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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-01-03 · 1 (3.1.1913) · p. Seite 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 Nr. 1 Dr. Bloch» Wochenschrift so viele Segnungen zuteil wurden, von den Autodafes angefangen, bis herab zum gemeinsten Antisemitismus. Unvernünftige Eltern wollen ihren Kleinen bloß eine Freude machenund vergessen, daß sich Erinnerungen in ein Kinderherr unausrottbar einpflanzen, vergessend dah wir den Brauch der Ehanukakerzen haben, die den Kindern die mutigste jüdische Begebenheit erzählen. In dem Momente, in dem wir vom Christentum, seien wir kulturell noch so innig mit ihm verwachsen, den religiösen Ritus übernehmen, geben wir unsere jüdische Eigenart auf und entwurzeln einen Glauben, der uns in der ganzen langen Zeit der Diaspora Kraft und Ausdauer gab. Dies gilt für den Religiösen und für den Irreligiösen, es gilt Kr den Juden überhaupt. Die starken Wurzeln unseres Bestandes sind in der Bibel, die uns einmal Staatsrechtsverfassung, die uns Gesetzgebung, die uns Morallehre war. O, es ist nicht nur eine „Kleinigkeit", eine „Sitte" oder ein „poetischer Brauch", in einem jüdischen Hause einen Weihnachtsbaum zu entzünden, sondern ein schamloses Zugeständnis, ein niedriger Verrat und eine verachtungswürdige Kriecherei. Ich kenne viele Glaubensgenossen, die gerne einen himmelblauen Augenauflchlag in die höhere Sphäre christlicher Religionspoesie empöre senden und die sich besonders vorurteilslos und frei dünken, wenn sie an ihrem Hausmeister den allergrößten Tannenbaum vorbeiKhren, so gewissermaßen als Ausweis, daß sie über dem Judentum stehen. So hoch auch ihr schwarz-rot-goldenes Herz klopfen mag, sie sind noch stark mit dem Ghetto verwachsen, die modernen Nachkommen jener demütigen, armen, erschreckten Juden, die in den Graben sprangen, wenn ein hoher Herr vorüb erfuhr. Aber diese Ahnen gaben nicht ein Quentchen ihres Glaubens hin und die gebeugten Rücken wurden gerade, wenn es galt, ihr Heiligtum zu verteidigen. 2n den Salons, auf den Wohltätigkeilsfesten krümmen sich heute ihre Enkel, sie ziehen vor der Stefanskirche den Hut, sie sitzen mit ihren Lieben unter dem Weihnachtsbaum, und alt' ihr Sehnen geht dahin, einmal mit guter Manier das „Entreebillet zur europäischen Kultur" zu bekommen. Es ist ein Cirkulus, ewig gleich rollend, der Großvater mit dem Gebetriemen, der Vater unter dem We'chnachtsbaum, der Enkel antisemitischer Vizebürgermeister. Nein, wir wollen an diesen trüben Erscheinungen nicht achtlos vorübergehen und ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Es ist fast ein Programür, das einen redlichen Kampf lohnen würde: „Fort mit dem Weihnachtsbaum aus dem jüdischen Hause." Was Kr einen Arier eine weihevolle Andacht bedeutet, ist Kr uns ein un-, würdiges Possenspiel. Nachäfferei mag ausnahmsweise in der Mode gestattet sein, in der Religion ist es immer eine Lächerlichkeit. Oder was würde ein Christbaumijude dazu sagen, wenn er plötzlich den Herrn Dr. Porzer vor der Menorah fände? Noch eine viel sonderbarere Figur macht er selbst unter dem strahlenden Weihnachtsbaum. Er mag meinetwegen Kr den deutsch en Charakter der Stadt Wien eintreten, den Parsifalschutz predigen, Blumentage arrangieren und die Wacht am Rhein mit starker Stimme singen: Aber den Weihnachtsbaum, meine lieben Freunde, wollen wir doch lieber jenen herzigen Kleinen überlassen, die unseren Kindern auf der Gasse „Hepp hepp" zurufen. Thekla Dlech-Merwin. Prof. Dr. David Heinrich Müller. Ein Gedenkblatt. .. Nach den Berufenen, die die wissenschaftliche Tätigkeit Prof. Dr. D. H. Müllers gewürdigt haben, wollen diese Zeilen nur . gi,ein Bündel hinter dem Schnitter“ (keomir meachare hakocer, Jerem. 9,21.) einige Züge des Menschen und jüdischen Gelehrten D. H. Müller festhalten. Auf dem Felde der jüdischen Wissenschaft war Müller ein Neuling, als im Jahre 1893 die Berufung zum Dozenten an der Israelitisch - theologischen Lehranstalt in Wien an ihn erging, denn er befaßte sich bisher mit semitischer Philologie,- besonders mit der Sprache der Südsemiten. Wohl besteht eine Verwandtschaft zwischen diesem Gegenstände und jenen, die Müller an der Lehranstalt vorzutragen berufen war, so daß die Hoffnung berechtigt war,, er werde kraft seines Eifers und Fleißes die ihm gestellte Aufgabe bewältigen können, immerhin blieb der Eindruck dieser Berufung, daß der Name D. H. Müller der neuen Anstalt Glanz verleihen werde. Diejenigen, die Müller bei der Arbeit sahen, im Vortragssaale^ haben jenen Eindruck schnell verloren und die Ueberzeugung gewonnen, daß in Müller eine außerordentliche Lehrkraft wohne, ein jüdischer Gelehrter schlummere, der jetzt erwacht Ist», und mit doppelter Liebe zu seiner einstigen Mutter, der jüdischen Wissenschaft, zurückgekehrt ist, um sie zu hegen und zu pflegen. '„Ich werde mich hineinarbeiten und hoffe, etwas zu leisten“-, sagte er mit der Genugtuung des Arbeiters, der an seihe Arbeit geht mit Freude und Eifer, mit Liebe und Hingebung. Alle diese Eigenschaften sah man seiner Arbeit an, aber auch die Mühe, die er darauf verwendete. Wer ihn in der Lehranstalt vortragen sah und hörte, blickte auch in sein Studierzimmer, in die Werkstatt;, wo diese Vorträge entstanden waren, wo der berühmte Orientalist 2—3 Stunden täglich sich abmühte, um sich in das neue Fach hineinzu arbeiten. Dabei bar jedes Stolzes und jeder Ueberhebung, schlicht und aufrichtig, denn er scheute sich nicht, die Hörer, besonders die alteren, die aus dem Budapester Seminar gekommen waren, zu fragen, ob seine Vorträge sie befriedigen. Neben dem Eifer war diese Aufrichtigkeit der sympathischeste Zug in Müllers Charakter. Man denke doch, ein Gelehrter von europäischem Rufe, der seine Hörer um ihre Meinung, ja auch um ihren Rat fragt. „Hebräische Grammatik ist mein Fach“, äußerte er sich am Anfänge seiner Lehrtätigkeit am Seminar — „in Bibelexegese werde ich mit der Zeit hineinkommen, doch jüdische Religionsphilosophie“ — das waren seine Gegenstände — „',ist mir ganz fremd. Wie fange ich das an?“ Und als nun einige Budapester Seminaristen ihm erklärten, wie der seither auch verstorbene David Kaufmann diesen Gegenstand vortrage, da meinte er: „So werde ich es auch versuchen.“ Und der Versuch gelang. Wohl fehlte Müller die ausgebreitete Kenntnis der jüdischen Religionsphilosophie, die Prof. Kaufmann in seltenem Maße beherrschte, wohl fehlte ihm. auch die schwungvolle, geistreiche Vortragsweise1, er ersetzte jedoch diese beiden Mängel durch sachliche Gründlichkeit, womit er für diesen spröden Gegenstand nicht weniger Interesse zu erwecken vermochte. Den Glanzpunkt der Müllerschen Seminarvorträge bildete die Exegese, die Bibelerklärung. Hier hat er sich als jüdischer Gelehrter entpuppt, hier hat er neue Bahnen gewiesen. In Müller steckte immer der .Talmudist, der beim Studium des Talmuds nicht nur das Ueberlieferte aufnimmt, sondern etwas Neues findet, einen „chidusch“ entdeckt, eine Hypothese aufstellt und sie mit zahlreichen Argumenten stützt. Das Hergebrachte war gründliche sachliche und grammatikalische Erklärung des Bibelwortes, das Neue), der „chidusch“, die Entdeckung der poetischen Form in der Heiligen Schrift und die daraus folgende Textkritik. Als Müller gleich im ersten Jahr bei der Erklärung des Buches des Propheten Ezekiel mit seiner Hypothese vom Strophenbau in den prophetischen Reden herausrückte, da erschien ein holdes Lächeln auf seinem milden Antlitze; als er mit wachsender innerer Freude Vers an Vers reihte und uns das neue poetische Gebilde vorführte, da fühlten wir den gewaltigen Stoß, den er der damals herrschenden-, von Wellhausen ausgehenden, mit dem biblischen Texte komödiantenhaft umspringenden „alttestamentlichen Textkritik“ versetzte. Wir fühlten die Genugtuung, daß endlich ein jüdischer Gelehrter die Bibelexegese, dem Judentum zurückerobert hatte von den protestantischen Professoren, die sich ungestört herumtummelten, wie auf einem ausschließlich ihnen gehörenden Gebiete. (En passant bemerke ich, daß auch Professor Berliner auf diesem Felde tüchtiges geleistet hat*) Damals bestärkte sich in uns die. Ueberzeugung, daß nicht nur das Seminar mit Müller einen Namen an sich gezogen hat, sonderndie jüdische .Wissenschaft einen tüchtigen Arbeiter, wiedergewonnen hat. Der Fleiß Dr. H. Müllers eiferte seine Hörer an, seine Liebe!zur Wissenschaft teilte sich ihnen mit, insbesondere war es aber das persönliche, das freundliche» wohlwollende, gutmütige;, einfache und aufrichtige Wesen, womit er sich Sympathie, Liebe und.Verehrung bei seinen Hörern erwarb, und noch etwas» was er höher schätzte, ihr Mitarbeiten mit ihm. Merkte er, daß die Hörer nicht nur hörten, sondern lernten!, so „arbeitete er begeistert, unermüdlich und rastlos mit ihnen“ — wie er

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