Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 50 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 842 Dr. Btvchs Wochenßchrift Nr. »0 UM Macht und Pfründen in der Rathausstube, ästhetisch sind auch die Beweggründe, aber sympathisch ist die ganze Erscheinung deswegen doch. Denn nach aller Erfahrung ist der Kämpf um die Beute die Grundbedingung und das Vorzeichen zum Niedergange einer Partei, und bei nächster Gelegenheit wird hoffentlich die Bevölkerung entscheiden, daß weder der noch jener von den Christlich-Sozialen Bürgermeister werden soll, nicht einmal Gemeinderat. Zur gegenwärtigen wirtschaftlichen Hage Galiziens. In einem Zeitpunkt, da die Gesamtmonarchie unter der furchtbaren Ungewißheit zu leiden hat, was eigentlich der nächste Morgen bringen wird, ob wir nicht alle Schrecken und Grauen eines furchtbaren Krieges werden über uns ergehen lassen müssen, ist es wahrlich wenig angezeigt. sich in Betrachtungen über die allgemeine Lage Galiziens einzulassen. Alein Ereignisse, die sich, und zwar nicht seit dem Ausbruche des Krieges am Balkan, sondern schon viel früher, seit dem heurigen Frühjahr dort abspielen, zwingen, auf die wahrhaft verzweifelte Lage, in welcher sich besonders die galizischen Iuden befinden, immer wieder hinzuweisen. Von ungefähr acht Millionen Menschen, die das Land Galizien bewohnen, entfällt ein Zehntel auf die jüdische Bevölkerung. Der Umstand, daß Galizien noch' immer ein Agrarland" ist und daß die zwei das Land beherrschenden Nationen, Polen und Ruthenen, die Agrikultur als ihre Domäne betrachten und die Verhältnisse es nicht den dortigen Juden gestatten, sich diesem wichtigen Zweig der Volkswirtschaft zu widmen, zwingt die Juden naturgemäß, sich fast ausschließliche dem Hanbei und Gewerbe. zu widmen. In Anbetracht dessen, daß ihre Zahl im Lande eine verhältnismäßig, große ist und daß das Land nicht zu den wirtschaftlich bestgestellten in der Monarchie zählt, ist es begreiflich. daß ihr wirtschaftlicher Kampf nicht so leicht ist. In den letzten zwei Dezennien hat aber auch Galizien, ebenso wie alle anderen Länder, es verstanden,, die günstige wirtschaftliche Konjunktur und den technischen Fortschritt auf allen Gebieten des Verkehrslebens auszunützen und sich aus eigener Kraft empor zu arbeiten. Auch die stets besser werdende Lage des dortigem Bauernstandes und die guten Ernten trugen viel zu dieser Besserung bei. Die Iuden Galiziens, sagen wir es endlich einmal offen heraus, haben diese Gelegenheit benützt, ohne Hilfe ihrer sich ihnen so oft durch Zeitungsartikel, Enqueten und öffentlichen Versammlungen, gutgesinnt zeigenden westeuropäischen Glaubensgenossen aller Schattierungen, durch Handel und Gewerbe ein kümmerliches Dasein zu schaffen, und wenn es dem einen und 'den änderen gelang, sich etwas zu erwirtschaften, so war es ausschließlich sein eigenes Verdienst. Durch Fleiß, der in Galizien ganz anders äufgefaßt wird, als in West-, österreich, durch Tüchtigkeit und Solidität konnte er sich behaupten. Das platonische Wohlwollen, das unsere westeuropäischen Glaubensgenossen uns in unzähligen Enqueten, Versammlungen und Kommuniques bekunden, hat dabei nicht mitgewirkt. Die Selbsthilfe ist es, die sie bis heute erhalten hat, und auch die wird .es fein, auf die «Nein sich die dortigen Juden zu verlassen haben. An den Früchten dieser Selbsthilfe zehren sie aber nicht allein, im' selben oder vielleicht noch höherem' Maße sind es ihre Westösterreichischen Lieferanten, denn diese, sind es, die die noch zum Teile bei der galizisch-jüdischen Kaufmannschaft herrschende kaufmännische llntüchtigkeit und mangelnde Fachkenntnis für sich ausnützen. Ihre nicht genügende Kapitalskraft ist ebenfalls mit ein Faktor dabei. Auch die Wiener und die böhmischen Banken haben sich just in dem Momente ihrer sozialpolitischen Pflicht besonnen, als sie einsahen, daß Galizien im Aufschwung begriffen ist und dort was zu holen sei. Ueber Nacht wurden in allen größeren Städten des Landes Filialen und Nebenstellen errichtet, alles nur deshalb, um bei der Industrialisierung behilflich zu sein. Vor zwei Jahren erst hat der Leiter eines Ährenden Wiener Bankinstitutes seine besondere Fürsorge dem Lande damit zugewendet, indem er, allerdings nicht mit eigenem Gelde> eine Jndustriebank für Galizien gründen half. Seiner unmittelbar har auf erfolgte Nobilitierung dient zum besseren Verständnis seiner besonderen Sympathien für das- Land. Diese neugegründeten Bankfilialen und ihre Leiter mußten natürlich für einen Umsatz sorgen, und da die besser situierte Kundschaft schon vor diesen Gründungen mit Kapital versehen war, mußten sie sich an die mindere Kundschaft herandrängen, und somit in vielen Fällen wirtschaftlich sehr schwache Elemente künstlich gesund machen. Die freizügige Gewährung von Bankkrediten hat es auch bewirkt, daß die Warenkredite für diese Elemente leichter erhältlich waren. Es darf somit dem galizischen Kaufmann nicht der Vorwurf gemacht werden, daß er diese Gelegenheit unausgenützt gelassen hat, er tat das, was ein jeder andere an seiner Stelle ebenfalls täte. Diese Umstände im Verein mit der aufopfernden Tätigkeit, ermöglichte dem galizischen Kaufmann, sich und seine Familie zu erhalten und für eine gure Erziehung seiner Kinder zu sorgen, auch der Staat und nicht zuletzt die Banken haben keinen Schaden darunter gelitten. Wohl kam' es häufig vor, daß vieles die Gelegenheit zu unreellen Handlungen benützten, aber unter diesen vielen gab es sehr wenige, die dies ohne entschuldbare Gründe-latem. Während dieser Arbeit des wirtschaftlichen Aufschwunges ertönte plötzlich iM heurigen Frühjahr in einer Versammlung des Wiener Saldierungsvereines im Beisein der Wiener Bankdirektoren die warnende Stimme des Generalsekretärs der österr.-ung. Bank. Er machte' die Banken aufmerksam, daß sie in ihren Engagements zu weit gehen und erklärte, daß die Verhältnisse auf dem Geldmärkte zur besonderen Vorsicht mahnen. Die Banken verstanden seinen Fingerzeig, und ihre erste Tat war, daß sie Galizien zum' Experimente wählten. Sie sagten sich: Wir haben ja nur deshalb dort Filialen errichtet, weil wir hier in Wien keine Verwendung mehri für unser Geld Hatten; jetzt, wo die Verhältnisse sich kritisch zu gestalten beginnen, können wir hier für unsey Geld bessere Verwendung finden, ergo: fort aus Galizien. Seit diesem Zeitpunkte wurde in einer jeder sozialpolitischen Vernunft hohnsprechenden Art der galizischen Kaufmannschaft einfach der Kredit entzogen. Die Herren wollten sich bei diesem geradezu mörderischen Vorgehen gar nicht vor Augen führen: wie kann man einem Kaufmanne, dem man sukzessive den Kredit erhöhte und der, mit dieser Tatsache rechnend, auch feine Geschäfte darnach einrichtete, auf einmal den ganzen Kredit entziehen. Möge doch einmal eine Wiener Bank in Wien bei einer ihrer großen und gut fundierten Firmen ein ähnliches Experiment wagen, auf die Wirkung sind wir sehr neugierig. Wir können bei dieser ganz unerhörten. Maßregel das Gefühl der Empörung nicht unterdrücken und müssen mit der Behauptung heraus, daß sich die Herren in diesen Fällen gesagt haben, trifft es doch nur galizische Juden hauptsächlich, und da kann uns nichts geschehen. Alle Protestaktionen, die im Lande selbst und von den Abgeordneten desselben in Wien durchgeführt wurden, waren nicht imstande, die Banken von 'ihrem Vorgehen abzühalten.