Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 52 (27.12.1912)
- Date
- 1912-12-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 52 Dr. Bloch» Wochenschrift Seite 879 Die jüdische E-M ich österreichischen Herrenhaus. Anläßlich der Beratung über die Reform des bürgerlichen Gesetzbuches lich österreichischen Herrenhause fand eine große Debatte über die Zivilehen statt. Herrenhausmitglied Dr. v. Grabmayr trat für die Einführung der obligaten Zivilehe ein und führte unter anderem folgendes aus: „Was die Frage der Ehen zwischen Christen und Nichtchristen anbelangt, so wirkt das diesbezügliche Eheverbot im staatlichen Recht wie ein arger Anachronismus, wie ein erratischer Block, der aus der Eiszeit des Religionshaffes, der Judenverfolgungen, des Ghettos zurückblieb. An allen den tiefgehenden, für die eheliche Harmonie so gefährlichen Gegensätzen der Herkunft, Erziehung, Bildung, des Alters, des Charakters, der Lebensgewohnheiten geht der Staat achtlos vorüber und meldet sich erst dann mit seinem trennenden Worte, wenn von den Brautleuten ein Teil die Kirche am Sonntag besucht, der andere die Synagoge am Sabbat. Gegen die monströse Ehe einer Christin mit einem Papua erhebt das Gesetz keinen Einwand, wenn der Wilde nur gelaust ist. Wenn aber eine Christin eine tiefe Herzensneigung mit einem Juden verbindet, der mit ihr in demselben Hause auswächst, dieselben Schulen besucht, dieselben Kulturideen einsog, dann erklärt der Staat die Ehe zwischen diesen so gleichgearteten Leuten für unmöglich — „wegen Mangels des sitt- , lichen Vermögens!." Sagt man zu viel, wenn man ein staatliches Recht, das die Sittlichkeit auf solche Art hütet, antiquiert nennt?" HerrenhausMitglieb Dr. Lammasch sprach sich gegen die Zivilehe aus, ebenso gegen die Trennbarkeit der Ehen, und bemerkte hiezu: „Die Möglichkeit der Wiederoerheiratung geschiedener Gatten wird zweifellos zwei Konsequenzen haben: Daß Ehen leichtsinnig geschlossen werden, und die noch üblere Konsequenz, daß sie leichtsinniger getrennt werden. Es ist dies zu einem gewissen Grade richtig, datz bei den anderen Konfessionen nicht gerade üble Erfahrungen damit gemacht wurden, aber man mutz doch sehen, welche diese Konzessionen sind. Auch wenn man kein unbedingter und unbeschränkter Bewunderer des jüdischen Nationalcharakters ist, so mutz man doch zugeben, datz die jüdische Nationalität eine Tugend in hohem Matze besitzt, der sie einen großen Teil der Erfolge in der Welt verdankt, einen hochgradig entwickelten Familiensinn. Aus diesem Grunde ist für die jüdische Konfession die Trennbarkeit und das Recht, der Wiederverheiratung nicht so gefährlich. In einem Teile derjenigen Staaten dagegen, in welchem unter dem Einflüsse der protestantischen Auffassung die Trennung der Ehe und Wiederverheiratung gestattet ist, haben sich sehr bedenkliche Zustände bezüglich der Wiederoerheiratung herausgestellt. Jnsbe-. sondere in den höheren Schichten der Gesellschaft gibt es dort viele Personen, die drei- und viermal verheiratet gewesen sind, und es zeigen sich dort manchmal Verhältnisse, die an die Schilderungen Juvenals erinnern. Daher hat sich auch dort schon die Reaktion eingestellt. Wir werden es vielleicht erleben, datz aus Amerika, dem Lande der Freiheit, eine Renaissance des Pflichtgedankens nach dem alten Europa herüberkommt!" Aus der Rede von Professor Lammasch ist noch folgende Stelle hervorzuheben: »Wenn die Angehörigen anderer Konfessionen die Trennbarkeit und das Recht zur Wieder Verheiratung haben wollen, werden wir ihnen darin gewiß keine gesetzlichen Schwierigkeiten bereiten, wir wünschen aber, daß in der Frage, ob geschiedene katholische -Ehegatten sich wieder verheiraten, die Angehörigen anderer Konfessionen auch nicht eingreifen, (Lebhafter Beifall im Zentrum und rechts), wie das in der öffentlichen Diskussion, in der Presse und in gewissen Vereinen durch die Agitation von Angehörigen anderer Konfessionen geschieht.« Der Fasttag der Friedensfreunde. Die Juden haben zu allen Zeiten zu den überzeugtesten Friedensfreunden gehört und haben dieser ihrer Aeberzeugung je nach ihrer Stellung Ausdruck gegeben. Eine recht interessante Form d'er Friedenskundgebung haben die Chassidim von Lemberg gewählt. Äls in den Zeitungen die Nachricht erschienen war, datz die Friedensverhandlungen zwischen der Türkei und den Balkanstaaten am Freitag, den 13. in London eröffnet werden sollen, haben die Rabbiner sämtlicher chassidischer Bethäuser von Lemberg am Donnerstag beim Morgengottesdienste den Freitag als Fasttag proklamiert. Tatsächlich haben zahlreiche Juden in Lemberg an jenem Freitag gefastet und in den Bethäusern Spezialgebete um das Zustandekommen.des Friedens, von welchem auch die Ruhe in Europa abhängt, verrichtet. Bekanntlich haben jedoch die Friedensverhandlungen erst drei Tage später begonnen. Durch das Bibefftudium rum Judentum. Aus Newyork wird berichtet: In Boston fand dieser Tage der feierliche Uebertritt des Fräulein Dorothea Scott, eines Mitgliedes einer angesehenen englisch-amerikanischen Familie, zum Judentum statt. Die Neophitin ist eine hochgebildete Dame, die auch als Klaviervirtuosin in ganz Amerika einen außerordentlich guten Ruf genießt. Bei ihrem Uebertritte erklärte sie. daß sie sich in den. letzten Iahren mit dem Studium der hebräischen Bibel, sowie der altjüdischen Literatur und Geschichte intensiv befaßt habe, und das tiefe Eindringen m die hebräische Bibel, sowie der anderen Werke über das Judentum habe sie innerlich dem Iudentume näherge bracht und in ihr den Entschluß gerefft, zur jüdischen Religion überzutreten. Anteil der Anden an der Entwicklung der Uerftchernng. Vortrag von Dr. Julius Graf. (Schluß.) Am 29. Iuni 1820 überreichte Gompertz der Royal-Society seine Arbeit Aber eine analytische Methode zur Abschätzung des Wertes der Ueberlebenswahrscheinlichkeiten. Damit betrat er zum erstenmale das Gebiet der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der mathematischen Statistik. Eiye folgende Arbeit, die in der Form eines Briefes an Francis Baily abgefaßt ist, gelangte in her Sitzung vom 16. Iuni 1825 der Royal-Society zur Vorlesung. Diese Arbeit behandelte die Natur einer Funktion, die das Gesetz der menschlichen Sterblichkeit züm Ausdruck bringen sollte, und sie ist es. welche den Ruhm Gompertz für alle Zeiten begründet hat. Wie ich bereits früher erwähnt habe, äußerte sich Gompertz selbst über die von ihm aufgestellte mathematische Formel: Dieses Gesetz beruht auf physiologischen Grundlagen von sehr hoher Wahrscheinlichkeit und führt zu Schlüffen, die eine wahrhaft befriedigende Uehereinstimmung mit allen bisher beobachteten Tatsachen über den Verlauf des menschlichen Lebens zeigen. Die Gompertzsche Formel, die später von Makeham ergänzt und verbessert wurde,, ist noch heute unter dem Namen Gompertz-Makeham'sches Absterbegesetz in Verwendung. Wohl wird das Vorhandensein eines mathematischen Sterbegesetzes heute von einer großen Anzahl hervorragender Statistiker verneint: allein selbst jene, die der Eompertz-Makehamschen Formel ihren biologischen Charakter bestreiten, benützen sie auch jetzt noch oft genug zur Ebnung und zur Ausgleichung von direkten Sterbebeobachtungen. Das Privatleben Benjamin Gompertz' war ein in jeder Richtung Mustergültiges. Sowohl als Bürger wir als Familienvater und endlich als Mensch ragte er durch seine vornehme und edle Gesinnung hervor. Seine Herzensgüte war allbekannt. Niemals hat er sich bei der Ausübung von Wohltätigkeit den an ihn gestellten Anforderungen zu entziehen gesucht: im Gegenteile, fefce Hilfe bot er stets in einem Ausmaße, das seine Mittel weit überstieg. Doch wahrhafte Wohltätigkeit äußert sich nicht bloß im Almosengeben: so war es auch, bei Gompertz der Fall. In allen hervorragenden Wohltätigkeilsvereinen Londons war sein Name als Mitglied zu finden, in vielen von diesen arbeitete ec werktätig mit. Benjamin Gompertz vermählte sich frühzeitig, und Mar mit Fräulein Ab'gail Montefiore, einer Schwester des berühmten englischen Philanthropen Möses Montefiore: der Ehe entsproffen 3 Kinder - ein Sohn, der in jungen Iahren verstarb, und zwei Töchter. Gompertz war als Ehegatte wie als Vater herzlich und liebevoll.