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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 864 Nr. 61 Dr. Blochs WochenMkfft von dem Breslauer Gelehrten Caspar Neumann zur Verfügung gestellt worden waren. 9teumann war Geistlicher und Naturforscher zugleich, und er hat aus religiösen Gesinnungen den Gedanken verfolgt, Beobachtungen über die alljährlich sich ereignenden Geburten und Todesfälle in seiner Vaterstadt anzustellen. Sein Ziel war es, durch diese Beobachtungen „schöne Anmerkungen göttlicher Providenz" — wie er sich selbst ausdrückte — über das menschliche Leben und Sterben zu gewinnen und auf solche Art vielerlei Aberglauben aus der Erfahrung heraus zu widerlegen. Um das 17. Jahrhundert herrschte nämlich in Deutschland — und wohl auch anderwärts — der krasseste Aberglaube über Leben und Sterben, und die Vorstellung von Wirkung der sogenannten Stufenjahre war allgemein verbreitet. Jedes 7. Jahr — so sagte der Volksglaube — bedeute eine Stufe oder Klippe, an welcher das Leben einer groben Anzahl von Personen zu scheitern drohe. Die Arbeiten Reumanns gelangten vermutlich durch Vermittelung des berühmten Mathematikers und Philosophen Leibnitz an die Royal Society in London, und diese Pflegestätte aller Wissenschaft übergab sie ihrem Mitglieds Edmund Halley, der aus diesem Beobachtungsmateriale die erste Sterbetafel obleitete. Auffallend mag es uns heute erscheinen, daß die Halleysche Forschung in England selbst durch mehrere Jahrzehnte unbeachtet geblieben ist. Dagegen hat zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Sterblichkeitsforschung in Holland sehr beachtenswerte Fortschritte gemacht. Der Holländer Kerseboom hat Untersuchungen über die Sterblichkeitsverhältnisse unter den Mitgliedern der holländischen und westfriesischen Rentenanstalten veröffentlicht: in gleicher Weise haben die Holländer Johann .de Witt und Nikolaus Struyk sich eingehend mit Untersuchungen über Leibrenten befaßt. Nikolaus Struyk gab ein Werk heraus, in welchem der - ziffernmäßige. Nachweis über den verschiedenen Verlauf der Sterblichkeit unter Männern und unter Frauen erbracht wird. In der Mortalitätsforschung tritt in der Mitte des 18. Jahrhunderts auch in Deutschland und in Frankreich eine lebhafte wissenschaftliche Tätigkeit hiervor, und zwei Namen sind es, die mit dieser Forschung eng verknüpft sind: Johann Peter Süßmilch in Deutschland und Antoine DeparcieuX in .Frankreich. Praktische Veudeutung gewinnen die Fortschritte in der Sterblichkeitsforschung jedoch erst, als im Jahre 1761 an die Gründung der ersten Lebensversicherungsgesellschaft geschritten wird, die auf wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut ist. Unter dem Namen „Equitable Society for the Life and Survivorship" sollte in London ein Unternehmen gegründet werden, dessen Hauptziel es war. eine bis dahin nicht geübte Methode der Prämienbemessung einzuführen. Der Engländer Thomas Simpson brachte nämlich die in Vergessenheit geratene Sterbetafel Halleys wieder zu Ehren und hielt in London öffentliche Vorlesungen über die Möglichkeit, eine Prämientabelle zu konstruieren, bei welcher die Prämien im Verhältnisse zu der mit dem Lebensalter der Versicherten stufenweise zunehmenden Sterbenswahrscheinlichkeil steigen. Auf dieser Grundlage wollten die Gründer der „Equitable Society" das Lebensversicherungsgeschäft betreiben. Allein die englische Regierung weigerte sich — wohl auf Anstiften der bereits bestehenden Lebensversicherungsanstalten, die ihre Prämien bloß empirisch ohne Rücksicht auf das Eintrittsaller der Versicherten bestimmten — dem neugeplanten Unternehmen den königlichen Freibrief auszufertigen. So entstand tm1 Jahre 1765 die vorerwähnte Gesellschaft nach vierjährigem nutzlosen Versuche, sich als Aktiengesellschaft zu konstituieren, als Gegenseitigkeitsunternehmen: bei dieser Gesellschaftsform nämlich war der Besitz eines königlichen Freibriefes nicht nötig. Die Zwischenzeit zwischen der Einreichung ihrer ersten Eingabe an die Regierung (1761) und der Konstituierung des Unternehmens (1765) benützten die Gründer der „Equitable Society" zur Vornahme technischer Verbesserungen. Man hatte eine neue Prämientabelle ausgearbeitet, die viel niedrigere Prämien enthielt, als die von den älteren Lebensversicherungsgesellschaften bis dahin geforderten. Frauen unter dem 50. Lebensjahre und Männer in gefahrvollen Berufen mußten jedoch höhere Prämien bezahlen. Das Geschäft der „Equitable Society" ging raschen und sicheren Schrittes vorwärts. In der geschäftlichen Verwertung der wissenschaftlichen Errungenschaften auf dem Gebiete der Mortalitätsstatistik leistete ihr der englische Theologe Dr. Richard Price wertvolle Dienste. Er setzte sie in den Stand, für ihr in England betriebenes Geschäft eine aus englischem Beobachtungsmateriale konstruierte Sterbetafel in Anwendung zu bringen, und er benützte zu diesem Zwecke die Northamptonsche Statistik aus dem Jahre 1775—1780. Diese unter dem Namen Northamptonsche Tafel bekannt gewordene Sterbeliste des Dr. Price fand bald in England weitverbreitete Anwendung und sie bewährte sich im Praktischen Geschäftsbetriebe außerordentlich gut. Die „Equitable Society" konnte bei Benützung der Northamptonschen Tafel ihre anfänglich schon niedrigeren Prämiensätze noch weiter herabmindern, und es zeigte sich bald, daß die Gesellschaft auch bei diesen niedrigeren Prämiensätzen recht namhafte Gewinne zu erzielen imstande wqr. Die günstigen Resultate der „Equitable Society" gaben den Ansporn zu neuen Gründungen iä England, und da auch die neu erstandenen Gesellschaften beinahs alle kurze.Zeit nach deM Beginne ihrer Tätigkeit recht namhafte Gewinne erzielten, wuchs die Lust zur Gründung von Lebensversicherungsgesellschaften, so sehr,/ daß die,Anzahl der in England bestehenden Lebensversicherungs- Unternehmungen sich im Jahre 1830 auf 35 Gesellschaften belief. Aber nicht in gleichem Maße, wie die Anzahl der Lebensversicherungsunternehmungen, stieg die Zahl der bedeutenden Versicherungstechniker, die damals schon den Titel „Aktuar,e" erhielten. Der Titel Aktuar wird noch heute in England als besondere Auszeichnung betrachtet, und er bricht sich auch allerwärts, sowohl auf dem europäischen Kontinente wie außerhalb Europas, Bahn. Nach dem schon erwähnten Dr. Richard Price beschäftigte sich noch Milne mit Untersuchungen über die Bevölkerungssterblichkeiten, und dieser Gelehrte benützte die Totenregister der in Schottland gelegenen Stadt Carlisle, die besonders genau und gewissenhaft gehalten waren. Die von Milne abgeleiteten Beobachtungszählen erfreuten sich sowohl in England selbst, wie später auf deM Kontinente einer allgemeinen Verwendung, und man benützte sie als die sogenannte Carlislesche Sterbetafel für die Zwecke der Äebensversicherungstechnik. Außer der Verwerfung der in den Totenregistern enthaltenen Beobachtungszahlen wurden am Beginne des 19. Jahrhunderts von seiten einzelner Aktuare Versuche unternommen, die Erfahrungen der englischen Lebensversicherungsgesellschaften selbst zum Zwecke der Ableitung von Sterbetafeln zu benützen. IM Grunde genommen handelte es sich bei fast allen diesen Versuchen Mehr oder weniger uM das BeobachtungsMateriale der „Equitable Society", welche Gesellschaft von vorneherein auf wissenschaftlicher Grundlage basierte und deshalb auch seit ihrer Gründung das eigene BeobachtungsMaterial in einer Welse führte, daß über den Verlauf der Sterblichkeit unter ihren Verssicherten zuverlässige Schlüsse gezogen werden konnten. Diejenigen Aktuare aber, die nicht das Beobachtungsmäteriale der „Equitable Society" zur Verfügung hatten,

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