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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-01-03 · 1 (3.1.1913) · p. Seite 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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Seite 14 Nr. 1 Dr. Vkvchs Wochenschrift kohl (Vorsteher -er GMeinde) folgenden Vorschlag, der beifällig ausgenommen und auch zum Beschluß erhoben und durchgeführt wurde. Auf dem dazu in Aussicht ge-i nom menen Platze legte sich die ganze Gemeinde neben einander hin in einer langen Reihe, und der Roschhakohl matz den Platz und steckte ihn ab. Nachher legte sich Lied Roschhakohl ans obere Ende der Reihe, und ihm wurde vom Gemeindeältesten auch sein Platz zugemessen. Daher ist der Beiß-ÄnloM in Lhetm ganz lang und ganz schmal. Wenn jemand auf die Frage nach seinem Heimatsort antworten muh „Aus Chetm", da kann er sich nicht wundern, wenn er weiter gefragt wird, „Aus Chetm, wo die Lhetmer Neronim zu Hause sind?" Ein kluger Chetmer baute vor. Er wurde von einem Pinczower gefragt, wo er her sei. Prompt erwiderte er: „Bist du der Lhochem (Kluge)." Warum sollte er warten, dis ihn der Pinczower fragte: „Bist du a Lhetmer Narr?" Auch in vielen Orten außerhalb Lhetms gibt es Narren und Narrenstreiche, wenn auch meist ganz anderer Art. Namentlich auf jüdisch-rituellem Gebiete werden viele Dummheiten begangen, die zumeist frommer Unwissenheit ihre Entstehung verdanken. Dies allein ist auch der Grund, warum der deutsche Jude vielfach vom polnischen als Aschkenas-Pettach (deutschländischer Narr) bezeichnet wird. Die deutschen Juden waren von jeher im Jüdischen Mwissend, und da die Betätigung des jüdischen Gesetzes seine Kenntnis voraussetzt, so kamen gep. rade aus der Frömmigkeit heraus jene Torheiten, die den Spott herausforderten. Diese Unwissenheit gerade auf jüdischem .Gebiet war auch die Voraussetzung der sogenannten jüdisch-theologischen Reformbewegung, die der gelehrte Jude in Polen eben auch nur als für Aschkenas- Pettach paffend und von ihm ausgehend betrachtete. Aber auch in Polen gibt es Amrazzim (auf jüdifschem Gebfet Unwissende). In einem Städtchen gab es deren so viele, daß sie sich zu einer eigenen Lhewrei (ChebrL-Genoffenschaft) zusammengeschlossen, und diese Chewras-Amrazzim veranstaltete oder vielmehr verunstaltete regelmäßig einen eigenen Gottesdienst, bei, dem ihre Mitglieder die gottesdienstlichen Funktionen verrichteten. Der zeine dawwente (betete) Maariw (Abendgebet), der andere Schacharih (Morgengebet), und jener leinte (las den Toraabschnitt vor). Besonders dieser hatte oft und gern benutzte Gelegenheit, den Tert der Tora nach allen Regeln der Kunst zu mißhandeln, wie sich ja auch in den posenschen Kleinstädten fromMe Gemeindemitglieder bemühen, dem Palkaure (Baal-Kore Thorax Vorleser) der berühmten Chewrah-Amrazzim gleichzutun. Eines Tages wurde der Toraabschnitt nv.p (Korach) geleint, als der Vorleser ganz entsetzt im Leinen innehielt: „Die Szeifer-Täure hat a Greis (einen Fehler), Kaurach is geschrieben mit a p, es muh geschrieben sein mit „2". Auf die Frage, woher er das annehme, beruft er sich auf die Peihachhaggode (Peßacherzählung), wo gedruckt steht: Käurech mit 02. Die Go de (Hagadu ^Erzählung) wird gebracht, und nach vielem Suchen festgestellt, dah in der Gode tatsächlich steht: Käurech mit a 2 denn es heißt dort: „-pi3 n\i bbn Hillel is gewen (gewesen) a Käurech." Man muß das Szeifer-Täure (Tora-Rolle) wegsetzen, da man doch aus einem fehlerhaften Szeifer nicht leinen kann. Dann aber heißt es: „Reb Schmiel (Samuel), Recht haste. Käurech schreibt man mit a 2, aber du bist a Lamdan (Gelehrter), raus aus der Chewre!" So wurde er als Lamdan rausge-. warfen, weil er eben den Namen Korach (mip).mit der Verbalform *jtd, die eine ganz andere Wurzel und Bedeutung hat, verwechselte. Von solchen Amrazzim sagt man, sie schreiben (w) Näuach mit 7 Greisen (Fehlern), wozu eine besondere Tüchtigkeit gehört, da Näuach (Noa) im Hebräischen ^2 also mit nur zwei Buchstaben geschrieben wird. Der jüdische Volkshumor hat, wie wir sahen, sehr viel mit dem Humor anderer Nationen gemein. Er mußte in so naher Berührung mit andern Völkern von dem lebendigen Geiste dieser Nationen viel in sich «aufnehmen. Aber er assimilierte sich während der ganzen Zeit des Mittelalters nicht dem fremden Volksgeist, und ebenso wenig im modernen Ghetto. Vielmehr arbeitete er das fremde Eigentum zu eigenem, indem er gleichzeitig immer neuen geistigen und geistreichen Stoff schuf. Erst die allerjüngste Zeit hat in Westeuropa den jüdischen Volks- Humor in Abhängigkeit von der umgebenden Art des Humors gebracht und hat ihm Elemente zugeführt, denen er im Augenblick zu erliegen droht. Das ist um so bedauerlicher, als er dadurch nicht bloß von seiner Ursprünglichkeit, sondern auch von seiner Frische und seiner pointierten Schärfe verloren hat. Diese kurze historische Betrachtung hat aber dann am ehesten ihren Zweck erreicht, wenn sie Freunde jüdischer Volkskunde dazu veranlaßt, in ihrer jüdischen Umgebung den Volksmund zu belauschen und die Erzählungen des jüdischen Volkes im Ghetto, vor allem den Humor, schriftlich niederzulegen, der in den Jahrhunderten schwerster Unterdrückung und tiefster Erniedrigung den jüdischen Geistern die Elastizität erhielt und durch ein kräftiges Lachen die Nervenerschütterung gab, deren sie bedurften, um heiteren Mutes weiter zu schreiten und den Mut zu leben nicht zu verlieren. Der jüdische Volkshumor war einer der Retter unseres Volkes in der Unglücksnacht mittelalterlichen Zwanges. Ihn wollen wir dankbar bewahren. (Schluß.) Krirfliasten. ft. ft. Zum Zwist wegen der „Richtlinien des liberale,» Judentums" in Deutschland schreibt die Berliner antisemitische „Staatsbürgerzeitung" vom 29. November: „Für unjere künftigen Religionsprozesse, soweit sie mit dem Judentum in Verbindung stehen, ergibt sich aus diesen Erklärungen die praktische Folgerung, daß die vom Reichsgericht unter Strafe gestellte indirekte Beschimpfung der jüdischen Lehre oder Religionsgemeinschaft straflos bleiben muß, weil die herrschende (liberale) rabbinische Richtung in Deutschland bindende Lehren, die den Charakter von Religionsgesetzen tragen, nicht kennt. Der nächste Schritt wird der sein müssen, daß die Regierungen sich mit der vorliegenden Frage beschäftigen und der jüdischen Religionsgesellschast die Rechtspersönlichkeit entziehen." Sigmund Hirsch. Die jüdische Bevölkerung in Wien zählt nach dem statistischen Jahrbuch der Stadt Wien 1910 eine Seelenzahl von 175.318. L. F. Die Juden in Rumänien bilden 4,5 Prozent (in Bukarest 15 Prozent mit 34.274), in der europäischen Türkei 1,7 Prozent, in Bulgarien 0,9 Prozent, in Griechenland und in Serbien 0,2 Prozent aller Untertanen.. In der europäischen Türkei gab es 1900 etwa 100.000 Juden, die in ftonstantinopel 5 Prozent, in Saloniki sogar 50 Prozent (meist Abkömmlinge der ehemals aus Spanien vertriebenen Juden) der Einwohner bilden. In Bulgarien leben etwa 37.656 Juden (1905) und etwa 7000 davon in Sofia. Die Juden in Griechenland zählen ungefähr 6000, die in Serbien 5900 (3000 in Belgrad) ftöpfe. — Die Zahl der Juden im bisherigen ottomanischen Reiche beträgt etwa eine halbe Million. Von diesen kommen aus ftonstantinopel zirka 65.000 (etwa ein Fünfzehntel der hauptstädtischen Bevölkerung), auf Saloniki,' das im ganzen nur ungefähr 130.000 Einwohner zählt, eine kompakte Masse von 64,000, auf Bagdad 40.000, auf, Smyrna 35.000, auf Adrianopel 17.000 jüdische Einwohner. Am dichtesten sitzen die Juden aber in Palästina. Jerusalem mit 35.000 (zwei Drittel der Gesamtbevölkerung), Jaffa 8500, Sased 8000, Tiberias 7000, Haifa 1600, Hebron -1000 Juden.

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