Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 50 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. BO Dr. Blochs Wochenschrift Seite 855 peinlich bewahrt wurde. Sodann hielt der König Beratung ab, wie man den Juden am besten ad absurdum Uhren könne. Es wurde beschlossen, eine Bresche in die Festungsmauer von der Breite eines Tores zu legen, und durch diese Bresche verliest der König, hocherfreut über seinen prächtigen «Einfall, die Stadt, um aus demselben Wege nach vollendeter Jagd zurückzukehren. Dann wurde der Jude aus dem Gewahrsam herbeigeholt, und der König herrschte ihn an: „Jude, nun sprich!" Der aber bat: Der König möge befehlen, das eingesicgslte Blatt herbeizuholen und vorzulesen. Das geschah, und der Geheimschreiber verlas: „Der König wird ein Stück aus der Festungsmauer Herausbrechen lassen, wird mit seinem Gefolge dort durch die Bresche zur Jagd Hinausreiten und auf demselben Wege zurückkehren." Die allgemeine Verwunderung über dieses austerordentliche Vorhestwisten und Vorhersagen veranlaßte Abraham Zacuto, der kein Wundertäter sein wollte, zu folgender Erklärung: Don der Natur ist der Mensch willensfrei, und Gott läßt ihn frei handeln. Doch aber gibt es eine unabänderliche Vorherbestimmung und Weltordnung. Das Verhängnis geht vor sich und der Weise kann sich durch Vorherwissen, wenn es angeht, schützen. So kann über die Bewohner eines Landes Pest, Krieg, Verheerung, Plünderung, Vertreibung und all,es mögliche Unheil verhälg. sein und läßt sich nicht abwenden. Der Weise aber, der es vorher weist, kann sich durch die Flucht retten. Also das Vorherwisten d.es gelehrten Abraham Zacuto lieh die freie Selbstbestimmung des Königs unangetastet, der ganz nach seinem Willen entscheiden konnte und auch handelte. Es traf das ein, was der Weise in voller Kenntnis und Erkenntnis des Charakters seines Königs vorher wußte und niedergeschrieben hatte, ohne doch die Willensfreiheit des Königs anzutasten. Denn wenn dieser zufällig gewustt hätte, was Abraham Zacuto in dem Pergamente geschrieben hatte, so hätte er ebenso gut sich in acht nehmen und durch eines der Tore die Festung verlassen können. 2n gleicher Weise wird das Wort erklärt: „Und Gott verhärtete das Herz des Pharao." Zunz machte im Jahre 1840/41 in einem Aufsatze über die geographische Literatur der Juden auf das interessante w-2 naa des Abraham Jbn Megas') aufmerksam, und es scheint, dah Ludwig Philippson in seiner kleinen Novelle „Das Abenteuer eines Pilgers" etwas durch diese Erzählung beeinflustt wurde?) Auster dem weisen Rebben, der gelegentlich durch seine Einsicht und seine Klugheit, aber ebenso durch das Gebet und zuweilen sogar durch eine köstliche Naivität sich und die Gemeinde aus Gefahr rettet, gibt es noch andere im jüdischen Gemeindeleben tätige Personen, an die der Volkshumör seine Erzählungen anknüpft. „Der Chasen is a Narr," sagt man. Denn man setzt von dem Manne, der eine andächtige Gemeinde mit seiner Wohllautenden Stimme erbauen soll, voraus, dah er eitel und selbstgefällig ist. Der lügnerische Bocher (Talmudjünger), der auf die Brautschau fährt und dort nach Herzenslust aufschneihet, nimmt im jüdischen Volkshumor neben dem .Schadchen, dem berufsmäßigen, aber keineswegs immer berufenen Heiratsvermittler, eine bevorzugte Stellung ein. Eine außerordentlich wichtige Rolle spielt neb-en dem Kenner der kleinen und kleinsten Gebräuche und Bräuchlein sein EegensUck, der Amorez (AM-hcckarez), der in jüdischen Dingen Unwissende. Aber auch der SchamMes (Synagogendiener), der Aurech (Gast), der Schnorrer (Wanderbettler) und vor allem 2) Leopold Zunz, Gesammelte Schriften I. Seite 184. Essay on the geographicat literature of the jews ... in der Asher'schkn Ausgabe der Reisen des Benjamin von Tudela. Berlin 1840—41. Bd. II. Seite 230 ff. 4) Ludw. P hilippson: Saron. 2. Auflage Th. s. Bd. 3 Seite 283—369. die Rebbezen (Frau des Rabbiners) spielen eine Rolle im Volkshumor. Der Ausrufer in der Synagoge, der langsam Wort für Wort gleichmäßig bekannt macht, rufr: „De Rebbezen — is arovgefallen — von dritten Stock - — a Ge bind Schlisteln." Eine andere Bekanntmachung lautet: „Es is aweg geloffen - — a Jidene - mit a gefleckelten Schwanz — ... _ A Kapore -- der Vorstand.'") Von großer Komik sind auch die Erzählungen, die von den Sonntagsreitern erzählt werden: „ChajjiM, wohin reit)te V“ - Antwort: „Frog dem Pferd!" Diese Erzählung wurde bei den letzten deutschen Reichstagswahlen auf den neuen Reichstag angewandt, der die bisher größte Zahl sozialdemokratischer Abgeordneten aufweist. Der rote Reichstag wird in einem Witzblatt als ein rotes Roß dargestellt, auf dem der Reichskanzler reitet. Auf die an ihn gerichtete Frage, wohin der Kurs gehe, antwortet v. Bethmann-Hollweg: „Fragt das Pferd!" Das Witzblatt setzt also den jüdischen Sonntagsreiter-Witz als seinen Lesern bekannt voraus. Dagegen werden die Sonntagsjäger minder häufig zum Gegenstand des Humors, weil es der Jäger nur wenige gibt in einem Volk, das, wie Heine sagt, seit zwei Jahrtausenden gejagt wird. In Berlin war in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts ein eifriger jüdischer Nimrod, der aber auf der Jagd ein Schlemiel war, wie man jüdisch einen Pechvogel nennt. Er traf nichts, aber auch gar nichts. Als er eines Tages auf die Jagd ging, wollten ihm ein paar Freunde doch einmal das Vergnügen bereiten, etwas getroffen zu haben. Sie kauften einen gefangenen Hasen, banden ihn an einen Strauch und wußten B. von ungefähr an die Stelle zu führen, wo ein feister Hase im Kraut saß. Der eifrige Nimrod schoß, traf - den Strick, und das Häslein sprang davon. So bekannt war sein jagdliches Unglück, daß Reb Jainkew Joßef, der Rabbiner Oettinger, erklärte: „Was B. geschossen hat, darf man essen: es ist nicht treife" (rituell unrein). Diese kleine Anekdote stammt aus dem reichen Schatz mündlich überlieferter Schnurren, aus dem Munde A. H. Heymanns, der eigen großen Teil seines Humors in seinen Lebenserinnerungen'') schriftlich niedergelegt hat, aber auch alljährlich gegen einen Louisdors Ur die Armen dem Jahrbuch des „Kladderadatsch" ein Häuflein jüdischer Witze aufschrieb. Endlich gehört noch zu den stehenden Figuren des jüdischen Volkswitzes der reichgewordene Kleinstädter und der Chewremann. Beide finden sich vereint in der folgenden Geschichte: In einem kleinen Posenschen Ort waren zwei Jugendfreunde, die zusammen groß geworden und seit dem Cheider (Klippschule) sich nicht verlassen hatten. Da ging der eine nach Posen, dann nach Berlin und wurde ein Eroßkausmann, während der andere in ärmlichen Verhältnissen in der Heimat blieb. Einmal nach zwanzig Jahren kam er auch nach Berlin und beschloß, seinen Freund in besten Geschäftsräumen aufzusuchen. Diesem war die .Bekanntschaft mit dem ärmlichen Kleinstädter sehr unangenehm. „Was wollen Sie von mir?" herrschte er ihn an. „Chajjim, du kennst mich nicht, ich bin doch der Hirsch." Aber wie er sich Mühe gab, wie er ihn erinnerte, der stellte sich unbekannt. „Ich kenne Sie nicht, ich habe Sie nie gesehen." Der mußte gehen. Aber beim Hinausgehen fragte er nach dem ersten Buchhalter, und als er diesem vorgestellt wurde, sagte er ihm: „Es tut mir 5) Es soll natürlich herben: „Einer Jüdin ist eine Kappore (maa ein zum Bersöhnungsritual bestimmtes Huhn) mit einem gefleckten Schwanz fortgelaufen. Der Vorstand." «) A. H. H e y m a n n : Lebenserinnerungen. Berlin: Poppelauer 1909.