Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 826 Dr. Brochs WochMhrfft 9tt. 49 lichen Religionslehre zu verbannen, ja sogar dem Stifter des Christentums die semitische Abstammung abzusprechen und ihn für die arische Rasse zu reklamieren. Vielleicht soll diese systematische Zurücksetzung des Judentums (womit dick der Juden Hand in Hand geht) nur den Mangel der eigenen geaichten Christlichkeit maskieren oder ersetzen, jedenfalls nehmen gerade die liberalen christlichen Theologen diesen Standpunkt ein, der sich gewiß in keiner Weise mit dem echten Liberalismus verträgt. Ich schicke diese Bemerkungen voraus, weil man heute nicht mehr schlechtweg von Liberalismus reden kann, ohne vorherige Verständigung über die Bedeutung dieses Begriffes. Hier ist denn vom Liberalismus in dem echten und ursprünglichen Sinne des Wortes, der gleichbedeutend mit Freisinn ist, die Rede. In diesem Sinne ist aber das Jujdentum schon an sich Liberalismus, es steht also keiner Partei im Judentum das Recht zu, diesen Begriff für sich mit Beschlag zu belegen. Was die Thora über Gott und Mensch lehrt, ist gewiß liberal. Nur Unkenntnis und Voreingenommenheit können diese Behauptung bestreiten. Selbst wer die Formulierung dieser Lehren erst von den Propheten herleitet, wird doch in Moses und in der bloßen Tatsache des Auszuges aus Aegypten, deren Geschichtlichkeit nicht mehr bestritten wird, Erscheinungen erblicken, in denen die Idee des Liberalismus zum ersten Male in der Geschichte und mit so durchschlagender Kraft, wie niemals wieder, verwirklicht wurde. Diese Erscheinungen sind der Lebensnerv des Prophetismus, wie sie die Seele des Judentums sind. Die Entthronung der Götter und Tyrannen, die Proklamierung der Menschenrechte und der Menschenliebe bilden den Triumphbogen, durch den das Volk Israel die Idee des Liberalismus in die Menschheit eingeführt hat. Diese Idee kann also nicht zur Parteisache innerhalb des Judentums herabgedrückt werden, da sie seine Seele ist, und mit demselben Rechte, womit R. Jochanan (Megilla 13 a) erklärt hah daß, wer den Götzendienst abschwört, Jude heiße, mit demselben Rechte daff man behaupten, daßwer die Idee des Liberalismus abschwörtaufhöre, es zu sein. Wie verhält es sich nun mit der Orthodoxie, zu deutsch: Rechtgläubigkeit? Auch hier ist der reine und unverfälschte Begriff des Wortes, nicht die dem letzteren im Leben beigelegte Bedeutung gemeint. Dann aber ist die soeben aufgeworfene Frage dahin zu beantworten, daß Rechtgläubigkeil ein ebenso unjüdischer Begriff ist, wie Liberalismus ein jüdischer. Der Anfang der religiösen Bewegung, deren Produkt heute aus rein äußerlichen, hier weiter nicht in Betracht kommenden Ursachen Judentum heißt, dokumentierte sich als entschiedener Nichtglaube, ja als Unglaube, d. h. als Verweisung und Verleugnung des die antike Welt und ebenso das Volk Israel beherrschenden Götter- und Mythenglaubens durch den Monotheismus, der also nicht als ein neuer Glaube gegen den bestehenden, sondern als Erkenntnis gegen den Glauben überhaupt in die Schranken trat. Dieses Verhältnis ist so kurz und unzweideutig wie möglich durch die Formulierung und den Zusammenhang der ersten zwei Gebote des Dekalogs ausgedrückt. Das erste bezeichnet den Monotheismus als Erkenntnis, als Erlebnis^, das zweite dekretiert in aller Form und in weitestem Umfange den Unglauben. Dieses Verhältnis hat in der Folgezeit bewirkt, daß förmliche articuli fidei, Glaubensartikel, niemals im Judentum Geltung erlangen konnten, und ferner, daß es zu einer „Kirchenspaltung" wie im Christentum^ niemals im Judentum gekommen ist. Dazu fehlte es ihm an dem Zersetzungsferment, welches der Glaube ist. Im Christentum, wo der Glaube alles ist, erscheint aus eben dieser Ursache die Spaltung begreiflich, denn die Annahme oder Bestreitung der Transsubstantiation ist keine bloße Meinungsverschiedenheit, sondern eine grundstürzende und von der Geschichte, als unüberbrückbar bestätigte Glaubensverschiedenheit. Im Judentum dagegen hat es immer nur wceinungsverschießenheiten, sogar in heftige Kämpfe ausgeartete, wie zwischen den Maimonisten und Antimaimonisten, gegeben — von älteren Differenzen dieser Art abgesehen —, aber Meinungen haben nicht die trennende Tendenz wie Elaubensüberzeugungen, und überdies begreift der dem Judentum eingeborene Liberalismus die weiteste Meinungsfreiheit in sich. Die Abzweigung der Karäer kann nicht als Einwand gegen die vorstehende Ausführung geltend gemacht werden, da nicht Glaubensverschiedenheit, sondern die grundsätzliche Ablehnung der rabbaniüschen Tradition zu dieser übrigens im Laufe der Zeit durch sich selbst belanglos gewordenen Abzweigung geführt hat. Wenn also der Glaube von Haus aus im Judentum keine maßgebende Stellung einnahm und auch im Laufe der Zeit nicht erringen konnte, so liegt es auf der Hand, daß gsj eine Verfälschung des Judentums, eine Versündigung an seinem Geiste und seiner Geschichte wäre, wenn der Begriff der Rechtgläubigkeil, der Orthodoxiefür dessen Feststellung es gar keine Instanz im Judentum gibt, als Parteibezeichnung darin Aufnahme fände. Es mag in „gutem Glauben" geschehen, aber dies ändert nichts an der Sache. Fassen wir die obigen Ausführungen zusamt men, so kommen wir zu folgendem Ergebnis: ein liberaler Jude ist ein Pleonasmus, ein orthodoxer Jude ist eine eontradietio in adjecto. II. Das Judentum ist eine Erkenntnisreligion. Sätze wie: „Du sollst Gott erkennen", „Voll wird die Erde sein von der Erkenntnis Gottes" u. dergl. bilden seine Signatur. Will man diese, wfe bei einer Münze, den Avers oder die Vorderseite des Judentums nennen, so ist der Revers od,er die Kehrseite sittliche Tat und fromme Uebung. Ich verbinde keine bestimmte Absicht mit dieser Einteilung, man kann den Avers auch zum Revers machen und umgekehrt, ich will damit nur sagen, daß jede Münze zwei Seiten hat und daß es mit dem Judentum auch so ist. Es ist deshalb doch nur eine, aus einem und demselben Metall bestehende Münze. Die alte Formel für dieses einheitliche, in seiner Erscheinung doppelgestaltige Wesen des Judentums lautet: „Lernen und lehren, üben und tun." Insoweit die zweite Hälfte dieser Formel das Gebiet der reinen Sittlichkeit umfaßt, so unterliegt dasselbe keiner parteimäßig verschiedenen Beurteilung, die sittliche Vollkommenheit gilt allgemein nnd unbestritten als der ideale Zweck der Religion, — wohl aber ist der in der zweiten Hälfte der erwähnten Formel ebenfalls eingeschlossene Komplex der die Lebenshaltung bestimmenden Gebräuche der eigentliche Schauplatz der Parteibildung. Ob sie hier begründet ist? Und ob diese Begründung in den Parteibezeichnungen der Liberalen und Orthodoxen zum adäquaten Ausdruck kommt? Das wird nunmehr zu untersuchen sein. Die Frage wäre leicht gelöst, wenn gesagt würde, das Wesen des Liberalismus bedinge die Ausschließung aller religiösen Gebräuche. Wie ein solches abstraktes Judentum dann aussehen, ob es seine bisherige Haltbarkeit auch fernerhin beweisen würde, und wie es als Ausdruck einer bestimmten Gesamtheit zur Erscheinung gelangen könnte, ist freilich schwer zu sagen. Aber die Liberalen nehmen diesen Standpunkt, der allerdings an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig lassen würde, gar nicht.ein. Um nur von der Sabbathfeier zu reden, so wird sie, gleichviel in welchem Umfange, von dem weitaus größten Teile der Liberalen, wenigstens in Europa, beibehalten. Wichtiger ist noch!, daß sie an eine Kirchenspaltung, wie man nach christlichem Vorbilde im Reformationszeitalter vermuten sollte,- gar nicht denken. Sie sind vielmehr die entschiedensten Ver-