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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 51 Dr. Bkoch» Wochenschrift Seite 873 vor denen sich der Mensch in acht nehmen mutz. Eines Tages war aus Versehen ein Modenblatt zwischen die Bilder gekommen. Der Knabe erblickte also auf dem Blatt merkwürdige zweibeinige Tiere, die mit der Mutter etwas Ähnlichkeit hatten. Als der Schüler um Erklärung dieser Tiere bat, sagte der Vater kurz: ,j.Äch, das sind Klippelech." Jede weitere Erklärung hielt er für überflüssig. Der Junge wußte ja auch aus der Hagada des Talmuds und aus dem ganzen jüdischen Sagenschatz zur Genüge von der Schädlichkeit und Gefährlichkeit der Klippelech — Teufelchen, Dämon, böser Geist). Als nun aber doch nach Jahren die Zeit gekommen war, wo der dreizehnjährige Knabe zur Var-Mizwah geführt wurde, und dann der gottgeweihte angehende Jüngling sich die Welt ansehen durfte, da durchwanderte er mit dem Vater di,e Straßen der Stadt, deren Wunder ihm alle Bilder weit zu ühertreffen schienen. Voll größten Staunens und in Heller Begeisterung über all' das Schöne, was er gesehen, kam er zur Mutter nach Hause. Auf die Frage d,er Mutter, was ihm nun draußen am besten gefallen habe, antwortet er mit vor Freude strahlenden Blicken: „Die Klivpelech!" In dieser aus Ptock erzählten niedlichen Geschichte haben wir ein jüdisches Milieu und eine ganze jüdische Umrahmung. Und im ganzen Ghetto, wo überall diese Geschichte gern Erzählt wird, gilt sie für eine echt jüdische Erzählung. Nur schade, daß sie bereits im vierzehnten Jahrhundert in Giovanni Boccaccios Dekameron als in Italien geschehen berichtet wird und in Florenz lokalisiert ist.*) Da heißt Reb Süßkind noch Filippo Balducci, dem seine zärtlich geliebte Frau stirbt. Mit seinem Zweijährigen Knaben zieht er sich in eine Einsiedelei auf dem Berge Asinajo zurück, um den Knaben in aller .Frömmigkeit und heiliger Unschuld zu erziehen. Sie leben von dem' Geringen, was der Vater gelegentlich in Florenz von einigen Wohltätern erbettelt. Den achtzehnjährigen Sohn, der nur in Gottseligkeit und Unschuld aufgewachsen, nimmt der Vater nach Florenz mit, wo er sich über alles höchlichst verwundert und ununterrbrochen den Vater fragt, was di.es ist und Mas jenes wäre. Da begegneten ihnen eine Zahl junger geputzter Mädchen, die von einer Hochzeit kamen. „Was ist das!, was ist das, Vater?" ruft der Jüngling. — „Schlage dfe Argen nieder, mein Kind, das sind böse Geschöpfe." — „Wie heißen sie?" Da antwortete der Vater, der nicht durch einen nerven Ranken noch mehr die Neugier anregen wollte, es seien Gänse. Da bittet ihn der Sohn: „Ach, lieber Vater, nimm mir eine solche Gans mit!" Der Vater gebietet ihm Schweigen, das sei etwas Böses. Aber der Jüngling erwidert, das könne nichts Böses sein, er habe nie Lieberes und Holderes gesehen, und selbst die Engelsbilder erreichten sie nicht. Der Vater möge nur ein Gänschen mitnehmen, er wolle es auch sehr schön füttern. ,,Du weißt ja nicht, womit sie gefüttert werden," sagte der Vater, dem es heiß wurde, als er merkte, daß die Natur doch mehr Kraft habe, als feine Erziehung. Wir haben hier also bei Boccaccio bereits diese selbe in ihrem' jüdischen Milieu so passende Erzählung in einer völlig katholischen Umgebung, und es ist nicht gesagt, daß die Geschichte nicht auch viel älter als Boccaccio ist. Aber daß die Klippelech (Teufelchen) von Ptock erst an die Stelle der Gänse getreten sind, will auch daraus hervorgehen, daß in zwei in so weit entgegen-! gesetzten Gegenden liegenden Städten wie Hömel und Wfrballen nicht von den Klippelech, sondern von Gjänsen die Rede ist. In beiden Städten lautet die Antwort des jungen Mannes, der ein Heiliger werden *) Giov. Boccaccio: Dekameron. Vierter Tag. Einleitung soll, auf die Mitteilung des Vaters, es seien Gänse: „Oih, es gänsert mich!" Und von einem jungen Manne, der sich allzu sehr für die weibliche Jugend interessiert, sagt man in Home! wie in Wirballen: ,,Es gänsert ihn." Die jungen Gänse (papere) des Boccaccio sind auch viel älter als dieser und sind in einer andern Form aus Baarlam und Josaphat übernommen, einer uralten orientalischen Erzählung. Johannes von Damaskus hatte bereits im 8. Jahrhundert die Legende durch eine griechische Uebertragung dem Abendlande zugänglich gemacht. Vor Boccaccio war sie schon in den Cento Novelle antiche. Sie hat sich in die französische, spanische, italienische und nordische Dichtung ihren Weg gebahnt und ist als „genselm" (Gänselein) in die mittelhochdeutsche Poesie geflogen. Ueber diese Zusammenhänge an einem anderen Orte! In Wtoctawek in Polen hatte eine Frau einen naschhaften Sohn, und sie mußte vor dem Lobbus (Taugenichts) alles in acht nehmen. Trotzdem war manches noch immer nicht sicher genug. Einmal hatte sie zu Mittag ein Gänseklein gemacht, aber als sie die Jauch (Suppe) auf den Tisch brachte, fehlte ein Gänsefüßchen darin. Es war keine Frage, daß der Lobbus es genommen hatte. Sein Leugnen half ihm nichts, und er bekam seine gehörige Strafe. Besonders schwer wurde es ihm noch angerechnet, daß er zu behaupten wagte, daß die Gans wohl von Anfang an überhaupt nur einen Fuß gehabt habe. Als. er einige Tage später mit dem Vater spazieren ging, kamen sie an einen Bach, an dessen Ufer eine Reihe schöner Gänse auf einem Bein saßen und ruhten. „Da siehst du." rief der Lobbus aus, „Tate, siehst du. alle Gänse haben nur einen Fuß!" „Geh. du Narr," erwiderte der Vater streng, „werf a Stein, und du werft sehen, wie sie laufen mit zwei Fieß!" — „Aber. Tate," erwiderte frohlockend der Knabe, „warum hat die Mamme nischt a Stein in die Jauch geworfen, wären awadde (gewiß) äuch zwei Fieß geworden." So erzählt man in Wtoctawek. in Ptock ebenso wie in Ptonsk. Es ist eben eine jüdische Geschichte. Aber in der vierten Geschichte des sechsten Tages des Dekameron erzählt Boccaccio, daß Chichibio. der venezianische Koch eines vornehmen Florentiners, Currado Gianfigliazzi, einen Kranich zurecht machte, ihn aber dem Herrn und seiner Gesellschaft nur mit einer einzigen Keule vorsetzte, da er die andere seinem Liebchen zum Verspeisen gegeben hatte, die sehr begierig darauf ge!-, Wesen. Zur Rede gestellt, gibt er die Antwort: „Herr, die Kraniche haben nur eine Keule wie auch nur ein Bein!" Auf die weiteren Einwendungen des Herrn erwidert er: „Herr, ich will es Euch am lebendigen zeigen!" Am folgenden Tage nimmt ihn sich sein Herr vor und reitet mit ihm über Land zu einem Flusse, und richtig, da ruhen Hunderte von Kranichen, jeder auf einem Bein, wie sie das beim Schlafen machen. „Herr, seht," rief Chichibio schnell, „habe ich nicht recht, sie haben nur e i n Bein." Currado aber lief auf die Vögel zu und rief laut ha-ha-ha! Da ließen sie natürlich das andere Bein herunter, um fortzufliegen. „Was, Schurke," schrie nun ergrimmt der Herr, „haben sie nicht zwei, Beine?" - „Ja, Herr, hättet Ihr gestern auch den Kranich ha-ha-ha angeschrien. so hätte er auch das andere Bein herausgestreckt, wie diese. Aber das tatet Ihr nicht." Da mußte Currado so herzlich lachen, daß sein Zorn verflog und er ihm sagte: „Recht, Chichibio, das hätte ich tun müssen." Man sieht, daß auch diese polnische Judengeschichte älter ist, als die Mdisch-deutschen Gemeinden in Polen. Und wahrscheinlich ist sie auch älter, als der selige Giovanni Boccaccio. (Fortsetzung folgt.)

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