Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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®r 49 Dr« Bloch’s Jsftr0anö mi Zentraloroan kür die gesamten Interessen des Judentums. -nzr——□- Wien, 6. Dezember 1912 : Lrscbelnt jeden FreLtsg.i 'Brief-Adresse: Wien» ll/i, Asperubrückeng. 2 Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. Inhalt: Leitartikel: Liberalismus und Orthodoxie im Judentum. — Politik und Liebe. — Ein Judaifieren in der christlichen Kunst. — Korrespondenzen: Wien. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin. Emigrantenfürsorge der Israelitischen Allianz zu Wien. Zentralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag. Hilfsaktion für die jüdischen Opfer deS Krieges in den Balkanstaaten. Der Bodenankauf durch Juden in Palästina neuerlich verboten. Große Auswanderung der Juden aus Ungarn. Die jüdische Bevölkerung in Lydien. Der zweite Kongreß des jüdischen Jugendbundes in Italien. Baron Georg Worms gestorben. Oberrabbiner M. Marion. Die vierte Duma und die Juden. — Vermischtes. — Feuilleton: Was sich das jüdische Volk erzählt. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. O c? Drrrrgsprris für Vrfterrrirh: Q Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Aualnnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2„al gespal» 2 tene Petttzeile 4« Heller. C, QP ~~Q «. h. Postsparkassen««« Slearing-Verlrebr Wr. 810.976. Redattion und Administration: dt Vien U/i, Asperubrückengaffe 2 Telefon 1401» Kiveralismns und Orthodoxie im Judentum. *) Von Oberrabbiner Dr. M. Güd.emaun in Wien. Unter diesen Parieibezeichnungen haben sich vor einiger Zeit deutsche Rabbiner in zwei Lagern vereinigt, zwischen denen ein drittes von denjenigen unter ihnen, die weder dem einen noch dem anderen sich anzuschließen geneigt waren, gebildet worden ist. Die Bewegung, die zu diesem Resultat führte, war weder neu noch kräftig, aber es war immerhin eine Bewegung, an der man nicht teilnahmslos vorübergehen darf. Auch die Tagesgeschichte ist Geschichte und ihre Erkenntnis Wissenschaft, und wenn uns die ältere und alte Geschichte wegen der darauf ruhenden Patina ehrwürdig erscheint, so besitzt die neuere und neueste den Reiz der Unmittelbarkeit, der mancherlei Anregungen auslöst. Einer solchen folge ich, wenn ich versuche, eine Betrachtung über die Frage der Lonvenienz und Tragweite der Begriffe Liberalismus und Orthodorie im Judentums anzustellen. Ich wähle diesen allgemeinen und harmlosen Ausdruck für meine Untersuchung, weil ich nicht die Absicht damit verbinde, als Partermann aufzutreten. Vielmehr handelt es sich mir einzig und allein um die objektive Behandlung der Frage, ob und inwieweit die Begriffe Liberalismus und Orthodorie auf das Judentum überhaupt Anwendung finden. Nichts ist gewöhnlicher, als landläufige Begriffe auf beliebige Verhältnisse zu übertragen, ohne vorher zu prüfen, ob und inwieweit eine solche Uebertragung zulässig ist. Die Bequemlichkeit und der Schein geben hier wie in vielen anderen Dingen den Ausschlag. Nicht Weniger auch die Unklarheit, „denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein". Bei der Eigenart des Judentums aber führt ein solches Verfahren zu Mißverständnissen im Innern wie nach außen hin, wovon das letztere noch bedenklicher ist, als' das erstere. Wir haben nicht bloß die Verpflichtung, *) Diese Arbeit wurde im Sommer 1911 für ein anderes Blatt .geschrieben, von dort aber zurückgezogen und auf unser Ersuchen uns zur Verfügung gestellt. Die Redaktion. UNS selbst über das Wesen unserer Religion Klarheit zu verschaffen, sondern auch, sie bei der Welt als eine „weise und einsichtige" Einrichtung zur Anerkennung zu bringen. Leider aber wird sie von der Welt zumeist verkannt, wozu wir selbst insofern beitragen, als wir durch ihre Vermischung mit Fremdartigem, wie z. B. durch Uebertragung inadäquater Begriffe, kein reines und ungetrübtes Bild von ihr geben. Dies wird sich aus der folgenden Untersuchung über die Frage der Anwendbarkeit der Begriffe Liberalismus und Orthodorie im Judentum ergeben. I. Die Begriffe Liberalismus und liberal sind mit der Zeit sehr fadenscheinig geworden, und wenn sie ursprünglich gleichbedeutend mit Freisinn und freisinnig waren, so ist dies heutzutage kaum mehr der Fall. In der Politik hat der Nationalismus den Liberalismus totgeschlagen oder entwertet, er geht nur als ein belangloser Titel aus dem älteren politischen Hausrat nebenher, wie Fürsten solche Titel fortführen, die an einstige Herrscherrechte und Herrscherpflichten erinnern, die seit langem nicht mehr von ihnen ausgeübt werden. Auf diese Weise hat der Liberalismus sich bis zur Unkenntlichkeit, ja bis zur Verwechslung mit seinem Gegenteil verändert. Unter den Judenfeinden gibt es heutzutage auch solche, die sich liberal nennen, während in unseren frühesten Kämpfen um unsere Gleichberechtigung die damaligen Liberalen es für eine selbstverständliche Pflicht des Liberalismus erachteten, für unsere berechtigten Forderungen einzutreten. Was die Juden an Recht und Freiheit besitzen, verdanken sie jenen echten Liberalen, während die jetzigen unechten nicht übel Lust hätten, sie aus diesem Besitz zu verdrängen. Dieselbe Begriffsverfälschung tritt uns innerhalb der christlichen Theologie entgegen. Es sind gerade die sogenannten liberalen christlichen Theologen, deren Wissenschaft und Kritik darauf ausgehen, das Judentum systematisch zu verkleinern. Auf der ganzen Linie sind sie einverständlich bemüht, das Christentum vom Judentum zu emanzipieren, jede historische Verbindung mit ihm abzuleugnen, das Alte Testament aus der christ-