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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-12-13 · 50 (13.12.1912) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
50 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 854 Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 80 zfeuillelon. (Nachdruck verboten.) Ute« sich das jüdische Molk erzählt. Historisches Allerlei vom jüdischen Volkshumor. Von königl. Bibliothekar Dr. Heinrich Loewe. V. In Deutschland stand im Vordergrund jüdischer Volkserzählungen vielfach ein Prager Rabbi, der hohe Rabbi Lob, der vor allem als Wundertäter erscheint. Ein anderer Rabbi, der eine Zeitlang in Prag schon als ganz junger Mann einer Talmud schule Vorstand und rund ein Jahrhundert jünger ist, als jener, ist im russischen Ghetto an seine Stelle getreten. Der dem Sab^ batianismUs geneigte kabbalistische Rabbi Jonathan Eibeschütz hat unter dem Namen Reb Jäunehen Preiger oder Präger die Stelle des hohen Rabbi Lob oder Leib eingenommen. Obwohl er aus Krakau gebürtig war und in Prag nur einige Jahre wirkte und später in Hamburg seine HauptwirksaMkeit entfaltete, wo er auch starb, bekam er den Namen Preiger, weil er einfach an die Stelle des älteren aus Prag gebürtigen und hauptsächlich in Prag wirksamen Kabbalisten trat. Darum steht er auch in der jüdischen Sage in Polen und Rußland in der engsten Verbindung stets mit dcM Kaiser, wie ja die Legende der deutschen Juden den hohen Rabbi in die allerengsten Beziehungen zu Kaiser Rudolf II. setzte. Rudolf II. lebte ja auch zumeist in Böhmens Hauptstadt, während zu Eybeschütz' Zeilen kein Kaiser in Prag residierte. In Polen gehen die beiden Gestalten von Rabbi Lob ben Bezalel und Rabbi Jonathan Eibeschütz noch einigerMahen nebeneinander her. In Homel erzählt man, dah eines Tages der Kaiser dem Rabbi Jäunehen ’ Preiger ■' mit ' Talles - und Tfillen (Tallith Eebetmäntel, Tefillin Gebetriemen) angetan, begegnet sei. Neugierig fragte er ihn: ..Wohin gehst du?" — ,.Jch weih es nicht," lautete die Antwort des Rabbi. Aergerlich über diese Erwiderung. lieh ihn der Kaiser in das Gefängnis bringen. AM anderen Tage lieh er ihn vorführen und fragte ihn, warum er denn gestern eine solche Antwort gegeben habe. „Wie Ihr seht," entgegnete der Rabbi. ..wuhte ich es wirklich nicht, wohin mich mein Weg führt, ich ahnte nicht, dah ich in das Gefängnis ginge. Hätte Kaisers Majestät mich gefragt, wohin ich gehen wolle, so hätte ich ihm erwidert, dah ich die Absicht habe, in die Sima- Jäunehen solle augenblicklich kommen, um die merkwürdige Stelle zu erklären. Der aber läht deM Kaiser erwidern, dah er jetzt nicht kommen könnte. Morgen werde er kommen und seinen Kommentar zu der Stelle geben. Der Kaiser war ungehalten, der Poips aber Meinte, diese Weigerung stehe wahrscheinlich bereits iM Zusamlmenhange Mit der Erklärung der Stelle. Als der Rebbe am anderen Tage kommt und wegen seiner gestrigen Weigerung vom Kaiser zur Rede gestellt wird, entschuldigt er sich damit, dah er gerade Knoblauch geUessen hätte, und deshalb wegen seines übelriechenden Atem's nicht vor Kaiser und Papst hätte erscheinen können. Wenn freilich Ewer Majestät Knoblauch gegessen hätten, würden Sie nicht sich zu scheuen brauchen, zu irgend jemandem zu kommen, denn auf Erden steht niemand höher, als kaiserliche Majestät. Wer aber Höherstehende als sich selber kennt, der darf vor ihnen nicht mit üblem Geruch erscheinen. Und so ist es auch zur Erklärung der Stelle: Antigonus und Rebbe waren so hochgestellt, dah in ihrem Hause niemals Knobel und Meerrettig ausgingen. denn sie hatten keinen zu scheuen, der vornehmer war als sie selbst. Dah Reb Jäunehen Preiger auch die Zukunft kannte, wurde natürlich als selbstverständlich bei einem solchen Wundermann angesehen. Um diese Weisheit auf die Probe zu stellen, hat der Kaiser ihn eines Tages einschliehen lassen, um ihm die Frage vorzulegen, aus welchem Tore er heute aus Prag hinausführe. Der Rabbi antwortete ohne Besinnen: „Der Kaiser hat ein Loch in die Mauer brechen lassen. uM dort hinauszufahren." Der Kaiser, ganz betroffen über die Richtigkeit dieser Antwort, fragte ihn, von wo ihM dies Wissen käme. ..Sehr'einfach," erwiderte Jäunehen Preiger, „es heiht ja: “na b pie “Ss Der König bricht sich eine Bahn durch den Mauerring." Zugleich aber gab-er sich damit als .Weiser. zu.,erkennen., .Denn es heihh: nKrn? osn nnt Weise ist nur, wer die Zukunft kennt." PK r In Wahrheit ist das dieser Erzählung zugrunde liegende Problem viel älter als Rabbi Eibeschütz. In seinem Buche tos’ pes, das 1585 in Kon-« stantinopel erschien, behandelt Abraham Hal-Lewi ben Jizchak Jbn Meggs die Frage, ob und wie weit hie Frage vyn Gottes Allwissenheit mit der Willensfreiheit des Menschen vereinbar sei. Unter den dort von ihm zur Erläuterung angeführten Beispielen bringt er auch die folgende Geschichte, die sich in Spanien lange vor Vertreibung der Juden dort zugeiragen haben soll. Im Dienste eines kastilischen Königs stand ein jüdischer Gef ' * *J / I / / tpi__ “ MMj J ] trt|11T|^ namens Abraham Zacnto. der ebenso sehr wegen w^ und das wnhk L! nW.“ ’ '^ Scharfsinnes als wegen seiner Kenntnis der Astro Die Weisheit, die in diesem Verhalten liegt, ist uralt. Sie findet sich in der antiken Welt ebenso wie in der midraschischen Literatur. Sie liegt am Wege und hat sich ebenso nach Homel gefunden, wie sie in Hebels Schatzkästlein vor hundert Jahren das allemannische Bauernvolk unterhielt?) N Es sind asso Lebensweisheiten, die der kabbalistische Rabbi dem Kaiser zum besten gibt. Meistens werden sie in Anlehnung an Stellen aus Bibel und Talmud gegeben und zu deren Erläuterung. So sah eines Tages der Kaiser mit dem' Poips (Papst) beim Studium der rabbinischen Literatur, als sie auf die Stelle stiehen, wonach Antigonus und Rebbe (Rabbi Jehüda) die beiden reichsten Leute ihrer Zeit gewesen seien und wo als Beweis dafür angegeben wird, dah Knobel (Knoblauch) und Ehren (Kren — Meerrettig) in ihrem Haufe nie ausgegangen wären. Der Kaiser befiehlt, der Rabbi *) Johann Peter Hebel: Das Schatzkästlein des 'Rheinländischen Hausfreundes. München und Leipzig: Delphin-Verlag (1912. Sette 8b). logie gepriesen wurde. Der König, den das allzu grohe Lob seines jüdischen Ratgebers durch die Leute an seinem Hofe verdroh. beschloh, ihn auf die Probe zu stellen und seinem' Scharfsinn einen Fallstrick zu legen. Er erklärte dem Juden eines Tages, dah er die Absicht habe, zur Jagd hinauszuziehen, und sein Astrolog solle ihm, wenn er es vermöge, mitteilen, aus welchem Festungstore er Hinausreiten werde. Des war Zücuto durchaus zufrieden und er verlangte nur, dah Man ihm aus dem Königlichen Palast ein Blatt Pergament bringen solle. Darauf wolle er die für den König bestimmte Antwort schreiben. Dann solle das Pergamenten ein Tuch eingewickelt und mit dem Königlichen Siegel versiegelt werden. Es solle verschlossen liegen bleiben, bis der König zurückkehre. Sobald dann der Herr König in seinen Palast zurückgekehrt sei, lasse der Herr König die Siegel erbrechen, den Inhalt vorlesen, und' dann tue der König mit seinem' Diener nach seinem Wohlgefallen. So geschah es, ohne dah jemand sah, was Abraham Zacuto in das Blatt schrieb, ehe es versiegelt und

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