 1» Nr.? Dr. Vkochs Wochenschrift. ein (B w.j e t ochowski, ein P rus, ein N i e m 0 jewski, der. Freisinn des polnischen Freisinns, verkünden nun den. ,, fortschrittlichen Antisemitismus". Ja, es verbleibt nicht beim bloßen Verkünden: die polnischen Repräsentanten in der Duma halfen jüngst wacker mit, als es galt, den Raub jüdischer Rechte an der autonomen Städteverwaltung zur Tat werden zu lassen. Der „fortschrittliche Antisemitismus" behauptet, nur Selbstwehr, nur Reaktion zu sein. Es wird auf die „lutwakische Frage", auf den wachsenden jüdischen Natjonalismüs und auf das Unvermögen der polnischen Assimilationspolitik hingewiesen. Tatsächlich gehört die Massenweise Anhäufung russifizierter, littauischer Juden in Warschau zu den teuflischesten Werten des Zarentums. Aus den Zentralgouvernements vertrieben, strömten sie daher und etablierten, nebst einer unerträglichen Konkurrenz für die jüdischen Urbewohner, die Herrschaft des lutwakischen Jargons und namentlich der russischen Sprache in den Straßen der altpolnischen. Königstadt. Es ist nun ferner wahr, daß mit diesem plötzlich eingewanderten Elemente die polnische Assimilationspartei nichts Rechtes anzufangen weiß. Wie überall, ist die kulturelle und nationale Assimilation das Pro-, dukt eines langwierigen, durch wirtschaftliche Notwendigkeit und gesellschaftliche Förderung bedingten Prozesses. Die Zeitungsdebatte allein kann aus einem „Lutwaken" noch keinen strammen Polen machen. Hiezu kommt die jüdische Nationalbewegung. In ihr müßten die Polen nicht nur ein Hemmnis der: alten Assimilation, sondern — was noch wichtiger — einen Feind erblicken, dessen künftige Rolle im Entscheid dungskampfe zwischen Polentum und Russentum vorderhand nicht hinreichend klar vorauszubestimmen war. Wie leicht konnte, hei etwaigem' Umschlag der russischen Judenpolitik, oder auch ohne einen solchen — die jüdische Nationalpartei gegen die pdlNische in deren ureigenster Heimstätte ausgespielt werden! Wohl nirgends, in der ganzen Welt nicht, kommt der jüdischnationalen Propaganda eine annähernd gleiche Bedeutung bei, me hier an der Feuerlinie des Polentums und des Russentums. Ich weiß nicht, ob diese Bedeu-' tung letzten Endes als erfreuliche oder zu beklagende Erscheinung zu bewerten sein wird. Vorderhand macht sie den Juden Polens das Leben nicht süßer. Obige Ausführungen dürften vielleicht das Verständnis für die Tatsache ermöglichen, daß die Stellungnahme der Juden für einen Sozialdemokraten genügen konnte, um eine förmliche Boykottbewegung auszulösen. Der „fortschrittliche Antisemitismus" ist nun einmal Tatsache und wenig verschlägt es. daß die Polen sich hiedurch für die russifikatorischen Tendenzen des Zarismus erst den richtigen Boden schaffen. Wie sich die polnische Bourgeosie das Zusammenleben mit einem zum Aussterben, zur Verzweiflung gebrachten Volke mitten in einem feindlichen Eroberungsstaate denn eigentlich vorstellt, bleibt rätselhaft. Desgleichen, ob die heutige politische und wirtschaftliche Lage Russischpolens einen Zwiespalt von solcher Tiefe verträgt und welche sauren Früchte diese nette Arbeit fAr die Polen tragen mutz. Allein, es gehört zu den beschämendsten, bedrückendsten Gedanken die Erkenntnis, daß es unser Los ist, Spielball der Völker zu sein, und daß wir dem „fortschrittlichen" Zerstörungszug unserer Feinde momentan nicht anders, als mit unserer geschichtlichen Philosophie des Duldens oder mit messianisch angehauchten politischen Phantastereien zu begegnen in der Lage sind. vom Jahrmarkt des Lebens. Der türkische Generalkonsul in Budapest über die türkischen Juden in PMstina. In einer Unterredung, welche der Redakteur des ungarisch-jüdischen Blattes „Egyenlöseg" mit dem türkischen Generalkonsul in Budapest, Ahmed Hikmet Bey, hatte, äußerte sich der Letztere über die Juden in Palästina wie folgt: „Die Türkei ist stolz auf ihre Juden. Der Enthusiasmus, der die Bewohner des gesamten osmanischen Reiches zur Verteidigung des Kalifates aufrief, hat auch die Juden mitgerissen. Mit beispielloser Opferwilligkeit. Tapferkeit und mit unendlichem Eifer haben sie die Rechte der Türken mitverteidigt. Jetzt konnte man es am besten sehen, wie sehr sie sich mit unserem Volke verwachsen fühlen. Die mächtige Begeisterung unter den Juden hat die ohnehin bekannte Tatsache wieder bestätigt, daß die Juden sich nur ihrer Religion nach abgesondert sühlen, während Tie in ihren Gefühlen Türken sind und anhänglich der türkischen Staatsgewalt, dis sie niemals stiefmütterlich behandelt hat. Wir Türken waren niemals Antisemiten und werden es auch niemals sein. Dies beweisen die Blätter unserer Geschichte, die Zeugnis ablegen von dem türkischen Liberalismus. Wir haben stets die hervorragenden Qualitäten der Juden anerkannt und werden ihnen auch in Zukunft gerecht werden. Sie find kluge, verläßliche und standhafte Bürger unseres Reiches. Diese Anerkennung ist durchaus nicht bloß eine illusorische. Die Juden sind schon auf den höchsten Staatsstellen gestanden und haben stets und unter allen Umständen ihren Platz ausgefüllt, und es ist bezeichnend, daß selbst unter unseren Diplomaten, Konsuln und Botschaftern gleichfalls Juden zu finden sind. Mit einem Worte, die mohammedanischen Türken leben in bester Freundschaft mit den jüdischen Türken. Und diese haben erfahrungsgemäß keinen sehnlicheren Wunsch, als treue Ottomanen, gute Patrioten zu sein." Auf die Frage, welche Bewandtnis es mit dem Verbote des Bodenkaufes mit Juden in Palästina habe, antwortete der Generalkonsul: „Die Frage ist nicht präzis. Denn eine solche Frage kann es überhaupt nicht geben. Unter normalen Verhältnissen können "nur ausländische Juden keinen Bodenbesitz erwerben. Aber Inländer, d. h. ottomanische Untertanen, können dies ungehindert tun. Die Sache steht so. daß die Einwanderung ausländischer Juden nach Palästina von den türkischen Juden selbst nicht gerne gesehen wird. (?? Die Red.) Fast täglich senden diese türkischen Juden wegen der jüdischen Einwanderung Beschwerdeschriften nach Konstantmopel. Das Verbot, von dem Sie sprechen, war nur eine Folge dieser Beschwerdeschriften. Und übrigens haben die gegenwärtigen kriegerischen, aufgeregten und unsicheren Zeilen eine strengere Handhabung notwendig gemacht." Bezüglich einer Autonomie für Palästina sagte Ahmed Hikmet Bey lächelnd: „Eine Autonomie für Palästina ist ausgeschlossen, völlig ausgeschlossen. Können Sie sich, ich bitte, vorstellen, daß Oesterreich Galizien eine AutoniML gewahrt. weil dort auch Juden wohnen? MI Mar eine Autonomie gerade den Juden, die nicht einmal in der Majorität sind? Und nehmen Sie noch hinzu, daß der allergrößte Teil der in Palästina wohnenden Juden nicht einmal türkische Untertanen sind, sondern Deutsche, Russen und Oesterreicher. Ein solcher Ge-