Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 52 (27.12.1912)
- Date
- 1912-12-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 680 Dr. Bwchr WvchenZchM -tr. 52 und seine nächsten Verwandten wußten in der Tat nicht, ob sie wehr die edlen Eigenschaften seines Gemütes, oder die hervorragenden Fähigkeiten seines Geistes bewundern sollen. Gompertz fand einen aufrichtigen Verehrer seiner Theorie über das Sterbegesetz in Wilhelm Lazarus. Dieser jedoch, der den theoretischen Erwägungen Gom-- pertz' ungeteilten Beifall zollte, verschloß sich der Erkenntnis nicht, daß die von Makeham vorgenommene Abänderung der GoMpertzschen Hypothese eine ungleich größere UebereinstimMung mit den direkten Sterbebeobachtungen hervorbringt. Er versuchte es, durch weiterje Umgestaltung der Gonrpertzschen Formel sie für die Zweite der Technik der Lebensversicherung noch tauglicher zu gestalten, was ihm auch in der Tat gelang. Allein die Bedeutung Wilhelm Lazarus liegt durchaus nicht in der Ergänzung und Vervollständigung des Gompertzschen Sterbegesetzes. Unter hem Namen „Kollegium für Lebensversicherungswissenschaft" hälfe sich im Jahre 1868 in Berlin ein Verein von Gelehrten und hervorragenden Fachmännern gebildet, der sich die wissenschaftliche Förderung des Lebensversicherungswesens zum Ziele setzte. Pom Anbeginn ihres Entstehens hatte diese Körperschaft sich unter anderem auch die Aufgabe gestellt, die Sterblichkeit unter den versicherten Personen deutscher Lebensversicherungsgesellschaften zu erforschen. 23 deutsche Gesellschaften erklärten sich bereit, die erforderlichen Beobachtungsdaten zu liefern und für die Kosten der Arbeit aufzukoMMdn. Dieses Werk, das für die Aktuarwissenschast überhaupt und besonders für die Entwicklung der Versicherungs- Wissenschaft in Deutschland ein Ehrenblatt bildet, wurde in allen wesentlichen Stücken nach dem Arbeitspläne ausgeführt, den Wilhelm Lazarus geliefert hat. In Lazarus erblicken die Aktuare aller Länder den geistigen Vater des großen Werkes, und seinem Talente und seiner hohen Begabung verdanken es Wissenschaft und Praris, daß die von den deutschen Gesellschaften gegen Ende des verflossenen Jahrhunderts angestellten Untersuchungen über den Verlauf der Sterblichkeit rücksichtlich versicherter Personen einen wissenschaftlich weit größeren Wert besitzen, als es bei den einschlägigen Bestrebungen in anderen Ländern und bei den früheren Bestrebungen! in Deutschland selbst der Fall gewesen ist. Lazarus schätzte die Auszeichnung, die ihm von seinen Kollegen dadurch erwiesen worden ist, daß sie ihm die Ausarbeitung des Arbeitsplanes übertrugen, sehr hoch: jeden Angriff auf die Güte und Zuverlässigkeit der Tafel empfand er als eine Verletzung seiner Person. Doch nicht bloß auf das Sondergebiet der Lebens^ Versicherungstechnik beschränkte sich Lazarus, er griff oft über dieses ihm zu enge Gebiet hinaus und wandte sich einzelnen schwierigen Problemen der allgemeinen Mathematik zu. Vom Jahre 1877 bis zu feinem Tode (1890) fungierte er bei der wissenschaftlichen Zeitschrift „Fortschritte der Mathematik" als Madiger Neferent für das Gebiet der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der mathematischen Statistik. SMe Referate haben ihm im Kreise der übrigen Mitglieder differ Gelehrtenvereinigung, die alle Mathematiker vom Fach waren und die zumeist ihr ganzes Leben dem Gelehrtenberufe geweiht hätten, allseitige Anerkennung gebracht, ihm dem simplen Kaufmänn, dem kaufmännsschen Vertreter von Versicherungsgesellschaften. Wilhelm Lazarus war gleich Gompertz Autodidakt. Er war im Jahre 1825 in Hamburg geboren und trat nach Absolvierung einer Realschule tot Alter von 15 Jahren in das Geschäft des Vaters ein. IM Jahre 1842 ereignete sich in Hamburg die große Feuersbrunst, welche auch die Familie Lazarus schwer traf. Infolge des durch diese Katastrophe erlittenen Schadens war der Vater Lazarus gezwungen, fein Geschäft der Liquidation zuzuführen und der junge Wilhelm trat bei einem Verwandten, der die Vertretung' der Triester Versicherungsanstalt Assicurazioni Generali inne hatte, ins Geschäft ein. Den Anstoß zu seiner wissenschaftlichen Ausbildung bildete feine Teilnahme als Delegierter an dem Kongresse der Lebensversicherungsanstalten, der im Jahre 1851 in London im Anschlüsse an die damalige Erste internationale Weltausstellung abgehalten wurde. Hier im Kontakte Mit hervorragenden englischen Versicherungstechnikern reiste sein Entschluß, sich in das Studium der Lebensversicherungstschnik zu vertiefen. Er wandte sich an einen Lehrer der Hamburger Gewerbeschule, um von ihm Privatunterricht in her höheren Mathematik zu erhalten. Dieser Lehrer hatte wenig Zutrauen zu Lazarus ernsten Vorsätzen: um ihn recht bald von seinem Plane abzubringen, gab er ihm das Lehrbuch Cauchy's als Leitfaden zur Einführung in die Mathematik. Zum Studium dieses Werkes fehlten Lazarus die nötigen Vorkenntnisse: aber anstatt sich abschrecken zu lassen, widmete er-sich mit um so zäherer Ausdauer dem Studium der Mathematik, und in diesen Bestrebungen wurde er denn auch nachher von seinem' Lehrer aufrichtig .gefördert. Wie ernst und wie hingebungsvoll er das Studium der Mathematik betrieben hat, das er im Alter von 26 Jahren begonnen hat, dafür geben seine nachmaligen Schriften sprechenden .Beweis ab. Allein sie bezeugen auch die hohe Begabung Lazarus für die mathematischen Disziplinen. Wilhelm Lazarus war als Bürger und Familienvater gleich ausgezeichnet. Viele Ehrenstellen bekleidete er in seiner Vaterstadt Hamburg, und sein Familienleben w!ar ein mustergültiges. Mit liebreicher Teilnahme verfolgte er alle kleinen Vorfälle in der Familie und widmete sich der Erziehung seiner Kinder mit ganzer Hingebung. Ich komMe jetzt zum hervorragendsten der österreichischen Aktuare, Vitale Laudi. Dieser, der als Leiter des Lebensversicherungsgeschäft es der „Generali" mit Wilhelm Lazarus ständig amtliche Beziehungen hatte, trat bald in ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem deutschen Kollegen. Von der Zeit an jedoch, da ihnen beiden die Ausarbeitung der Rechnungsgrundlagen der Gesellschaft, der sie angehörten, übertragen worden ist, gestaltete sich das Freundschaftsband so innig und fest, daß Laudi an allen Veröffentlichungen des Lazarus den lebhaftesten Anteil nahm. Er selbst dagegen war, nachdem er ins reffe Maynesalter getreten war, nicht mehr dazu zu bewegen, irgend etwas von seinen geistigen Schöpfungen der Oeffentlichkeit zu übergeben. Still, fast heimlich, gab er sich seinen Forschungen hin, und nur ab und zu gestattete er einem seiner Intimen den Einblick in seine Manuskripte, die er Mit pedantischer Reinlichkeit und Sauberkeit niedergeschrieben hat. Ich genoß den Vorzug, Laudis Vertrauen zu besitzen, und nach seinem' Tode betrachtete ich es dem geschätzten Freunde gegenüber als meine Ehrenpflicht, wenigstens einen Teil seiner Schriften zur Veröffentlichung m bringen, der sich auf die seinerzeitige Tarfferstellung der „Generali" in Gemeinschaft mit Lazarus bezog. Ein bedeutender Rest blieb bisher noch unveröffentlicht. Viele geistreiche Lösungen von versicherüngstechnischen Problemen sind in seinem Nachlaß vorhanden, die der großen Allgemeinheit noch unbekannt sind. Vitale Laudi 'hälfe im Gegensätze zu Gompertz und Lazarus einen ordnungsmäßigen Schulunterricht genossen und einen regelrechten Studiengang zurückgelegt. Und doch war sein Lebensweg und insbesondere der Pfad, der ihn auf das Gebiet der Versicherüngstechnik geführt hat, ein eigenartiger.