Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022033--21717-3046826
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 86« Dk. MvchS „Kinderspitäler für unsere arme» — körperlich gesunden Kinder. Zwei hochherzige Stiftungen eines reichen und eines zum mindesten vordem nicht für reich gehaltenen Wohltäters machten m diesem Jahre in unserer Gemeinde berechtigtes Aufsehen, und bald werden sich in unserer Metropole „Für das kranke Kind" Institute unserer Kultusgemeiude erheben, die durch ihr segensreiches Wirken die Namen der edlen Stifter der dankbaren Nachwelt erhalten werden. Aber auch für unsere armen, am Körper wohl gesunden Kinder, die aber durch mangelnde Beaufsichtigung und schlechte Lektüre einem sittlichen Siechtum leicht verfallen, wäre manches zu tun und da wäre zunächst die Einrichtung von Lesezimmern unter bewährter pädagogischer Leitung und die Herausgabe guter, in echt jüdischem Geist gehaltener Jugendschristen, die auch im ärmsten Hause nicht fehlen dürsten. Wer jetzt an einem schulfreien Tage oder in den Abendstunden unsere Wiener jüdische Gemeindebibliothek im II. Bezirk, Ferdinandsstraße 23 aufsucht, trifft dort eine große Schar lesedurstiger Schüler und auch Schülerinnen, denen seitens der Bibliothek« leitung beionderes Wohlwollen entgegengebracht wird und die mit Eifer aus den Bücherschätzen daselbst lesen und lernen. Schon ist der Raum des geräumigen Lesesaales zu klein und da wäre die Schaffung eines separaten Jugend-Lesezimmers schon derzeit ein Bedürfnis. In einem solchen könnten auch von Zeit zu Zeit Vorträge mit Skioptikonbildern und Jugendfeste stattfinden, wie solche unter der Aegyde des nimmermüden Freundes unserer Jugend, des Vorstehers Herrn Karl Freund, in der Toyubeehalle des 20. Bezirkes in mustergiltiger Weise abgehalten werden. Der Reihe nach waren solche Lesezimmer mit ausgewählten Juaeudschristen, welch letztere die Jugend auch entlehnen dürfte, nach und nach auch in den anderen Bezirken einzurichten und damit würde der so verderblichen, das jugendliche Gemüt zersetzenden Schundliteratur der stärkste Damm entgegengesetzt werden. Sehr gut bewähren sich schon jetzt in einigen Bibelschulen die dort eingerichteten Jugendbiblwkheken und ist nach solchen, in der Großstadt insbesonders, ein dringendes Bedürfnis. Dazu wären die Geldmittel herbeizuschaffen, aber auch zur Herausgabe billiger, wirklich guter und das jüdische Gefühl erweckender. schön ausgestatteter und illustrierter Jugendschristen. Schon hat sich eine unserer bedeutendsten Schriftstellerinnen in den Dienst der guten Sache gestellt und eine schöne Jugendschrift aus ihrer Feder liegt im Manuskript vor uns, auch bewährte Pädagogen und Schriftsteller haben Arbeiten, teils fertig, teils in petto, Besprechungen haben schon stattgefunden, und wenn ausgiebig materielle Hilfe kommt, kann Schönes, Gutes und Nützliches für unsere Kinder geschaffen werden. Wer da mithilft, geistig und materiell beiträgt, kommt den Intentionen unseres erhabenen Monarchen nach, der die Initiative zu edlem Wirken gab: „Für's Kind!« Wien. Moritz Antscherl. Ein jüdischer Bauer. Prag, 16. Dezember 1912. Die »Nage Hlasyc in Böhm.-Brod, eines der angesehensten und ältesten tschechischen Provinzblätter, bringen in der 80. Nummer ihres 33. Jahrganges vom 14. Dezember 1912 folgenden, s hr intereffanten Bericht aus der Ortschaft Kounic, der bekannten Zentrale der Fürst Liechtensteinschen Domänen. Am 2. Dezember starb hier nach langem und schmerzlichen Leiden Herr Siegmuud Taussig, der hier geboren, seit seinem 18. Lebensjahre, also üder 50 Jahre, seine Bauernwirtschaft selbst bestellt hatte. Nur Wenige von uns dürften sich an ein solches jüdisches Leichenbegängnis erinnern können. Von weither kamen nicht nur Juden, sondern auch sehr zahlreiche christliche Bauern und eine große Anzahl Handel- und Gewerbetreibender herbei und viele landwirtschaftliche Arbeiter gaben dem Dahingeschiedenen das letzte Geleite. Sechs Nachbarn, hiesige Kleinbauern, trugen seinen Sarg bis zur Böhm.-B roder Straße. Die Familie des Herrn Klusavek, Eigentümer des Malzbräu, schmückte den einfachen Sarg mit einem schönen Kranze zum letzten Abschtedsgruße. Diese letzte Ehrenbezeugung der guten und gefühlvollen Nachbarn übte sichtlich auf jeden Teilnehmer des Trauerzuges dm nachhaltigsten Eindruck. Es war ein ungeheuchelter, tief ergreifender Ausdruck seltener Heizlichkeit. Und der verstorbene Herr Siegmuud Taussig hatte solche gewiß verdient. Er war ein jüdischer Bauer in des Wortes bester Bedeutung, ein fleißiger, unermüdlicher Ardeitsmcnsch, ein ausgezeichneter Landwirt und ein friedliebender, nachsichtsvoller und verträglicher Nachbar. Er hing mit Leib und Seele an seiner Scholle, er kannte nur eine Leidenschaft: Die Hingebung seines Bauerngutes und das Wohl seiner Familie. Noch während seiner schweren und qualvollen Krankheit, die ihn zu schmerzlicher Untätigkeit zwang, freute er sich ungeheuer darüber, daß seine Pächter eine gute Ernte haben. So wie er selbst im Unglücke standhaft blieb und niemals das gläubige Vertrauen an eine bessere Zukunft aufgab, ebenso half und tröstete er die Leidenden und Verzweifelnden mit Rat und mit tätiger Hilfe, bescheiden und rücksichtsvoll, durch heimliche Unterstützung, ohne erst die Aufforderung hiezu abzuwarten. Auch seinem Hausgesinde war er stets ein menschlich mitfühlender Berater und viele seiner Arbeiter erzog Wochenschrift Nr. 51 er zu gesuchten landwirtschaftlichen Hilfskräften, viele, ehemalige Arbeiterinnen und Mägde seines Anwesens gründeten sich ihren eigenen Herd als Frauen von Arbeitern, Handwerkern und Kleinbauern, nachdem sie bei Taussig einen musterhaften, sparsamen Haushalt erlernt hatten. Der alte Herr Tauffig war das typische Muster eines böhmischen Bauern-Jude« bescheiden und ehrenhaft, ein ernster Verwalter seines Anwesens, ein scharfblickender Kenner von Menschen und Verhältnissen, ein stiller, sparsamer Allsasse seiner Geburtsstätte, die er mit der wahren Liebe des Ackerbauers zur Erdscholle so sehr liebte, daß er sich niemals von seinem Koun'cer heimatlichen Boden trennen konnte, selbst dann nicht, als man ihm die verlockendsten Aussichten viel größeren Erwerbes anderwärts bot. Im Grersenalter, schon nahe an 70 Jahren, trug er keine Bedenken, immer mannhaft seine früheren Fehler zu gestehen und solche einbekannte Fehler auch möglichst wieder zu verbessern und seine zahlreichen Freunde und Nachbarn, die sich bei ihm Rat holten, vor ähnlichen Fehlern zu warnen. Dem biederen und verdienstvollen jüdischen Nachbarn Tauffig werden gewiß alle, die ihn kannten, stets ein treues Andenken bewahren. Er ruhe sanft und in Frieden tu der Erde, die er tatsächlich mit seinem ganzen Wesen so anhänglich geliebt und so unermüdlich bebaut hatte". Dieser seltene und wohlverdiente Nachruf gereicht sicher beiden Teilen zu gleicher Ehre. Die freundnachbarliche Würdigung der alten jüdischen Familientugenden, welche den böhmischen Juden als Landwirt so vorteilhaft auszeichnen, ist ein Beweis für das gesunde, rein menschliche Fühlen und für die objektive Gerechtigkeit des böhmischen Landoo kes überall dort, wo es nicht gew sftnlos verhetzt wird.. Der freisinnige Herausgeber der »Nase Llasy« verdient unsere vollste Anerkennung für seine ehrliche Ar fklärungSaibeit, der wir unter Anderem die energischeste Bekämpfung der niederträchtigen »Rtualmord"-Verleumdung in der nahen Prager Sommerfrische RedoZovic im Jahre 1901 verdanken. Damals trugen die streng objektiven Berichte der »Nase Hlusy« wesentlich zur Ausforschung des Täters des Lustmordes bei, als welcher bekanntlich ein perverser Knabe dingfest gemacht wurde. Dadurch wurde die judenfeindliche H-tze der nationalsozialen Demagogie rechtzeitig entwaffnet. Herrn Redakteur Josef Miskovsky, der als einer der tüchtigsten tschechischen Publizisten gilt und in den slavischen Journalisten-Vereinen und in den tschecho-ilovischen „Sokol"-Organisationen hervorragende Ehrensteüen bekleidet, gebührt auch das Verdienst, den beliebten jüdischen Genrebilder-Erzähler Bojta Rakous (Albert Oesterreicher) entdeckt und in seinem »Nase Hlasy« zuerst in die tschechische Oeffentlichkeit eingeführt zu haben. Als fleißiger Forscher in der Lokal-Geschichte des Bezirkes Böhmisch-Brod holte Redakteur Miskovsky viele historische Daten über die Juden aus den F ürst Lie chten st e in'sch en Archiven und stellte dieses wertvolle Material ganz uneigennützig und bereitwilligst unseren jüdischen Quell-nsammlungen zur Verfügung. Es wäre ein Glück für das böhmische Vo k und für die Juden Böhmens, wenn hier lauter so aufgeklärte Publizisten ehrlich und im Bewußtsein ihrer hohen Pflichten wirkten. „NeuPal ästinens er ". Peinliches Aufsehen erregt die Mitteilung in Nr. 9 der Zeitschrift „Hapoel Hazair" in Jaffa, mit folgendem, gewiß befremdlichen Inhalt: „Ein Repräsentant der Filiale der jüdischen Nationalbank in Jaffa hat nunmehr auch seine Familie hierher nach Jaffa gebracht. Die jüdischen Unterrichtsanstalten Jaffas werden bekanntlich sehr gerühmt. Der Beanite des jüdischnationalen Institutes hat aber alle seine Kinder in nicht-jüdischen Um t e r r i ch t sa n st a l t e n u n t e r g e b r a ch t. Bei dieser Gelegenheit erfährt nian, daß ein anderer. Funktionär dieses jüdischen Bankinstitutes seinen einzigen Sohn ch r i stbich erziehen läßt, bei den — Jesuiten. Die. Mitteilung, wir wiederholen, steht gedruckt in der Zeitschrift „Hapoel Hazair", die selber in Jaffa erscheint, der Bericht stammt aus der Feder des Herrn Adler, welcher an der Mädchenschule in Jaffa als Lehrer angestellt ist. Jaffa hat drei jüdische Lindergärten, drei jüdische Lnäbeuschulen, eine Mädchenschule und ein hebräisches Gymnasium,- der Repräsentant und Funktionär der jüdischen Nationalbank entsendet seine Linder in nichtjüdische Schulen oder läßt sie durch Jesuiten erziehen. Der Grundbesitz in Galizien. Der größte Grundbesitzer in Galizien ist Baron Liebich mit 66.746 Hektar. Dann kommt Graf Romian Pototsky in Landshut mit 50.000 Hektar:. Erz?- Herzog Kurl Stefan in Saybusch mit 44.000 Hektar: Wilhelm Schmidt mit 33.500 Hektar; Baron Popper mit 33.400 Hektar. Von galizischem Großgrundbesitz gehören 2,083.900 Hektar christlichen Eigentümern und 301.700 Hektar, jüdischen. Von den Gutsbesitzern in Galizien sind 2472 Christen und 532 Juden. Seit dein Jahre 1889 hat sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.