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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-11-29 · 48 (29.11.1912) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 48 De. Blochs Wochenschrift Seite 821 ein getaufter jüdischer Arzt entschied, der ebenso gelehrt war, wie er in diesen jüdischen Dingen es für die jüdische Gemeinde sehr genau nahm. Daneben freilich gab es noch eine Zweite, aber mehr weltliche Autorität. Es gab dort nämlich viele Christen, die, weil die jüdische Gemeinde sehr groß war und durch ihre soziale Stellung der ganzen Stadt das Gepräge gab, nicht bloß jüdisch-deutsch sprechen konnten, sondern zum Teil sogar erhebliche Kenntnisse im Ritual aufwiesen. Sie nahmen zuweilen am jüdischen Gemeinheleben teil, besonders der Polizist der kleinen Residenzstadt. An einem Rosch-haschanah-Fest war es in der Synagoge zu erheblichen Streitigkeiten gekommen, wer Schacharis und Mutzaf beten, wer Mincha und Maariw vortragen und wer gar Schofar blasen solle. Der Polizist, der d,en Lärm gehört hatte und nach Schul geeilt war, wurde wie immer als Schiedsrichter angerufen, da er die Fähigkeiten der einzelnen Gemeindemitglieder für die verschiedenen Teile des Gottesoienstewohl kannte. Und er entschied: Awrohom soll schachriten, 2ainkew mutzafiten, 2otzef Mordche minchiten, 2Hig Lump marifiten und endlich der grautze Zender soll titen (tuten, also Schofar blasen). Zur Zeit, als Reb Hahn und Reb Chajjim Vorsteher waren, kam eines Tages ein armer polnischer 2ude zu Hahn, um von der Gemeinde mit Rücksicht auf das bevorstehende 2om-Kippur-Fest eine größere Nedowe (milde Gabe) zu erhalten. Hahn wies ihn barsch ab. Dem armen 2uden blieb nichts anderes übrig, als zu gehen. Er tat es mit den Worten: „Ihr patzt zu 2enkipper, ihr täugt auf Kappores!" Von Hahn zur Rede gestellt, was das zu bedeuten habe, erwiderte ec: „Wenn man Kappores schlogt, sogt me doch auch: nnv?? ■fr m Nun. dieser Hohn gei zum Täud, und ich gei zum Parnes Chajjim." Auch hier ist der Wortwitz, der an die Namen Hahn und Chajjim anknüpft, das Bezeichnende im Witze. Aber er ist auch jüdisch durch Milieu, ohne datz er unverständlich und ohne Geschmack bleibt. 2n einem kleinen Städtchen Mecklenburgs sieht ein Balboos (Hausherr) am Freitag abend unter den sich dort einf'indenden Wanderbeltlern einen älteren Herrn, dem ein langer, schneeweißer Bart bis über die Brust hinabwallt und diesem ein besonders ehrwürdiges Aeutzere verleiht. Der Balboos fordert ihn ohne weiteres auf, für den ganzen Sabbat sein Gast zu sein, ebensowohl um den Vorzug zu haben, mit dem offenbar sehr gelehrten Mann Gemore (Gemara — disputierender Teil des Talmuds) zu lernen, wie um dem gelehrten Greise in einem vornehmen jüdischen Hause den Genutz des Sabbattages zuteil werden zu lassen. Als er nach der ersten Mahlzeit sich mit dem Aurech (Oreach Gast) unterhalten will, erkennt er zu seinem großen Schmerz, datz dieser ein Amorez de-aurajtze (Amhaarez de-Orajta, d. h. ein im Gesetz völlig unwissender Mann) ist. Nach dem Vormittagsgottesdienste fragt ihn der Dajan (Rabbinatsstellvertreter), wie er mit seinem Gast zufrieden sei, und er klagt ihm, wie er hereingefallen sei. „Und ich habe gedacht, einen solchen Bart hätte nur ein LaMden (Lamdan — Talmudgelehrter)." „Das ist kein Gemorebort," tröstet ihn der Dajan, „das ist nur ein Schnorrbort!" 2n Strelitz in Mecklenburg gab es überhaupt eine Stätte echten jüdischen Humors. Dort hatte der Volkswitz, wie in vielen anderen Städten, seine ständigen Figuren, ebenso wie seine witzigen Träger. Der Mann, aus dessen mündlicher Ueberlieferung wir unsere Kenntnis der älteren dieser Anekdoten haben, lebte in Strelitz zur Zeit des siebenjährigen Krieges und erzählte gern Reminiszenzen besonders vom Alten Fritzen. Er knüpfte sie an seine Vaterstadt Schwedt an der Oder an, von der er sehr schwärmte, wobei er aber nicht vergaß zu bemerken, daß es noch ein anderes M o k e m S ch w e i d t gäbe, und das sei a ganze Medine (Land, nämlich Schweden). Reb Hirsch, so hieß der Mann, stellte mit seiner Frau Blümchen allerlei dumme Streiche an. Seine Redeweise war witzig und für seine Ausdrucksweise ist es bezeichnend, wie er von der Ankunft der Russen erzählte. Er drückte sich nämlich so aus: „Mein Bruder, was ein beherzter Mann war, sagte, nter wollen laufen!" Für den Grotzherzog war er eine Art Hoffaktor und war sehr vertraut mit ihm. Er besorgte ihm Lotterielose und schrieb auf diese mit jüdischen Buchstaben Dukes (Herzog). Der Grotzherzog. der nicht wußte, datz dies der etwas ulkige 'Name des Landesherrn bei den 2uden war, machte sich das Vergnügen, das sonderbare Geschäftszeichen seines Hirsch zu lernen und es selbst fortan auf die von ihm gekauften Lose zu zeichnen?) Einst sah Herzog Karl, datz Hirsch ein hohes militärisches Ehrenzeichen auf der Brust trug. Er fmgte ihn, wofür er das bekommen habe. „Das habe ich bei Seefeld erhalten!" „Ach da," meinte der Herzog,, „wo ihr Mecklenburger von den Dänen Prügel gekrngt habt und weggelaufen seid." - „2mmer hinter unserm Herzog her," lautete die deutliche Antwort. Dieser Hirsch Löwenberg, der aber nach seiner Vaters stadt Schwedt Hersch Schwei dt genannt wurde, war bekannt als der Verfasser witziger Worte und Erzähler lustiger Schwänke. Dagegen waren andere Personen die stehenden Figuren des Volkshumors. Da war vor allem ein gewisser Mausche Klietz, dessen Erwerb es war, den Möpsen die Ohren zu stutzen. Wo er sich auf der Straße sehen ließ, stoben die Hunde auseinander. An einem Purimfest waren die jungen Leute als Masken von Haus zu Haus gegangen, darunter auch die Söhne des jüdischen Richters. Als diese auch, um eine scherzhafte Maskenvorstellung zu machen, in das Haus des genannten Mansche Klietz kamen, wurden sie in mehr als unhöflicher Weise hinausgetrieben. Am anderen Morgen nach dem Gottesdienst stellte der älteste von ihnen, ein fröhlicher Student, den Mann zur Rede mit den Worten: „Aber hören Sie einmal, Herr Moses, man sagt von 2hnen, Sie hätten gar Masken, die zu 2hnen gekommen wären, hinausgeschmissen? Das kann ich mir doch nicht denken!" „Wos kennen des for Lait sein," lautete die von Selbsterkenntnis erfüllte Antwort, „die zu mir kummen?" Viel unangenehmerer Natur als Mausche Klietz waren in Strelitz Mausche Fittche und 2tzig Lump. Dieser zweite, der seinen Beinamen deshalb trug, weil er ein einfacher Dieb und Einbrecher war, ließ sich im Gefängnis taufen. Aber nach der Feier sagte der Pfarrer zu ihm: „Seinen Leuten hat er keine Ehre gemacht, nun mach' er uns mehr Ehre!" Mausche Fittche war dagegen ein feiner Spitzbube, der es verstand, seinen Betrügereien ein Mäntelchen von Humor umzuhängen, wenn er dem Bauern für gutes Geld eine Mühle verkaufte. die er ihm auf dem Schenktisch mit Kreide malte und ihm diese gemalte Mühle statt einer mahlenden kontraktlich verkaufte. Einem Bauern verkaufte Mausche Fittche ein Pferd, und versicherte ihm auf die Frage, ob es keine Fehler habe, es sei „n Pferd as ne Popp (Puppe)". Als dem Bauern das Pferd in Gräben und Zäune ging und er darob entdeckte, daß es zwar Augen habe, aber auf beiden Augen blind seit und er deswegen den Verkäufer zur Rede stellte, antwortete ihm der verschlagene Gauner: y Die polnischen Juden kennen im Allgemeinen das Wort „Dukes" nicht für Herzog. Aber Salomon Maimon nennt im Dialekt eine Prinzessin „Ducksel". Das Wort ist das lateinische »Dux".

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