Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 51 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 51 Dr. Vlochs Wochenschrift Seite^,863 Schrecken geraten. Kühn erklären sie das religiöse Schisma im Judentum, lösen das letzte gemeinschaftliche Band und sprechen von einer „neuen Sekte, die sich gebildet hat". Die tatsächliche Spaltung der deutschen Judenheit mutz aber zu ihrer religiös-politischen Entrechtung führen. Welche Partei soll der Staat künftig als die ebenbürtige, gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anerkennen? Werden judenfeindliche Elemente in diesem Schisma nicht den besten Vorwand haben, die Anerkennung der staatsrechtlichen Gleichberechtigung der jüdischen Religion mit der christlichen zu verweigern, wenn es zwei und mehr offizielle jüdische religiöse Gemeinschaften oder Sekten gibt? Schon jetzt sucht der Feind aus diesem Hader Kapital zu schlagen, verrät ein Schlaumeier von Antisemit, datz man fortan in Prozessen wegen Beschimpfung der jüdischen Religion geltend Mächen werde, datz es eine offizielle jüdische Religion nicht gäbe, da die Rabbiner der größten Gemeinden Deutschlands von ihren eigenen Kollegen als solche nicht anerkannt würden. Der Streit der Parteien hat uns einst im Altertum die staatspolitische Selbständigkeit und Freiheit gekostet. Heute mützten wir damit rechnen, die mühsam errungene religiös-politische Selbstständigkeit wieder zu verlieren. Vor der Spaltung kann darum nicht genug gewarnt werden. Das Erscheinen der „Richtlinien", die Festlegung des modernen Judentums auf einen „liberalen Schulchan Aruch" war an sich zweifellos ein großer Fehler. Das Wesen des Liberalismus besteht in der Freiheit der Ueberzeugung, nicht in seiner Bindung durch „Richtlinien". In allen Konfessionen bedeutet Liberalismus, die religiöse Ueberzeugung dem religiösen Empfinden des einzelnen überlassen und nicht in eine Schablone zwängen. Andererseits mutz man auch zugeben, datz die „Richtlinien" mit ihren umstürzlerifchen Tendenzen, die sich mit allen uralten Ueberlieferungen in Widerspruch setzen, eher ein radikales, denn ein liberales Programtn bilden. Der religiöse Radikalismus des Einzelnen geht die Gesamtheit nichts an. Wenn aber dieser Radikalismus als Gemeinschaftsprogramm der Gesamtheit gegenüber als bindende Richtlinien proklamiert wird, ist das wohl geeignet, Verwirrung und Spaltung hervorzurufen. Die liberalen Rabbiner waren in ihren Orgelsynagogen mit Damenchor und deutschen Gebeten unangefochten: wozu eine öffentliche Proklamation, die schon durch das, was sie weise verschwieg, den Konservativen den Anlatz gab, die Frage anzuregen: Sind die Unterzeichner der „Richtlinien" eigentlich noch Rabbiner im überlieferten Sinne? Kann jemand, her auf konservativem Boden steht, sich von ihnen noch eine religiöse Entscheidung holen? War das Erscheinen der „Richtlinien" eine Notwendigkeit? Demjenigen, der sich, sei es aus Zwang oder nach innerer Ueberzeugung, über biblische und talmudische Religionsgesetze hinwegsetzt, braucht nicht noch gesagt zu werden: Tue das ruhig so weiter, es ist keine Sünde. Diese Gattung unserer Glaubensgenossen verlangt im allgenreinen gar nicht nach „rabbinischer" Erlaubnis. So sehr jede religiöse Ueberzeugung zu achten ist, so sehr wir jede religiöse Unduldsamkeit verachten und bekämpfen, so sehr wir es tadeln Müssen, wenn man in frömmelnder Ueberhebung dem anderen ohne weiteres sein Judentum abspricht, so sehr ist ,es umgekehrt auch unangebracht, die Uebertretung dessen, was Millionen unserer Glaubensgenossen nach Ueberzeugung und Ueberlieferung heilig ist, im Namen der Religion und seitens der Vertreter der Religion öffentlich gutzuheitzen. Diese P r oklamierüng des Rechts auf Uebertretung unseres Religionsgesetzes hat nun dazu geführt, datz man den Unterzeichnern das Recht bestreitet, sich Rabbiner zu nennen: und datz vor breiter Oeffentlichkeit die Frage an sie gerichtet worden ist. nämlich: Worin unterscheidet sich das liberale Richtlinien-Judentum von dem modernen liberalen Christentum? Aber auch dann noch, wenn man blindlings diese Richtlinien für eine religiöse Tat erachtet und sich, auf ihren Standpunkt stellt, bleibt die Frage offen: War ihr Erscheinen in diesem Moment eine Notwendigkeit, ist sie dem Gesamtjudentum nützlich? Wenn man einen Preis auf die Lösung der Frage gesetzt hätte: „Wie fördert man am besten die Bestrebungen der separatistischer Orthodorie?" er müßte den Autoren der „Richtlinren" ohne weiteres zuerkannt werden. Just im Moment, da die süddeutsche Hyperorthodorie die verzweifeltsten Anstrengungen macht, die staatliche Anerkennung der „zwei jüdischen Konfessionen" in allen deutschen Bundesstaaten herbeizuführen, wo ihre Agitatoren überall in den Gemeinden Propaganda für ihre Bestrebungen zur Zweiteilung des Judentums machen, mutzten die Autoren der Richtlinien mit Diesem ihren liberalen Schulchan Aruch ihnen neuen, wirksamen Agitationsstoff liefern. Auch derjenige, der auf dem Boden des radikalen Richtlinienprogramms steht, mutz sein Erscheinen in diesem Augenblick als die denkbar größte Unklugheit erklären. Wenn man die Erklärung, die Herr Dr. Seligmann - Franffurt a. M. im Namen des Vorstandes der „Vereinigung liberaler Rabbiner Deutschlands" veröffentlicht hat. näher betrachtet, kann man sich dem Eindruck nicht verschließen, als ob den Verfassern, bezw. den Unterzeichnern der „Richtlinien" ein Verständnis für das Verfehlte ihres Beginnens bereits ausgegangen sei. Man mutz die Worte Seligmanns: „Wir sind darum bereit, in allen Punkten, aus denen ein Schisma erwachsen könnte, insbesondere in eherechtlichen Fragen, eine Verständigung mit der konservativen Richtung herbeizuführen," dahin auffassen. Dann aber wäre es im Interesse der jüdischen Gesamtheit, datz die Herren aus der neuen Ueberzeugung, welche sich ihnen inzwischen aufgedrängt hat, die Konsequenzen ziehen und die „Richtlinien" durch eine gemeinsame öffentliche Erklärung zurücknehmen. Dieses Opfer der Selbstüberwindung müssen sie bringen der Einheit des deutschen Judentums, die doch ein höheres Gut ist, als Interessen einzelner Parteifanatiker. Auch die .Männer, welche die „Richtlinien" unterschrieben haben, sind treue Söhne des Judentums und als solche sollten sie alles aufbieten, um eine Zerklüftung und Spaltung zu vermeiden. In unserer schicksalsschweren Zeit wäre eine Spaltung innerhalb des Judentums ein böses Verhängnis. Anteil der Inden an der Entwicklung der Uerstchernng. Vortrag von Dr. Julius Graf. (Fortsetzung.) Das Problem der Herstellung einer für die Zwecke der Lebensversicherung brauchbaren Sterbetafel erfordert es, datz die Sterbebeobachtungen an einer großen Gruppe von Personen auf einen engen Zeitraum zusammengedrängt werden und datz aus den in diesem kurzen Zeiträume gemachten Beobachtungen der Sterbeverlauf einer ganzen Generation ersehen werden könne. Der erste, der auf solchem Wege das Problem der Herstellung einer Sterbetafel zu lösen versuchte, war der berühmte englische Astronom Edmund Halley. Er benützte die Toten- und Geburtslisten der Stadt Breslau aus dem fünfjährigen Zeitraum von 1687 -1691, die ihm