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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 862 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 51 zu ihren Gunmen zu unternehmen. Wenn bei dieser Gelegenheit die ganze rumänische Judenfrage aufgerollt wird und zu einer günstigen Lösung gelangt, um so besser. Jedenfalls aber muh darauf hingewiesen werden, daß viele Tausende bisher bulgarische gleichberechtigte Bürger nicht in rumänischer Fasson zu mißhandelten Sklaven gemacht werden dürfen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Gegner der rumänischen Ansprüche dieses Argument aufgreifen und hartnäckig verteidigen werden. Wenn gerade dieser Punkt der Politik der Bukarester Regierung eine Niederlage zufügt, so wäre das eine historische Genugtuung als Rache für die Bedrückung der Juden. Vielleicht aber ist doch eine Möglichkeit vorhanden, daß Rumänien zur Besinnung kommt, das sich gerne das Frankreich des Ostens nennen hört, aber seine Barbarei nicht revidieren will. Zeit wäre es wohl, diese kluge Wendung zu Gunsten der Juden zu machen. Denn gerade beim Balkankrieg hat Rumänien gesehen, was der Patriotismus stolzer Staatsbürger zu leisten vermag. Der Religionszwist i« der deutsche« Audeuheit. (Der Streit um die „Richtlinien des liberalen Judentums.") In Saloniki wagen die Juden nicht die Wohnung zu verlassen, in Galizien werden sie wirtschaftlich erdrosselt; in Rumänien ist die große Masse der jüdischen Kleinhändler dem Hungertode preisgegeben, in Warschau wütet gegen sie ein grausamer Boykott der Polen, in hen Gouvernements Jekaterinoslaw, Podolien und Wolhynien werden Massenausweisungen von Juden aus den Dörfern vorgenommen, nach Zehntausenden aus ihren Wohnstätten vertrieben — und in dieser Zeit ist innerhalb einer Jntelligenzschicht der deutschen Juden ein flammender innerer Streit emporgelodert wegen — der „Richtlinien" für das liberale Judentum". Ausgerechnet unsere sorgenvolle Zeit wird als geeignet erachtet, den alten Zwiespalt zwischen liberale und konservativem Judentum wiederum einmal gründlich auszutragen.! „Man kann wohl sagen, daß es seit dem Streite um den Hamburger Tempelverband, welcher die neuzeitliche jüdische Reformbewegung einleitete, keine so stürmische Erregung, keine so heftige Fehde innerhalb des Judentums gegeben hat, wie den jetzigen Hader, der durch die Proklamierung der liberalen „Richtlinien" entfesselt worden ist. Was man bisher als Streit der Theologen ansehen konnte, in den man sich nicht zu mischen brauchte, hat inzwischen Dimensionen angenommen, die wohl jeden einzelnen deutschen Juden, wie ihre gemeindlichen Verbände in die Notwendigkeit versetzen, dazu Stellung zu nehmen. Denn es sind nicht mehr unliebsame Zwistigkeiten, die sich im Innern unserer Religionsgemeinschaft abspielen, sondern das Judentum als Ganzes ist in Gefahr." So zeichnet ein jüdisches Blatt den Zwist, der jetzt in der deutschen Judenheit tobt. So lange es lediglich ein Streit der Theologen war, hat die „Oesterreichische Wochenschrift" von dem Zank weiter keine Notiz genommen. Nun aber erlangt der Zwist Dimensionen, daß der ehrliche Chronist die Vorgänge notieren muß. Wie brach diese Gefahr so plötzlich herein? Die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" hat ihren Anhängern, die sich als Juden bekennen, aber nicht mehr nach allen Gesetzen der Tradition sich richten, neue „Richtlinien" an die Hand gegeben, um ihnen, wie unter anders ausgeführt worden ist, durch die neue Abgrenzung das Gefühl zu nehmen, als stünden sie nicht mehr innerhalb des Judentums. Gegen diese neue Vermessung des jüdisch-religiösen Gebietes haben sich nun die geistlichen Führer der religiösen Parteien der Gegenwart in teilweise seht scharfen Erklärungen gewandt. So hat der Vorstand des Verbandes orthodoxer Rabbiner, unter Führung der Herren Lahn-Fulda und Breuer-Frankfurt a. M., erklärt, daß er das liberale Judentum als Judentum nicht mehr anerkennen könne. Das konservative und liberale Judentum sind nicht mehr nur zwei Richtungen, sondern „zwei ReligionssysteMe, die jeder prinzipiellen Gemeinsamkeit entbehren". Das würde bedeuten das Schisma, die völlige Trennung der beiden Hauptparteien des Judentums, die Spaltung in zwei verschiedene Bekenntnisse, wie sie im Christentum Katholizismus und Protestantismus bilden. Nur wenig milder klingt die Erklärung des Vorstandes der Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner, an deren Spitze Männer wie die Rabbiner Feilchenfeld - Posen, Spitzer - Hamburg, Auerbach - Halberstadt stehen. Sie verdammen allerdings nicht das ganze liberale Judentum. Sie beschränken sich darauf, zunächst den liberalen Rabbinern jegliche Autorität in religiösen Entscheidungen abzusprechen, und behalten sich weitere „Maßnahmen", besonders hinsichtlich der Ehegesetze, gegen die Vertreter der „Richtlinien" vor. Ein Teil her orthodoxen oder traditionell-gesetzestreuen Rabbiner wiederum — an ihrer Spitze Nobel- und Horovitz-Frankfurt a. M. — die man in den Reihen der Separatisten, der Hyperorthodorie, gern als „EemeindeorthodoXe" bezeichnet, erklären: „Die tiefgehenden religiösen Verschiedenheiten mit ihren praktischen Konsequenzen zwischen der liberalen und der tradilionell-gesetzestreuen Richtung bleiben wie bisher zu Recht bestehen. Die Notwendigkeit eines Schisma ist nicht gegeben." Nach diesen dreien kommt eine vierte Partei ebenfalls mit einer Erklärung. Sie erkennt wohl im Prinzip eine fortschreitende Entwicklung der Religion an, erhebt aber warnend ihre Stimme „angesichts" der Richtlinien. Sie lehnt sie ab, wie „alle Vorschläge, die geeignet sind, einen Zwiespalt iM Judentum hervorzurufen", und tritt für die Einigkeit in den Gemeinden ein. Es ist die Mittelpartei, offiziell die „Freie Jüdische Vereinigung" genannt, unter der Führung der Rabbiner Werner- München, Weisse- Berlin, El bogen- Berlin, Braun- Breslau. Um das Bild der Parteien zu vervollständigen, sei noch darauf hingewiesen, daß man innerhalb der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" (Vorsitzender Justizrat Breslauer-Berlin) wieder zu unterscheiden hat zwischen dem „Liberalen Rabbinerverband", dem Schöpfer der „Richtlinien", dessen Vorsitzender Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfurt a. Ms. ist, und dem starken Laienelement, das dessen Gefolgschaft bildet. Während die Laien ohne allzu große Rücksichtnahme an ihr Ziel zu gelangen wünschen, wollen die Rabbiner eine Spaltung im Judentum um jeden Preis vermeiden und haben diesen ihren Willen zur Einigung in einer neueren Erklärung kundgetan, ein Angebot, das von den ertrenb orthodoxen Separatisten ausdrücklich zurückgewiesen worden ist. Die Extremen auf beiden Seiten treiben mit voller Absicht auf die Trennung und Scheidung hin, das Geschick der Masse, der jüdischen Allgemeinheit ist ihnen bereits gleichgültig. So droht durch die leidenschaftliche -Agitation speziell orthodoxer Elemente der Streit einen Brand zu entzünden, vor welchem auch friedliche Gesinnungsgenossen in

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