Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 828 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 49 Partei wird durch diese Bezeichnung nicht qualifiziert. Die Gesetzestreuen sind auch liberal, sie müssen es seinj, und die Liberalen in vielen Hinsichten gesetzestreu, sie wollen es sein. Es ist alsv nur ein Spiel mit Worten, das von den einen wie den anderen getrieben wird, um zu beweisen, daß die Münze des Judentums aus zwei Teilen besteht, während sie nur zwei Seiten hat. III. Die Einheitlichkeit des Judentums hat indessen die religiöse Meinungsverschied enheit semer Bekenner nicht unierdrückt. Der dem Judentum eingeborene Liberalismus hat sie sogar befördert. Die Kodifikationen, deren Absicht war, eine einheirliche religiöse Norm zu schaffen^ haben gerade das Gegenteil hervorgebracht. Deshalb lautet das Sprichwort: „Jeder Jude hat seinen eigenen Schulchan Aruch," weil dieser Koder der letzte war, der jene Absicht verfolgte. Trotz dieser Meinungsverschiedenheit ist es aber zu Parteibildungen, zu getrennten Bereinigungen unter bestimmten Parteinamen, mit Ausnahme des Chassidismus, der nur einen begrenzten Geltungsbereich beherrscht, nicht gekommen. Die verschiedenen Schattierungen lasten sich in zwei Hauptgruppen zw sammenfassen, die aber nicht als Parteien, ja nicht einmal als getrennte Vereinigungen erscheinen: fromme Juden und nichtfromme Juden. Wie nahe für beide Gruppen infolge der oft gegensätzlichen Verschiedenheit der Gedanke der Scheidung lag, so ist er doch niemals zur Ausführung gekommen. Er hat sogar, so seltsam dies erscheinen mag, zur Verschmelzung beigetragen. Die mit der Auflösung oder Scheidung verbundene Gefahr für das Ganze schuf das Gegenmittel der Versöhnlichkeit. Ebenso schafft die Möglichkeit der Ehetrennung im Judentum zumeist glückliche Ehen. Eine der feinsten Sentenzen des Talmuds lautet: „Ein Fasttag, an dem nicht auch Nichtfromme teilnehmen, ist kein Fasttag." Der Autor dieser Sentenz beruft sich darauf, daß das übelriechende Ealbanum einen unerläßlichen Bestandteil des vorgeschriebenen Räucherwerkes bildete. Ein anderer Autors rechtfertigt diese Sentenz mit dem Worte des Propheten Amvs (9,6), dem ^r den Sinn gibt: „Nur als Bund kann Israel auf Erden bestehen" (Kritut 6 b). In dieser Sentenz kommt, abgesehen von dem tiefreligiösen Gedanken, daß keiner sich für wohlriechender, d. h. besser als seinen Nebenmenschen halten dürfe, auch das instinktive Gefühl zum Ausdruck, daß gerade die von dem Judentum dem Einzelnen eingeräumte Freiheit ihm auch als Gegengewicht die Pflicht des Eemeinsinns zur Erhaltung der Gesamtheit auferlege. Von diesem Selbsterhaltungsgesühl ist auch die Lobpreisung des Friedens getragen, die alle unsere Gebete und zahlreiche Ermahnungen unserer alten Lehrer durchdringt. Wie aber sind das Persönlichkeitsgefühl und das Gesamtheitsbedürfnis miteinander zu vereinbaren? Doch nur dadurch, daß eine mittlere Basis geschaffen wird, die beiden so viel Raum zu ihrer Befriedigung bietet, als beiderseitiges Entgegenkommen zuläßt. Damit ist die Betrachtung ganz von selbst auf den schon von den Alten gepriesenen Mittelweg zu sprechen gekommen, der auch für'das Judentum der eigentliche „Weg des Lebens" gewesen ist. Allen jeweiligen zentrifugalen Strömungen zum Trotz ist man doch immer auf den mittleren Standpunkt zurückgekommen. Dieser historisch begründete Standpunkt war es auch, den Zacharias Frankel einnahm, und derselbe Standpunkt ist es wohl, den diejenigen deutschen Rabbiner', die sich weder der liberalen, noch der gesetzestreuen Vereinigung angeschlossen haben, durch diese Haltung als den ihrigen bezeichnen wollen. Man sagt zwar, daß die Mitte Unentschiedenheit ausdrücke. Wenn dies ein Vorwurf sein soll, so kann lange Erfahrung ihn mit der Entgegnung abwehren, daß vielmehr das Gegenteil das Richtige sei. Nur der Unentschiedene wird von der -zentrifugalen Strömung fortgeristen, während es der größten Entschiedenheit bedarf, ihrer Gewalt zu widerstehen. Wo ist übrigens die Grenze, an der die Unentschiedenheit aufhört und die Entschiedenheit anfängt? Die Liberalen werden von Liberaleren, die Eesetzestreuen von Gesetzestreueren überkrumpft. Es ist also wieder ein Spiel mit Worten, wenn von Unentschiedenheit und Entschiedenheit als von maßgebenden Faktoren gesprochen wird. Cs sei übrigens zugegeben, daß die Mitte Unentschiedenheit bezeuge, ein Vorwurf liegt darin nicht. Das Wesen des Judentums ist, abgesehen von seinem Gottesbegriff, seinen sittlichen Forderungen, wie von der Hauptrichtschnur für die Lebenshaltung — Unentschiedenheit', und das ist sein Vorzug. Entschiedenheit wäre Versteijfung, Verknöcherung, Erstarrung und Untergang. Nun der Tod ist entschieden, das Leben dagegen ist ewig unentschieden und im Flusse begriffen, und als eine Religion des Lebens hat sich das Judentum denselben Charakter bewahrt. Indem es dem Leben sich anpatzte, war' es imstande, es zu beherrschen. Es emill lieber nach Achijas Fluch ein schmiegsames Schilfrohr sein, als nach Bileams Segen eine steife Zeder, dir der Sturm zerbricht. Es hat sich dagegen gewehrt, sich unter das Joch von Glaubensartikeln und Kodifikationen zu beugen, ebenso wehrt es sich dagegen, sich in Parieinormen einzwängen zu lassen. Durch nichts mehr, als durch diese neueste Methode von Parteigruppierungen wird der Natur des Judentums Gewalt angetan und seine Lebenskraft unterbunden, unwillkürlich verflüchtigt sich das Wesen und es bleibt von ihm nur das Schlagwort der Partei. Die reichste Belehrung über diesen Verflüchtigungsprozeß bietet das Judentum in Ungarn. Es ist eine allbekannte Tatsache, daß dort die Zugehörigkeit zur orthodoren Partei nicht.von der orthodoxen Ueberzeugung, sondern nur davon abhängt, daß man den orthodoren Parteinamen im Schilde führe. Lucus a non lneendo. Führende Persönlichkeiten dieser Partei sind nichts weniger als orthodor, aber sie nennen sich so. Der Name allein ist das Entscheidende. Auf diese Weise wird aber die Unwahrhaftigkeit gerade von denen unterstützt und gefördert, die am möisten dazu verpflichtet wären, die Wahrhaftigkeit, d. h. den Namen durch die Ueberzeugung zu Ehren zu bringen. Ebenso haben die Liberalen diesen Parleinamen oft durch Vergewaltigung der Gesetzestreuen in Mißkredit gebracht. Die Geschichte des Judentums in den größten Gemeinden Deutschlands weiß davon manches zu erzählen. Man ist endlich auch hier durch die Erfahrung auf den Mittelweg der Verträglichkeit gekommen und bestrebt sich, die Mahnung „Nathans des Weisen" zu befolgen: „Nur muß der eine nicht den andern mäkeln. Nur muß der Knorr den Knubben hübsch vertragen." Dieser löbliche Grundsatz bedingt aber zu seiner Durchführung die Unterdrückung .aller Sondergelüste. Vereinigungen veruneinigen nur.... eine Vereinigung muß alle Vereinigungen umfassen, oder vielmehr sie müs'en darin untergehen, um in dem einen und ungeteilten Judentum wieder aufzuerstehen. Daß dies möglich ist, dafür liegen Beispiele vor. Sie zeigen auch, daß die verschiedenen religiösen Anschauungen und Bedürfnisse dabei in friedlichem Zusammenwirken ihre Genugtuung finden. Dieses Zusammenwirken ist aber zu keiner Zeit so notwendig gewesen, wie in der Gegenwart, uM den gemeinsamen Feind zu bekämpfen, den Abfall. Der Abfall wird durch das Parteiwesen begünstigt, denn er ist das Produkt der Zersetzung, die in der Parteienzersplitterung zur Erscheinung gelangt. Diese Gefahr des Parteiwesens hat mich zu der vorstehenden Betrachtung gedrängt. Ist darin nicht die Weisheit zu Worte gekommen, so doch das Alter und die Erfahrung.