Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Dr. Vlochs WocheMM Seite 837 sie alle zu vertreiben. Soweit liegt eine ganz richtige historische Voraussetzung der folgenden Erzählung zugrunde. Dieser Pfarrer lieh nun eines Tages den Iuden Mitteilen, datz sie sich versammeln sollten, um eine Aufforderung von ihm zu hören. Er machte ihnen dann bekannt, datz sie sich bis zu einem bestimmten Tage zu entscheiden hätten. An diesem Tage mutzten sie entweder Christen werden, oder sofort das Land verlassen. Nur einen Auswegs lasst; er ihnen noch frei. Wenn sie einen Juden stellen wollten, der mit ihm über die Wahrheiten des Judentums und Christentums disputieren und ihn dabei überwinden Wolfe, so sei er damit einverstanden. Jedoch solle diese Disputation nicht mit Worten, sondern als Pantomime vor sich gehen. Wenn der Jude bei der Disputation, bei der rein einziges Wörtlein gesprochen werden dürfte, ihn verstehen und ihm Gründe entgegenhalten werde, so wolle er darin ein göttliches Wunder erblicken, und ff; sollten nach wie vor unangetastet in Sternberg Hausen dürfen. Fände sich kein Jude, der die Disputation dieserart mit ihm ausnähme oder der ihm in der Disputation in der angegebenen Weise gewachsen sei, so mützten alle Juden, die sich nicht sofort taufen lietzen, alsbald und ohne Aufschub für ewige Zeiten das Land verlassen. Die ganz verweifelte Gemeinde veranstaltete wiederholt Fast- und Butztage. Aber es schien, als wollte sich Gott nicht erbitten lassen. Da kam am Tage vor der Entscheidung von ungefähr ein polnisch-jüdischer Schnorrer ins Städtchen, der ganz verwundert den Jaim mer mit ansah und erstaunt nach der Ursache des Betens und Fastens fragte. „Nichts weiter als das." meinte er sofort, „das ist ja eine Kleinigkeit. Das übertragt nur mir!" Wie gesagt, so getan. Die Juden lietzen den Pfarrer wissen, datz sich ein grotzer jüdischer Gelehrter eingefunden hahe, der die beabsichtigte Disputation in der vorgeschriebenen Weise aufnehmen wolle. Am folgenden Tage versammelte der Pfarrer alle Einwohner von Sternberg in der Kirche, stellte die Christen auf die ein,;, die Juden mit ihrem gelehrten Schnorrer-Rabbi auf die andere Seite. Dann hielt er einen grotzen Vortrag über Form und Zweck der Disputation und nahm endlich auf der Kanzel seinen Platz, so datz er zu den Juden mit ihrem Rabbi an der Spitze herübersah. Dann begann ^er die merkwürdige Disputation : Der Pfarrer hob drei Finger in die Höhe. Alsbald reckte der Schnorrer-Rabbi den rechten Arm mit geschlossener Hand empor. Der Pfarrer zeigte ihm einen Finger. Der Jude ballte beide Hände und wies ihm mit grimmigem Gesicht die Fäuste. Jetzt spreizte der Geistliche beider Hände Finger und hob sie empor. Der Polack aber hob die flache Hand etwa so, wie man zu einer Ohrfeige ausholl. Da verlietz der Pfarrer alsbald die Kanzel, ging zum Altar und begann dort Nüsse auszuschütten, und indem er sich vom Altäre entfernte, streute er die NüU durch die ganze Kirche. Sobald er mühsam seine zerstreuende Arbeit vorgenommen und beendet hatte, machte sich der Jude daran, die Nüsse aufzulesen und sie in den grotzen Taschen seines Kaftans eine nach der anderen verschwinden zu lassen, bis er zuletzt zum Altar kam und auch dort jede einzelne Nutz auflas und zu sich steckte. Dann stand er triumphierend am Altar und wartete, was weiter kommen würde. Der Pfarrer aber winkte ab und sagte den Juden, sie könnten unbehelligt gehen. Ihr Rabbi habe ihn überwunden. Als die Juden die Kirche verlassen hatten, sagte der Pfarrer mit viel Rührung, er wolle nunmehr auch der Gemeinde über das merkwürdige Tun Aufklärung geben. And dann erklärte er, wie ihn der fremde Rabbi überwunden und (Sott hier sichtbarlich ein Wunder zur Rettung der Juden getan habe. Zuerst habe er drei Finger emporgehoben, um zu zeigen, datz es drei Personen in Gott gäbe. Der Jude habe den einen rechten Arm erhoben und ihm damit gesagt, es sei aber nur ein Gott. Dann habe er dem Juden einen Finger gezeigt, um ihm zu sagm: datz also die Juden und Christen nur einen Gon kennen, da habe der Jude di^e Fäuste erhoben, um ihm zu sagen, es sei aber ein starker, ein gewaltiger Gott. Mit gespreizten Fingern habe er darauf hingewiesen, datz die Juden zerstreut seien, aber der Jude habe die geschlossene Hand erhoben und ihm gesagt, datz sie aber trotzdem noch immer ein einziges, ungeteiltes Volk wären. Da habe er endlich di,e Nüsse ausgestreut, um darzutun, datz sie aber doch von Gott verstotzen sein müßten, denn er habe sie von Jerusalem aus, das durch den Altar angedeutet sei, über die ganze Welt verstreut. Der Rabbi habe sie aber alsbald wieder aufgelesen und gesammelt und sie sorgsam in seinem Gewände geborgen, um zu zeigen, datz Gott, der sie zerstreut habe, sich ihrer erbarmt. Er hütet sie wie der Hirte seine Herde und sammelt sie sorgsam ein, von den vier Enden der Erde bis gen Jerusalem, und birgt sie sorgsam in seinem Gewände. Nur ein göttliches Wunder habe den Rabbi die Fragen verstehen lassen und ihm die richtigen Antworten an die Hand gegeben. Dann entliefe er die Gemeinde und hinfort liefe er die Juden ungeschoren. Die Juden gaben dem gelehrten Rabbi, der sie so wunderbar errettet hatte, ein großes Ehrenmahl, ehe sie ihn mit reichlichen Geschenken weiterwandern lietzen. Bei dem Ehrenmahl fragten sie ihn, was denn die Pantomime bedeute, und wie er sie habe verstehen und pantomimisch beantworten können. „Das ist doch sehr einfach." sagte er. „Zuerst hot er die krummen Finger gezeigt, hot er mich wellen packen, hob ich ihm wellen schlogen. Denn hot er mich gewellt stechen, hob ich ihm wellen bumtzen, do hot er mich wellen kratzen, hob ich ihm wellen patschen. Und worüm sollen die Nüsst do liegen?" (Fortsetzung folgt.) Literatur. Schilderungen aus dem Prerauer Ghettoleben vom Jahre 1838—1848 mit Streiflichtern bis in die Gegenwart und Jugenderinnerungen eines 78jährigen, von Ignaz Briess. TL vollständig umgearbeitete und erweiterte Auflage. Jüdischer Buch- und Kunstverlag Max Hickl, Brünn, 1912. Welchen Anklang das bescheidene Büchlein von Briess ,,Jugenderinnerungen eines 78 jährigen und Schilderungen aus dem Prerauer Ghettoleben vom Jahre 1838 bis 1848“*) gefunden hat, ersieht man daraus, daß es bereits wenige Wochen nach seinem Erscheinen vergriffen war. Wegen der anhaltenden Nachfrage fühlte sich der Verfasser zu einer zweiten Auflage veranlaßt, die nunmehr in wesentlich veränderter Form erschienen ist. Die Lmgestaltung des Büelileius-besteht darin, daß der Autor manche Jugenderingeinng bringt, die er in der ersten Ausgabe nicht mitteilte, daß er die neue Ausgabe wissenschaftlicher gestaltete, indem er Angaben aus historischen Werken (wie z. B. Scari: „Systematische Darstellung der in Betreff der Juden in Mähren und Schlesien erlassenen Gesetze“, Frankel-Grün: „Geschichte der Juden in Kremsier“, Haas: „Die Juden in Mähren“ u. a.) in seine Erzählungen einflocht, daß er ferner in Fußnoten viele willkommene Erläuterungen zum Texte bot und schließlich manche Stelle der 1. Auflage änderte oder gar ausschied, die bei den noch lebenden Angehörigen der in den „Erinnerungen“ behandelten Personen Fnwillen erregte. Besonders ist auf die Bereicherung des Buches durch die Seiten 59 und 72—78 hinzuweisen. Auf der zuerst genannten Seite spricht Briess über das Kolnidregebet, beziehungsweise über die Stelle, wo es heißt, „daß alle im Laufe des Jahres abzulegenden Eide im voraus für ungültig erklärt werden.“ Er widerlegt die dadurch hervorgerufenen J* Siehe »Oesterr. Wochenschrift« vom 12. Jänner 1912.