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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-12-27 · 52 (27.12.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
52 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ft. BlochW Wachenßchrfft : :5 i Fleisch in Oesterreich eingeführt werden soll. Äls Handelsminister hat er vor den Agrariern auf der ganzen Linie die Waffen gestreckt. Nun sind diesem Mann mit den vielen Pensionen die städtischen Interessen von zwei Millionen Menschen anvertraut worden. Er hat nach dem unerhörten Gewaltstreich gegen die Opposition, während deren Erregung man heimlich über das Budget abstimmte, eine recht christlichsoziale Rede gehalten. Er hat alle möglichen Standpunkte eingenommen, hat allen alles versprochen. Aber man wird ja bald sehen, was er hält und was man von ihm zu hallen hat. vom Aabrmarkl des Lebens. Zum Prozeß Hilsner. Die amtliche „Wiener Zeitung" meldet, daß dem ersten Präsidenten des Obersten Gerichts- und KaffaLioushofes Doktor Ignaz Freiherr von Ruber taxfrei das Großkreuz des Leopold- Ordens verliehen wurde. Baron Ruber, der Nachfolger Dr. Steinbach's, steht seit dem 30. Juli 1907 an der Spitze des Obersten Gerichtshofes, nachdem er unter Gautsch und Thun Justizminister gewesen war. In der Zeit, als er an der Spitze der Justizverwaltung stand, erfolgte die Verurteilung Leopold Hilsners wegen doppelten Ritualmord. Die seither berühmt gewordenen Aeußerungen Ernst Schneiders im niederösterreichischeu Landtag haben den Namen des damaligen Justizministers Exzellenz Ruber mit dem Prozeß und der Verurteilung Hilsners für alle Zeiten unlöslich verknüpft. Jeder Historiker des an Seltsamkeiten so reichen Prozesses Hilsner wird das Walten des Justizministers Ruber zu schildern haben. * * * In der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 20. Dezember interpellieren die Abgeordneten Dr. Strauch er und Genossen, betreffend die Wiederaufnahme des Strafverfahrens gegen Leopold Hilsner. In der Interpellation wird auf die Gründe zur Wiederaufnahme des Strafverfahrens hingewiesen und ausgeführt: „Nicht religiöse Erwägungen oder die religiöse Gemeinschaft mit Leopold Hilsner find es, die die Veranlaffung zu der Interpellation geben, zumal Leopold Hilsner in der Strafanstalt zum Katholizismus übergetreten ist, sondern Rechts¬ und Gerechtigkeitsmotive. Gründe der Humanität." Die Behauptung, daß Leopold Hilsner in der Strafanstalt, die Taufe genommen, ist, wie wir bestimmt versichern, unwahr; es ist bedauerlich, daß Männer in verantwortlicher Stellung von der Parlamentstribüne ohne vorhergegangene genaue Erhebungen solchen Ausstreuungen Verbreitung verschaffen. Herr Dr. M. Mehrer, Bezirksrabbiner in Krems, israelitischer Seelsorger der Strafanstalt Stein hat auf unsere Anfrage mit den Worten geantwortet: „Die Nachricht ist vollständig aus der Lust gegriffen." Dir Rächte der Inden in Rumänien. Ein Konferenzproblem. Von einem Leser in Rumänien wird dem „Berliner Tageblatt" gFchrieben: Der gegenwärtige Augenblick, in dem eine so gründliche Revision der Berliner Kongretzakte bevorsteht, sollte nicht vorübergehen, ohne datz die Aufmerksamkeit des beratenden Europas auf den berühmten Artikel 44 des Berliner Vertrages gelenkt wird. Dieser setzte die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Rumänien fest. Aber bis heute ist die Bestimmung ein toter Buchstabe geblieben. Rumänien hat die übernommene Verpflichtung nicht eingehalten. Es ist ein unerttäglicher Zustand, datz in einem unbestreitbar zivilisierten Lande ein altangesessener, starker, fleißiger und nüchterner Teil der Bevölkerung kaum das Recht zum Leben hat und der Willkür eines jeden, auch des geringsten, Beamten ausgesetzt ist. Kein Wunder dann, wenn Iudenhetzen entstehen. Unterdrückungen, ungerechte Ausweisungen, Gesetze, die den Juden die' ErwerbsMöglichkeit, den Genutz ihres Eigentums aufs äußerste schmälern. Dies alles hat periodische Massenauswanderung eines. Volksteils zur Folge, der seit vielen Jahrhunderten auf derselben Scholle lebt, zum Gedeihen des Landes beiträgt und ihm den Bluttribut treu zahlt. Trotz wiederholter Proteste hat Rumänien nichts getan, um feine Verpflichtung zu erfüllen, und die Großmächte haben sich diesen Bruch des internationalen Vertrages , ruhig gefallen lassen. Die Juden haben keine Delegierten aus der Londoner BotschafterversamMlung und keine auf dem Kongretz, der ihr folgen soll. Ist dies der Diplomatie ein Hindernis, ein altes, schweres Unrecht gut zu machen? Man könnte Rumänien, dessen Ansprüche man gewiß mit großem Wohlwollen aufnehmen wird, auch an seine den Grobmächten gegenüber eingegangenen Verpflichtungen erinnern. Man sollte Rumänien fragen, warum entgegen dem Artikel 44 dort die Juden noch immer nicht in den Dörfern wohnen, nicht Rechtsanwälte, Apotheker, Offiziere, Beamte sein dürfen? Warum sich das ganze Leben des rumänischen Juden aus „nicht dürfen" zusammensetzt? Die rumänische Regierung würde einen großen Beweis von Loyalität gegenüber den Großmächten geben, wenn sie sich durch keine Winkelzüge der Aufwerfung dieser Frage widersetzte und in dem Augenblick, in dem es neue Rechte und neue Vorteile verlangt, die Ausführung alter Pflichten zusagt. Eine Agitationsräise zugunsten der rumänischen Juden. Aus Newyork wird uns geschrieben: Mr. Henry Green der Initiator jener erfolgreichen Campagne gegen die Erneuerung des Handelsvertrages zwischen Amerika und Rußland hat den Plan gefaßt, nunmehr auch die rumänische Jüdenfrage in der ganzen Welt ins Rollen zu bringen. Er hat sich in dieser Angelegenheit an die hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft in Amerika sowohl wie in Europa gewendet und von den meisten auch ZustimMungserklarungen zu seinem Plane erhalten. Selbst angesehene Kirchenfürsten haben ihm ihre Unterstützung. seiner Aktion zugesagt. Mr. Green wird demnächst Mit dem bekannten Philanthropen Nathan Sttautz eine Reise nach Palästina unternehmen und auf seinem Rückwege die Hauptstädte der europäischen Länder besuchen, und für die Befreiung der rumänischen Juden von dem Drucke der Ungesetzlichkeit in Versammlungen Propaganda Machen. Auf Grund der zahlreichen Zustimmungserklärungen hegt Mr. Green die Hoffnung, datz es ihM gelingen werde, das vielgelästerte europäische Gewissen endlich aufzurütteln und der rumänischen SchMach ein End>e zu bereiten. Mr. Green hat die Absicht, seine Agitationsreise über RoM, Budapest, Wien, Berlin, Paris und London zu nehmen. Die Londoner Juden über dir Friedenskonferenzen!. Sämtliche Londoner jüdische Blätter widmen der Friedenskonferenz besondere Artikel und ermähnen die Delegierten der verhandelnden Länder, bei den Friedensstipulationen auch her Juden zu gedenken, welche in allen kriegführenden Ländern ihren Opfermut und ihren Heldenmut für ihr Vaterland bekundet haben. Besonders wird darauf hingew-ijesen, daß auch die Botschafterreunion die Pflicht habe, bei diesem Anlasse festzustellen, datz sämtliche Balkanstaaten, was die Gleichberechtigung aller Konfessionen betrifft, die Verpflichtungen des Berliner Vertrages treu eingehalten haben und nur Rumänien allein sich über diese ausdrückliche Bestimmung des Berliner Vertrages hinweggefetzt habe. Es sei nun die Pflicht der Botschafter jener Großmächte, welche den Berliner Vertrag unterzeÄnet haben, nunmähr auch Rumänien zur Einhaltung der übernommenen Vertragsverpflichtung zu zwingen.

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