Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Dr. Blochs WocheMM Seite 13 Da erwiderte der Gläubiger, der die Fälschung veranlaßt hatte, sich also nicht einmal beschweren durfte, in Staunen über die wandelbaren hebräischen Ziffern: „Ie größer der „Iud", um so geringer sein Wert!" Nach einer anderen Version ^antwortet er: „Man sieht, ein „Iud" ist nicht zu schätzen!"^) So wie die Juden die Schelmenstücklein vom Lulenspiegel aus ihren deutschen Iudengassen in ihr polnisches Ghetto -mitgenommen haben, ebenso Haben sie nicht ermangelt, die Narrengeschichten mit hinüberzutragen, die in der verlassenen deutschen Heimat im Schwange waren. Aber wie sie nicht dabei stehen blieben, den Eulenspiegel einfach und der Ueberlieferung gemäß bloß weiterzuerzählen, sondern in Efrajim Greidiker und Mordche Rackewer neue Gestalten als Träger der Schelmenstreiche aus ihrer Mitte haben hervorgehen lassen, so haben sie auch den alten Schildbürgerstücklein manches Neue hinzugefügt, im allgemeinen aber auch den allen ein neues ihrem nunmehrigen Milieu angepaßtes Gewand angezogen. So wie im deutschen Volksmund Teterow und Schöppenstedt, Burtehude und Stripstrille (eigentlich Triptis-Trille) auf den Ruhm der eigentlichen Narrenstadt Anspruch erheben, neben vielen anderen gleichbedeutenden Städten, die sich aber nur zu lokalem Ruhme aufzuschwingen vermochten, während Schilda mit seinen Schildbürgern die Palme unter den Narrenstädten davon trug, so gibt es der Narrenstädte auch im jüdischen Polen genug, und doch hat Chelm bei Pinczew den unbestrittenen Ruhm errungen, die Narrenstadt zu sein, der niemand wagt, diesen Namen streitig zu machen. Diese Narren tragen jüdische Kappen. Selbst das Wort Narr ist judaisiert, indem.man ihm einen (tilgen mein gültigen Plural gegeben hat, der ganz hebräisch klingt. Und diese Wortbildung war doppelt boshaft, dadurch, daß die Analogiebildung vom Worte Lamdan. Mehrzahl Lamdonim, dazu verhalf, diesen „Gelehrten" in den „Narronim^ ein würdiges Seitenstück zu verleihen. Die Chelmer Narronim oder Nerönem haben alle andern in den Hintergrund gedrängt. Alle deutschen Schildbürgerstreiche sind an ihnen hängen geblieben. So haben einst die Chelmer einen Dieb erwischt, und in Ermangelung eines Gefängnisses ihn auf eine andere Weise gefangen gesetzt. An einem festen Zaun machten sie ein Loch und ließen den Kerl rückwärts den Arm! durchsstecken. Sodann gaben sie ihm von der Rückseite des Zaunes her quer eine Stange wie einen Oüerriegel zu halten, die stark genug war, daß er sie nicht durchbrechen konnte. Dann ließen sie ihn stehen. Als sie nach einiger Zeit nach ihrem Gefangenen sehen wollten, fanden sie ihn nicht mehr vor. Wie er sich habe frei machen können, blieb ihnen unbegreiflich, da sie nicht auf den Gedanken kommen konnten, daß er die Stange einfach losgelassen hatte. Im Vordergrund des jüdischen Interesses steht die Schul (Synagoge), und so ist -es nicht wunderbar, wenn die Chelmer darauf kamen, eine neue Synagoge zu bauen. Sie war fertig und gefiel ihnen über die Maßen, als sie zu ihrem Schrecken bemerkten, daß die neue Schul neben der Gosse stand. Das entspricht nicht dem Kowed (der Würde) der Schul; aber noch dazu neben einer polnischen Gosse. Viele und ernste Beratungen, wie diese Düfte von der Schul fern zu halten seien, führten zu keinem Ziel, bis endlich ein kluger ChelMer, der früher einmal gereist war, erzählte, ,er habe gesehen, wie Man in Pinczew auf dem Iahrmarkt eine Bude weitergeschoben habe, und beschrieb den Hergang. Er schlage vor, die Schul in gleicher Weise von der Gosse sortzurücken. Natürlich be-- 6) Nach mündlicher Ueberlieferuug aus Berlin. dürfe es andere Kräfte, da eine Bude gar leicht, die Schul aber aus schweren Steinen gefügt wäre. Der Rat gefiel allgemein.. Als am festgesetzten Tage die ganze Kille (Ge?- meinde) von Chelm bei der Schul zusammengekommen war, um die wichtige Arbeit vorzunehmen, stand dort von ungefähr ein bespannter Rollwagen, dessen Kutscher nicht zu sehen war. Da die ^onnenglut sehr heiß und die Arbeit voraussichtlich sehr schwer war. so legten sie alle ihre Kittel und Kaftans ab, und zwar auf den Wagen. Dann gingen sie in die Schul hinein, um ihr Werk zu vollbringen. Alle stemmten sich gegen die Misrachwand (Ostwand) und begannen zu schieben. Der Parneß kommandierte, damit alles schön in Ordnung vor sich gehe. Inzwischen war der ortsfremde Baalagole (Kutscher) zu seinem Wagen zurückgekehrt und, erfreut über die unerwartete Bescherung, war er davongefahren. Er war schon ein ordentliches Stück davon, als der Parneß (Synagogenvorsteher) hinausging, um nachzusehen, ob man schon weit genug gerückt sei. Wie er den Wagen schon so weit sieht, kommandiert er sofort als Herr der Situation in die Synagoge hinein: „Zurück, zurück, nach Mairew -Westen). Wir sind viel zu weit gerückt. Wir sind schon ganz weit abgekommen von dem Wagen." Es ist Sitte, daß in der Schul das Brautpaar zur Trauung unter der Chuppe (Trauhimmel) nach Osten schaut. Eines Tages aber standen Choßen und Kalle (Bräutigam und Braut) unter dem Baldachin zur Vollziehung der Eheschließung, aber punktum nach Mairew (Westen) statt nach Misrach (Osten). Was ist zu tun? Man dreht die Chuppestangen nach rechts und nach links, die Träger der Stangen wechseln ihre Plätze, hierhin und dorthin. Nichts hilft. Das Paar steht nach Westen gerichtet, und die Trauung kann nicht vor sich gehen. Als man über das Schlemassel (Unglücksfall) schon ganz verzweifelt ist. da tritt ein Fremder in Schul, übersieht sofort, was hier oorgeht. und kurz entschlossen dreht er Choßen und Kalle nach der richtigen Seite herum. Hocherfreut gibt man die Kidduschin (Trauungsheiligung) und feiert fröhlich die Chaßne (Hochzeit). Man fragt den klugen Helfer, der fröhlicher Chaßnegast geworden ist. wie er auf den klugen Einfall gekommen ist, und er erwidert, er kenne das in Warschau gar nicht anders. „Er ist ein War^- schauer," tönt es von allen Seilen, „natürlich ein Warschauer, nur ein Warschauer hat a solche szeicheldicke Chochme und a solche Chuzpe (klugen Verstand und Unverschämtheit)." In Chelm wollten die Uhren nimmer richtig gehen. Man nimmt an, da das Uebel allgemein ist, daß die Tageszeit überhaupt sich geändert hat. So wird ein Bote nach Pinczew abgeschickt, festzustellen, wie dort die Tageszeit wäre. Er solle besonders gut auf den Stand der Sonne achten. Am Abend zieht er los, wandert die ganze Nacht hindurch und will eben durch das Stadttor eintreten, als die Sonne über dem Horizont erscheint. Hocherfreut, es so gut getroffen zu haben, kehrt er stracks um und marschiert nach Chelm zurück, wo er am Stadttore von der ganzen Gemeinde erwartet wird und bei anbrechender Nacht eintrifft. „In Pinczew togt's (tagt es)," lautet sein mitviel Beifall aufgenommener Bescheid über die Tageszeit. In Chelm war der alte Friedhof zu eng geworden, und es wurde beschlossen einen neuen Beiß-Äulom (Böt-'Olam — Haus der Ewigkeit, Friedhof) anzu-, legen. Da aber wurde die Frage aufgeworfen und weitschichtig erörtert, wie groß er sein müsse, um auszureichen. Nach langwierigen Diskussionen machte der wegen seiner Klugheit und seines Scharfsinns hochgeschätzte Roschha-