Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 48 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 816 Dr. Blochs Wochenfchrfft Nr. 48 nützung offen, eine Auskunftsstelle und für die kleinen Vereine eventuell gemeinsame Beamte, wenn nicht anders, Beamte von größeren Instituten überhaupt, die den Kanzleidienst bei den kleineren als Nebenbeschäftigung versehen sollen. Man sollte glauben, daß die Schwierigkeit der Errichtung eines solchen Hauses vor allem im materiellen Mangel zu suchen ist. Das erforderliche Geld würde leicht aufzubringen sein und ist zum Teile schon zugesagt, aber das alte Erbübel, die scheele Eifersucht der Vereine untereinander, der Egoismus der einzelnen Leitungen und vielleicht auch konfessionelle Perversitäten sind die schlimmsten Feinde dieser wahrhaft prächtigen Idee. Herr Windt aber, dem mehr als ein Armer zu verdanken hat, daß er sich heute in geordneter Lebensstellung befindet, statt von Schub zu Schub, von Arrest zu Arrest wandere, hat auch hier einen Ausweg gefunden. Er will die Selbständigkeit der Vereine unter allen Umstanden und mit den äußersten Mitteln aufrecht erhalten, er will das Haus unter der Patronanz der Polizei-Direktion in Wien erstehen laffen, wie Sie sehen, geleitet von einer Persönlichkeit, die objektiv und neutral allen einzelnen Wohltätigkeitsinstituten gegenübersteht. Es soll kein Verein von dem anderen beeinflußt werden, es soll kein Verein genötigt sein, Gebrauch zu machen von den gemeinsamen Einrichtungen, wenn er, wie es ja Vorkommen mag, seine eigenen Organe weit über alle anderen Rechercheure und Beamten stellt. Und wie ich vom Herzen hoffe, daß diese erhabene Idee zur Durchführung gelangt, so bin ich auch davon überzeugt, daß noch große Massen geistigen Goldes aus unserer Mitte zu heben wären, wenn wir die Gelegenheit ergriffen, der Spur des kleinsten Kornes nachzugehen. Nicht um zu hören sind Sie gekommen, aus Ihrer Mitte wollen wir neue Anregungen und Gedanken kennen lernen, ein jeder möge, was immer ihm im Interesse der Wohltätigkeit gelegen zu sein scheint, unserem Kreise mitteilen, je zahlreicher, je heterogener, ja vielleicht je entgegengesetzter die Gedanken sind, desto mehr wird ihrer Mischung enrsplingen. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen." Bielitz. (W ohltätigkeit.) In Anwesenheit eines größeren Publikums, darunter als Vertreter des israelitischen Kultusvorstandes die Herren kais. Rat S. Pollak, Dr. I. Schmetterling, Heilpern, E. Tisch, Rabbiner Dr. Steiner und einer Abordnung des israelitischen Frauenwohltätigkeitsvereines, wurde im Festsaale der israelitischen Kultusgemeinde die Hauptversammlung des israelitischen Handwerkervereines und die damit gewöhnlich verbundene Beteiligung der Handwerkslehrlinge mit Winterkleidern abgehalten. Herr Obmann Rudolf Kestel begrüßte die Teilnehmer der Versammlung, richtete eine Ansprache an die Lehrlinge und gedachte der mit dem Tode abgegangenen Vereinsmitglieder, vorzüglich des um den Verein hochverdieilten Herrn Samuel Tugendhat. Aus dem Vereinsberichte ist hervorzuheben, daß in den 32 Bestandsjahcen des Handwerkervereines bereits 102 Lehrlinge, darunter vier taubstumme, freigesprochen wurden, und heuer füitf; daß der Verein heuer 22 Lehrlinge hält und bei einer Einnahme von 1254 Kronen diesmal mit einem Kaffenüberschusse von 174 Kronen abschließt. Infolge der Spenden der Herren kais. Rat A. Lembeiger, Schulrat B armaper und H. Heilpern ist er diesmal sogar in der Lage, ein Fondsvermögen von 1204 Kronen auszuweisen. Dank der Bemühungen des Herrn Rabbiners Dr. Steiner hat sich der Mitgliederstand um 10 gehoben. Herr kais. Rat Pollak würdigte die Erfolge des Vereines bei so bescheidenen Mitteln und die 33 Jahre hindurch bewährte Arbeitsfreudigkeil des Herün Obmannes K e st e l und wünschte weiteres segenoolles Gedeihen seiner verdienstvollen Vereinsarbeit. Herr Rabbiner Dr. Steiner richtete an die Versammlung die Einladung, in die Reihen der Vereinsmitglieder einzutreten und mit vereinten Kräften dahin zu wirkeNj, daß das höchste Ziel der Wirksamkeit des Handwerker? Vereines, die Schaffung eines eigenen jüdischen Lehrlingsheimes in Bielitz, in die Tat umgesetzt werde, worauf die Versammlung geschloffen wurde. •___ Die wirtschaftliche Krise in Galizien. Wie uns aus Krakau geschrieben wird, nimmt die wirtschaftliche Krise in Galizien besonders unter den Juden in so erschreckendem Maße überhand, daß, falls nicht raschest in rationeller Weise Abhilfe geschaffen wird, eine wirtschaftliche Katastrophe entstehen kann, deren Folgen für die Juden unabsehbar sind. Zunächst äußert sich diese Krise in einer stark anwachsenden Auswanderung der Juden in Galizien, was jedoch schon deshalb von großem Hebel ist, weil nicht immer die arbeitsfähigen und Wirtschaftlich haltbaren Juden zu dem Wanderstab ' greifen, sondern vor allem diejenigen, welche sich auch anderswo nur schwer eine Existenz gründen können. Die politische Krise und die Kriegsgefahr steigern natürlich auch die Geldkrise in noch erhöhterem Maße, und es ist geradezu unglaublich, mit welchem Gleichmut die einflußreichen Persönlichkeiten diesem wirtschaftlichen Verfall des jüdischen Bürgertums in Galizien zusehen. Die galizische Krise hat auch für die anderen Länder und deren Juden insoferne eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. als die wirtschaftlich Derouten zunächst die benachbarten Länder und Städte aufsuchen und dort die Zahl derjenigen vergrößern, welche die öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch nehmen. Konstituierung des Landesverbandes der Jto in Ungarn. Vorige Woche fand in Budapest die konstituierende Sitzung des Landesverbandes der Jto unter Vorsitz des Hofrates Julius Winterberg, Präsident der Budapester Chewra Kadischa, statt. An der Sitzung haben außerdem Redakteur Mar Szabolcsv, dessen Propagandatätigkeit der Aufschwung der Jto-Bewegung in Ungarn zu danken ist, ferner die Mitglieder des Aktionskomitees, Dr. Moritz Mezey, Präsident der israelitischen Landeskanzlei, Baron Adolf Kohner, Hofrat Direktor Franz Szekely, Großfabrikant Manfred Weiß de Csepeli, die Reichstagsabgeordneten Dr. Samuel Bakonyi und Dr. Julius Rosenberg, ferner der Präsident der Pester israelitischen Kultusgemeinde Ludwig Adler und Vorsteher Dr. Moritz Stiller, weiters Jakob Simon de Boglar, Baron Vela Dirsztay, die Rabbiner Dr. Simon Hevesy. Elias Adler, Dr. Arnold Kiß, Dr. Ludwig Venetianer, sowie der Präsident der Ofener Kultusgemeinde Dr. Isidor Szabolcsv, Seminarprofessor Dr. Ludwig Blau u. m. a. teilgenommen. An einen vom Vorsitzenden Hofrat Winterberg erstatteten Bericht über den gegenwärtigen Stand der Bewegung in Ungarn schloß sich ein ausführliches Referat des Redakteurs Mar Szabolcsv über die Jto- Bewegung im allgemeinen an, worauf nach eingehender Diskuffion, an welcher sich sämtliche Anwesende beteiligt batten, der -Beschluß gefaßt wurde, dem Zentralrate in London vorläufig einen Beitrag von Kr. 5000 für die ungarische Jto-Organisation zur Verfügung zu stellen. Die Versammelten sandten ein Begrüßungstelegramm an den Führer der Bewegung, Israel Zangwill Mit dem Ersuchen, von bi-ffer Sympathiekundgebung auch Herrn Leopold de Rothschild und die übrigen Mitglieder des Jto-Rates in Kenntnis zu setzen. Zum Präsidenten der Budapester Sektion wurde der Hofrat Minterberg einhellig gewählt. Herrn Redakteur Szabolcsn wurde für seine hervorragenden Verdienste um die Bewegung, welche heute in Ungarn bereits 2350 Mitglieder zählt, Anerkennung und Dank votiert. Die Erfolge eines jüdischenWehrers. Bekanntlich haben der österreichisch-ungarische Reichskriegsminister v. Vitreich. der unaarische Landesverteidignnasminister v. Bibar und der Admiral v. Montecuccoli ein Schreib- und Lesennterrichtssystem, da« sagenannte Gäbelsche System, für den Unterricht der Analphabeten-Rekruten der gemeinsamen Armee, der Hanvedmannschast und der Marine den Mannschastsschulen ongeordnet. Mit Hilfe dieses Unterrichtsverfahren erlernt sowohl das kleine Kind als auch der erwachsene Analphabet binnen 10—13 Lektion8stunden das Schreiben—Lesen in solchem Maße, daß das Kind oder Mann imstande ist. seine Gedanken schriftlich auszudrücken. Infolge obqenannten Ministerialerlasses hat nun der Lemberger Korpskommandant Desiderius