Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 Dr. BLochs Wochenschrift. Nr. L Umsicht hat sich mit der Durchführung des großen Humanitären Planes sehr große Verdienste erworben. Seine Bemühungen haben nun eine glanzende Anerkennung gefunden durch den Monarchen selbst, der mit einer hochherzigen Tat das christlichsoziale, inhumane und antisemitische Wien tief beschämt hat. Unser großer Monarch, der schon anläßlich seines achtzigjährigen Regierungsjubiläums die jüdische Humanität weithin hörbar hervorgehoben hat, schloß sich einer ausgesprochen jüdischen Wohlfahrtsstiftung an, indem er einen Teil des Augartens als Baugrund einraumte. Wäre die Liebe und Loyalität der Juden zu Franz Joseph I. überhaupt noch einer Steigerung fähig, so müßte sie sich noch vermehren und vergrößern durch eine so solenne Bestätigung, daß der Monarch keine Schranke zwischen sich? und seinen jüdischen Untertanen kenne. Der Entschluß des Kaisers ist eine Belohnung, die alle antisemitische Verleumdung und Hetze bei weitem aufwiegt und welche die Juden stets ermuntern und anspornen wird, ihre Pflicht gegen die Menschheit, unbekümmert um jeden Undank der Gegenwart, zu erfüllen. Mag beschuldigen wer immer. Der Kaiser hat belohnt und hat die Güte des jüdischen Herzens anerkannt, und das ist genug für alle Zeiten. Der Präsident der isr. Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, hat einen Erfolg zu verzeichnen, der vielen Kranken und Notleidenden zugute kommt. Der „fortschrittliche" Antisemitismus in Pole«. Von Dr. Emil Merwiu (Wien). Zwischen der polnischen und der jüdischen Bevölkerung Russisch-Polens ist der Kriegszustand ausgebrochen. Ein regelrechtes Kriegsverfahren wurde feierlich als eröffnet erklärt und der Erklärung folgen nunmehr, die Taten. Es hat diese Fehde wohl bisher kein Menschenblut, sondern nur viel Sorge und Kummer die Zudenheit Warschaus gekostet. Allein, die Tage physischen Zusammenstoßes nahen und nichts geschieht, nichts kann geschehen, um das Schreckliche abzuwenden. Es wird dieser Kampf zunächst in der Gestalt eines allgemeinen wirtschaftlichen Boykotts ausgefochten. Daran schließt sich eine Aktion, welche die Beschränkung der Juden hinsichtlich der Verwaltung der gemeinsamen Wohlfahrts- und Wirtschaftseinrichtungen zum Zwecke hat. Der gesellschaftliche und ökonomische Boykott richtet die letzten Reste der polnisch-jüdischen Beziehungen und eine Unzahl jüdischer Existenzen zugrunde, und die gesamte bürgerliche Presse der Polen aller drei Teilungsgebiete klatscht Beifall. Sie heult vor Wohlgefallen und kann sich — endlich in ihren intimsten Macht- und Revanchegelüsten befriedigt — vor Freude gar nicht fassen. Selbst die freisinnigsten Blatter, Dokumente jüdischer Freigebigkeit, können in diesem allgemeinen Kriegstaumel nicht umhin, den verfluchten Juden Warschaus sin papiernes donnerndes „gnos ego" zuzuschleudern. -Was ist die Sünde dieser Juden? Vor wenigen Wochen hat es in Rußland Dumawahlen gegeben. Die 300.000 Warschauer Juden fanden sich plötzlich im Besitze der Stimmenmajorität im Wählerkollegium. Wählten sie einen Juden? Gaben sie ihre Stimmen einem Russen? Nein, sie entschieden zugunsten des polnischen, katholischen Kandidaten Jagiello, wohl eines Sozialdemokraten. Dies ist der alleinige Anlaß der Boykotterklärung. Wie müssen die polnisch-jüdischen Beziehungen beschaffen sein, wenn dieser Anlaß genügen konnte! Russisch-Polen war die Wiege des polnischen Philosemitismus. Die edessten Köpfe der polnischen intellektuellen Welt, eine Orzeszko, ein Szymanowskii gehörten zu seinen Begründern und die Werke, in denen für die soziale Gleichstellung und Emanzipation der Juden mit allen Argumenten altruistischer Lebensauffassung gekämpft wurde, bilden den Stolz der polnischen Nation. Allein, dasselbe Kongreßpolen wurde auch zur Geburtsstätte des polnischen Judenhasses. Politisch und programmatisch verdankt er seine Einführung der allpolnischen Partei. Ihr Theoretiker, B a l i c k i, kann für sich das Verdienst reklamieren, als Erster die Lehre vom „nationalen Egoismus" in Polen verkündet zu haben. Wohl hätte man vermuten können, daß, selbst unterdrückt und geknechtet, die polnische Nation die niedlichen Grundsätze des „zoologischen Patriotismus" ohne weiteres von sich weisen werde. Trotzdem machte der nationaldemokratische, chauvinistische Gedanke einen wahren Siegeszug durch Galizien und Kongreßpolen. Jahrelang befand sich die Leitung des österreichischen und des russischen reichsrätlichen Polenklubs in den Händen der Allpolen. Ein jahrzehntelang unterdrücktes Revauchebedürfnis machte sich in der nationaldemokratischen Politik Luft — nicht dem Bedrücker, dem unerreicht Stärkeren, sondern dem Schwächeren gegenüber: dem Juden und dem Ruthenen. In Galizien ist die Judenfrage noch nicht zur vollen politischen Geltung gekommen. Sie befindet sich — von der vielfach aktuelleren Ruthenenfrage verdrängt — noch in 8U8P6N80. In Russisch-Polen sind die Juden die alleinigen — Schwächeren. Der Judenhaß wurde hier zum ersten Male während der Revolutionszeit entflammt. Bekanntlich gehörte der jüdisch-sozialistische „Bund" zu den aufopferndsten Streitern und Märtyrern der russischen Revolution. — Merkwürdigerweise ging die damalige Haltung der polnischen bürgerlichen Politik dahin, diese revolutionäre Volksbewegung, .die doch gegen den gemeinsamen Erbfeind, den russischen Zarismus, gerichtet war, auf pol--' nischem Boden nicht aufkommen zu lassen. Als Gegenaktion wider den jüdischen Revolutionismus setzte unter den Polen — zur nicht geringen Genugtuung der russischen Bureaukratie — ein pöbelhafter Antisemitismus ein. Unter dem Schlagworte: „die Revolution gefährdet unseren wirtschaftlichen Besitz", wendete die Intelligenz des Landes dem Judentum die ganze Wut ihres irregeleiteten Hasses zu. Der gefeierte Dramendichter Kisielewski übernahm auf der politischen Schaubühne in p6i'8ona. die Rolle des politisierenden Polichinnells und dichtete in einem aufreizenden Aufruf dem Prolog der Judenverfolgung. Die Revolution wurde niedergeschossen. Den Polen wurde ihre besonnene Taktik wohl zunächst mit nationalen Konzessionen, dann aber mit ebensolchen Einschränkungen, mit Verkürzung ihrer Dumavertretung, mit Abtrennung des Ehelmer Gouvernements gezahlt. Die Revolution war vorüber, vorbei war der Traum von der erkenntlichen, dankbaren Zarenkrone — geblieben ist der Antisemitismus. Es ist klar, daß bei Völkern, die nicht im Besitze der Staatsgewalt stehen, die inneren Gefühlsdispositionen sich in keinen Handlungen öffentlich-rechtlichen Charakters zu realisieren vermögen. Erkennbar war daher der nationale Mille der Polen seit der Teilung immer nur aus der StimtnUng in Literatur und Presse. Die nachrevolutionäre Periode zeitigte nun in der gesamten polnischen Publizistik ein ganz auffallendes Interesse für das jüdische Problem. Als Ergebnis dieser Diskussion wurde schließlich die Lehre vom „fortschrittlichen Antisemitismus" zustande gebracht und zum Dogma erhoben. Die liberalsten Männer Kongreßpolens, gewesene Vorkämpfer der Menschenliebe, Dichter der moralischen und materiellen Judennot, Verherrlicher der jüdischen Seele,